Ausgabe 03 | 2019

Fokus "Fachkräftemangel"

Technik, Gesundheit, Pädagogik

Quereinstieg: Ja, aber ...

Die Idee taucht immer wieder auf: Wenn in einer Branche Mangel herrscht, könnten motivierte und fähige Quereinsteigende die Lücken füllen. Das funktioniert aber nicht ohne Weiteres. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, und welche Angebote gibt es?

Von Anna Zbinden Lüthi, PANORAMA-Redaktorin

Unter anderem mit Angeboten zum Quereinstieg wollen die höheren Fachschulen genügend Pflegefachpersonen ausbilden. (Bild: Pia Neuenschwander/Spitex Schweiz)

Unter anderem mit Angeboten zum Quereinstieg wollen die höheren Fachschulen genügend Pflegefachpersonen ausbilden. (Bild: Pia Neuenschwander/Spitex Schweiz)

«Am ehesten sehe ich Sie im Service», sagt mir der Profi aus der Hotelbranche. Und nein, als Köchin, wo Mangel herrsche, hätte ich keine Chance. Eine Bratensauce fachgerecht zubereiten lerne man nur in einer Lehre, da würden mir weder Cateringerfahrungen noch Hochschulabschluss oder gar das Diplom als Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin nützen. Mit viel Glück – man bedenke Alter, körperliche Konstitution, Konkurrenz – würde das für mich heissen: zurück auf Feld eins, zu Studentenjobs in Cafés und Restaurants, wo allerdings keineswegs Fachkräftemangel herrscht. Dieses Gespräch hat zwar so stattgefunden, allerdings aufgrund eines Missverständnisses: Ich bleibe gerne Redaktorin. Das Gespräch zeigt aber auch: Ein schneller Quereinstieg in einen Beruf, in dem Fachkräftebedarf herrscht, ist eine Illusion. Denn Bedarf zeichnet sich laut SECO in Berufen ab, die von starkem Beschäftigungswachstum und tiefer Arbeitslosigkeit, aber eben auch von hohen Anforderungen geprägt sind. Dennoch wird in einigen Branchen – als eine von vielen Handlungsstrategien gegen den Fachkräftemangel – nach besseren Rahmenbedingungen und neuen Bildungswegen für Quereinsteigende gesucht. Dabei gilt es, zwischen dem Quereinstieg in ähnliche Berufe oder in gänzlich neue Berufe zu unterscheiden und «quer» nicht mit «schnell und mühelos» gleichzusetzen. In diesem Beitrag werden drei Branchen näher beleuchtet.

