Ausgabe 04 | 2018

Fokus "Handicap"

IV-Berufsberatung

«Sich schweren Herzens vom Wunschberuf verabschieden»

Als Laufbahn- und Rehabilitationspsychologin begleitet Béatrice Kiriacescu Klienten und Klientinnen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Ihr beruflicher Alltag bei der IV-Stelle des Kantons Waadt hat viele Facetten.

Interview: Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

Béatrice Kiriacescu ist Laufbahn- und Rehabilitationspsychologin bei der IV-Stelle des Kantons Waadt. (Bild: Ingrid Rollier)

Béatrice Kiriacescu ist Laufbahn- und Rehabilitationspsychologin bei der IV-Stelle des Kantons Waadt. (Bild: Ingrid Rollier)

PANORAMA: Was ist das Besondere an der Berufsberatung in einer IV-Stelle? Béatrice Kiriacescu: Wir betreuen Klienten mit Gesundheitsstörungen. Aufgrund der Arztberichte eruieren wir die damit verbundenen funktionellen Einschränkungen und definieren berufliche Tätigkeiten, die dem Klienten langfristig möglich sind. Als Erstes prüfen wir, ob eine Wiedereingliederung überhaupt infrage kommt und ob die IV die damit verbundenen Kosten übernimmt. Wir begleiten die Klientinnen oft über einen langen Zeitraum. Wir haben Einsicht in alle medizinischen, psychologischen und pädagogischen Unterlagen und sind regelmässig im Gespräch mit allen beteiligten Akteuren.

Welche Rolle spielen Sie bei der Berufsberatung von Jugendlichen?
Wir stehen in Kontakt mit den Regel- oder Sonderschulen, welche die Jugendlichen mit Gesundheitsstörungen besuchen. Zwei Jahre vor Ende der obligatorischen Schulzeit führen wir eine Standortbestimmung durch. Diese umfasst psychometrische und Interessen-Tests, aber auch eine Evaluation des Schulniveaus, logischen Denkens, Konzentrationsvermögens usw. Wir verwenden also die üblichen Instrumente der Berufsberatung. Wir beziehen auch die Schulzeugnisse sowie medizinische und pädagogische Berichte ein. So können wir ein den individuellen Fähigkeiten entsprechendes Ausbildungs- und Berufsziel festlegen. Dabei berücksichtigen wir auch, welche Voraussetzungen für eine Berufsbildung momentan noch nicht vorhanden sind, aber noch erworben werden können.

Nach welchen Kriterien beurteilen Sie, ob Jugendliche eine Berufsbildung in einem regulären Betrieb oder in einem spezialisierten Ausbildungszentrum absolvieren können?
Ein Jahr vor Ende der obligatorischen Schulzeit wägen wir bei einem Gespräch ab, ob die Jugendlichen über die Fähigkeiten verfügen, relativ autonom eine berufliche Grundbildung in einem Unternehmen zu absolvieren, oder ob sie eher die spezifische Betreuung benötigen, die ein Ausbildungszentrum bietet. Bei diesem Gespräch klären wir auch, ob der Berufswunsch der Jugendlichen mit ihren physischen, psychischen und kognitiven Möglichkeiten übereinstimmt und wie wir ihre Interessen am besten einbeziehen können. So ist zum Beispiel der Beruf des Zimmermanns für einen Jugendlichen mit körperlichen Beeinträchtigungen nicht geeignet, und jemand mit Angststörungen kann eher nicht im Verkauf arbeiten. Oft müssen Jugendliche und ihre Eltern sich schweren Herzens von einem Wunschberuf verabschieden. Ich helfe ihnen dabei, ein passenderes Berufsziel zu formulieren.

Wie geht die Betreuung danach weiter?
Der Bildungsweg von Jugendlichen mit Gesundheitsstörungen kann viele Jahre in Anspruch nehmen. Sie sind doppelt belastet, einerseits durch ihre gesundheitliche Situation und andererseits durch die Anforderungen des Arbeitsmarkts. In einem Ausbildungszentrum durchlaufen sie zuerst eine dreimonatige Berufswahlphase. Danach folgt eine Berufsvorbereitung mit dem Ziel, die Ausbildung im folgenden Jahr zu beginnen. Die Begleitung von Klientinnen, die eine Berufsbildung in einem Betrieb absolvieren, sieht etwas anders aus. Da muss ich zum Beispiel den Berufsbildungsverantwortlichen erklären, dass eine Lernende wegen ihrer gesundheitlichen Probleme öfter Absenzen haben wird und dass sie dafür nicht bestraft werden sollte. Oder ich nehme Kontakt mit dem Arzt auf, um mir ein besseres Bild von den gesundheitlichen Einschränkungen machen zu können. Ich stehe den Arbeitgebern zur Verfügung, wenn sie unsicher sind oder schwierige Situationen besprechen möchten. Mit allen Klientinnen finden regelmässige Treffen statt, bei denen wir Bilanz ziehen und die Massnahmen wenn nötig anpassen. Bei diesen Gesprächen sind alle beteiligten Akteure (Ärzte, Psychologinnen, Berufsbildner, Arbeitgeber) dabei.