Potenzial von Qualifizierten in der MEM-Industrie

Quereinsteigende Fachkräfte der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) sind Menschen, die bereits eine Erstausbildung in technischen oder angrenzenden Branchen absolviert haben. Beispielsweise ein Elektromonteur im Baubereich, der sich Richtung Automation weiterentwickeln will. Dies erklärt Rolf Kaufmann, Ressortleiter Bildung bei Swissmem. Mit der «MEM-Passerelle 4.0» beabsichtigt der Verband, das Potenzial von bereits qualifizierten Erwachsenen durch zielgerichtete Umschulungen zu nutzen (siehe PANORAMA 4/2018). «Dabei sollen die individuellen Vorerfahrungen und Kompetenzen berücksichtigt und ein erwachsenengerechter Umschulungsweg mittels E-Learning und Selbststudium entwickelt werden», sagt Kaufmann. Im Herbst 2019 starten erste Pilotkurse. Ein weiterer Quereinstieg in den Technikbereich ist «Way-up», das Jugendliche mit einer gymnasialen Matura in zwei Jahren zu einem Berufsabschluss EFZ führt. Akuter Mangel herrscht bei den Ingenieurberufen. Eine Sonderregelung des Bundes für die MINT-Berufe (Berufe der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) lässt auch Interessierte ohne Berufsmatura oder mit ausländischen Vorbildungen zum Studium an einer Fachhochschule zu, beispielsweise über den Vorkurs «Fit fürs Studium» am Bildungszentrum Brugg. Für die Informatik prognostiziert ein Bericht des Instituts für Wirtschaftsstudien Basel bis 2026 einen Bedarf von 40'000 zusätzlich ausgebildeten Fachkräften. Laut diesem Bericht haben sich 61 Prozent aller Fachkräfte im ICT-Bereich nicht formal, sondern autodidaktisch oder «on the job» qualifiziert. Gemäss Serge Frech, Geschäftsführer ICT-Berufsbildung Schweiz, werden formale Abschlüsse und Hochschulabschlüsse zunehmend gefordert. Es reiche nicht, dass man schon einmal eine App oder Website gemacht habe, denn Informatik sei viel mehr als das. «Nur bei einem formalen Abschluss kann der Arbeitgeber sicher sein, welche Kompetenzen der Arbeitnehmer hat. Deshalb lohnt es sich, sich auch als 50-Jähriger die Kompetenzen validieren zu lassen», ist Frech überzeugt. Bei einer Zweitausbildung seien die Lebenshaltungskosten der grösste Stolperstein. Es brauche daher Arbeitgeber, die das Potenzial von Interessierten sehen und bereit sind, überdurchschnittlich hohe Praktikumslöhne zu bezahlen. Und: «Arbeitnehmende müssen sich mit permanenten Weiterbildungen immer auf dem neusten Stand halten. Das gilt sowohl für die Informatikerin mit Hochschulabschluss als auch für den Quereinsteiger, der spezifische Programmiersprachen beherrscht», sagt Frech. Erworbene Kompetenzen können mit dem Zertifikat von «SI-Professional» belegt werden. Dieses erlaubt es Informatikern, die Aktualität ihres Wissens durch eine unabhängige Instanz bestätigen zu lassen.

Quereinstieg hat im Gesundheitswesen schon fast Tradition

Im Gesundheitswesen herrscht insbesondere bei den diplomierten Pflegefachpersonen mit Abschluss auf der Tertiärstufe akuter Bedarf. Besonders gross ist der Bedarf in der Langzeitpflege. Unterstützt vom SBFI lancieren deshalb die Branchenorganisationen Curaviva Schweiz, Spitex Schweiz und OdASanté im Sommer 2019 eine nationale Kampagne für die Langzeitpflege, die sich unter anderem an Quereinsteigende richtet und die Zahl der Abschlüsse auf Tertiärstufe erhöhen sowie die Vorteile der Ausbildung aufzeigen will. In der Deutschschweiz werden vollzeitliche oder berufsbegleitende Pflegeausbildungen an Fachhochschulen und höheren Fachschulen angeboten, in der Romandie vorwiegend an Fachhochschulen. Spezifische Programme für Quereinsteigende gibt es zum Beispiel in Bern und Zürich. «In Gesundheitsberufen wie Pflege, Aktivierung und Orthoptik ist der Quereinstieg fast schon Tradition. In der Vollzeitausbildung zur Pflege HF bringen ungefähr 40 Prozent unserer Studierenden eine Vorbildung beispielsweise aus Technik, Gastronomie oder KV mit», sagt Michael Steeg, Abteilungsleiter am Zentrum für Ausbildung im Gesundheitswesen Kanton Zürich (ZAG). Laut der Rektorin Hanni Wipf ist die beste Vorbereitung auf die Ausbildung für Quereinsteigende ein Praktikum von rund einem Monat, um die Rahmenbedingungen und die Aufgaben kennenzulernen. Die meisten HF-Studierenden am ZAG sind zwischen 21 und 45 Jahre alt. Es gibt keine Altersbeschränkung, aktuell bereitet sich eine 62-Jährige auf den Abschluss vor. Das ZAG bietet neben den Vollzeitausbildungen auch eine berufsbegleitende Ausbildung an, in der bereits erworbene Bildungsleistungen angerechnet werden können. Quereinsteigende in die Ausbildung auf Stufe HF müssen ein Zulassungsverfahren bestehen. Wipf weist auch auf den anspruchsvollen schulischen Anteil hin: Quereinsteigende besuchen den gleichen Studiengang wie Studierende, die bereits eine Ausbildung als Fachfrau oder Fachmann Gesundheit absolviert haben und einschlägiges Vorwissen mitbringen. Ein weiteres Problem für Quereinsteigende sieht die Rektorin in der Finanzierung, vor allem für Mütter und Väter. Einige Institutionen bezahlen Quereinsteigenden unter bestimmten Bedingungen höhere Löhne als üblich. Dennoch müssen viele Studierende während ihrer Ausbildung mit einem Nebenerwerb zusätzlich Geld verdienen. Womit begründen die Gärtnerinnen, Moderatoren oder Techniker ihr Interesse für eine Zweitausbildung im Gesundheitswesen? Von allen geschätzt werden die Durchlässigkeit des Bildungssystems im Gesundheitswesen sowie die Möglichkeiten zur Weiterentwicklung in Fachabteilungen oder spezielle Funktionen. «Oft ist es auch der Wunsch, einen sinnvollen Beruf auszuüben und dabei etwas zu bewegen», sagt Steeg.

Zyklen von Mangel und Überschuss im Lehrerberuf

«Phasen von Mangel und von Überschuss wechseln sich im Lehrerberuf seit vielen Jahrzehnten ab», sagt Catherine Bauer, Forschungsbeauftragte der PH Bern. Sie nennt als Gründe für den aktuellen Mangel steigende Schülerzahlen, die Pensionierungswelle der Babyboomer und die Abnahme des Prestiges dieses Berufs. Mit der Festlegung verbindlicher Kriterien für die Zulassung und Ausbildung von Quereinsteigenden durch die EDK entwickle sich der Quereinstieg zunehmend von der Notfallmassnahme zum etablierten Zugangsweg in die Lehrerinnen- und Lehrerbildung, sagt Bauer. Gemäss EDK gelten als Quereinsteigende berufserfahrene Personen aus anderen Berufen mit mindestens drei Jahren Berufserfahrung. Sie sind zudem mindestens 30 Jahre alt und verfügen über eine abgeschlossene Berufsausbildung, einen anderen Abschluss der Sekundarstufe II oder einen Abschluss auf der Tertiärstufe. Die Kantone und die Ausbildungsinstitutionen entscheiden selbst, ob sie Quereinsteigende ausbilden und welche Möglichkeiten sie für den Quereinstieg anbieten. Bauer empfiehlt interessierten Personen, genau zu prüfen, was die jeweilige Hochschule verlangt und anbietet; die Zulassung und die Inhalte seien trotz den EDK-Richtlinien unterschiedlich. Warum entscheidet man sich für den Lehrerberuf als Zweit- oder Drittberuf? «Quereinsteigende sind meist sehr intrinsisch motiviert, wollen mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, der Gesellschaft etwas zurückgeben», sagt Bauer. Oft gebe es aber auch handfeste Gründe, sich für diesen Beruf zu entscheiden, wie die bessere Vereinbarkeit mit Familienpflichten, wirtschaftliche Gründe, die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit. Verschiedene Studien würden zeigen, dass Quereinsteigende gut informiert und lerninteressiert seien und sich der Vielfalt der Aufgaben – insbesondere in den Bereichen Kommunikation und Administration – oft sehr gut gewachsen fühlten. Das schütze sie aber nicht vor Enttäuschungen, sagt Bauer, und nennt andere Vorstellungen von Teamarbeit, das Fehlen klarer Standards und Feedbacks sowie Gefühle der Isolation. Wie in den anderen Branchen müssten auch Quereinsteigende in den Lehrerberuf bereit sein, sich auf neue Berufserfahrungen einzustellen, sich aus Routinen zu lösen, sich auf die Ausbildung ebenso einzulassen wie auf zeitliche und finanzielle Engpässe sowie eine hohe Arbeitsbelastung.

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PANORAMA Nr. 6 | 2019 mit dem Fokus «Steigende Anforderungen» erscheint am 13. Dezember.