Wird für Ihre Aufgabe eine Ausbildung als Psychologin vorausgesetzt?
Nur für die Begleitung von Jugendlichen. Etwa ein Drittel unserer Beratenden sind diplomierte Psychologinnen oder Psychologen. Berufsberaterinnen und -berater, die bei uns anfangen, erhalten eine 14-monatige interne Schulung, bei der sie von einem erfahrenen Kollegen begleitet werden, der die offiziellen Entscheide unterzeichnet.

Wie lassen sich Beeinträchtigungen mit den Anforderungen des Arbeitsmarktes vereinbaren?
Wir versuchen herauszufinden, wie eine Person mit Gesundheitsstörungen dank einer passenden Berufstätigkeit so weit wie möglich selber für ihren Lebensunterhalt aufkommen und finanzielle Unabhängigkeit erlangen kann. Damit wir ihre Einkommenschancen abschätzen können, müssen wir die Arbeitswelt, die Berufe und deren Anforderungen, Arbeitsrhythmen, Arbeitsbedingungen und Lohnniveaus gut kennen. Ein Jugendlicher, der die Fähigkeiten für ein EFZ hat, sollte sich nicht mit einem EBA zufriedengeben. Wir fördern ihn mit Coaching und Stützunterricht, damit die Ausbildung gelingt und er dank einer besseren Arbeitsmarktfähigkeit wirtschaftlich möglichst wenig benachteiligt ist. Wenn die Einschränkungen einer Person aber zu gross sind und eine Eingliederung im ersten Arbeitsmarkt nicht möglich ist, vermitteln wir sie an eine geschützte Werkstatt. Auch dann unterstützen wir aber die Kompetenzentwicklung und zielen langfristig auf eine Eingliederung in ein Unternehmen ab.

Wie gehen Sie bei erwachsenen Klienten vor?
Ganz ähnlich wie bei den Jugendlichen: Wir analysieren zuerst die gesundheitliche Situation. Allerdings stützen wir uns bei Erwachsenen stärker auf die bisherige Berufslaufbahn (Lebenslauf, Ausbildung, Berufserfahrung, Arbeitszeugnisse usw.) und untersuchen, ob sie die frühere Tätigkeit nach einem Unterbruch wieder aufnehmen können. Wenn nötig führen wir Interessen- und Wertetests sowie eine Kompetenzenbilanz durch oder lassen sie extern durchführen. Auf der Grundlage dieser Elemente und vor allem der medizinischen Berichte müssen wir entscheiden, ob die bisherige berufliche Tätigkeit künftig noch geeignet ist oder ob eine von uns begleitete Neuorientierung notwendig wird. Anschliessend unterstützen wir falls nötig die Stellensuche und klären ab, ob Anrecht auf eine IV-Rente besteht.

Links und Literaturhinweise

Bellier-Teichmann, T., Fusi, M., Pomini, V. (2017): Évaluer les ressources des patients: une approche centrée sur le rétablissement. In: Pratiques Psychologiques (N° 1[23], p. 41-59).

Kasten

Die Ressourcen stärken

Von Shékina Rochat (Amt für Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung des Kantons Waadt in Lausanne) und Tanja Bellier-Teichmann (Universitätsspital Genf)

Sich der eigenen Ressourcen bewusst zu werden, stärkt das Selbstvertrauen und hilft bei beruflichen Übergängen. Bildkarten können diesen Prozess unterstützen. (Bild: zvg)

Das Tool «Aeres», das ursprünglich für die Förderung der psychischen Gesundheit entwickelt wurde, ist auch in der Berufsberatung nützlich.

Für einen optimalen Ablauf von (Neu-)Orientierungs- und (Wieder-)Eingliederungsprozessen ist es ganz entscheidend, dass sich die Klienten und Klientinnen ihrer persönlichen Ressourcen bewusst werden. «Aeres» ist ein neues Instrument zur Selbsteinschätzung der eigenen Ressourcen. Es besteht aus Bildkarten, die verschiedene Ressourcen symbolisieren: persönliche Stärken und Eigenschaften (zum Beispiel Optimismus oder Humor), Hobbys und Talente (zum Beispiel Sport oder kreatives Gestalten) oder externe Ressourcen (zum Beispiel das persönliche Umfeld oder der Wohnort).

Anleitung

Die Karten werden gemeinsam mit der Beraterin oder dem Berater angeschaut. Dabei sollen die Klienten und Klientinnen in einem ersten Schritt diejenigen Ressourcen heraussuchen, über die sie verfügen. In einem zweiten Schritt werden sie angehalten, aus den verfügbaren Ressourcen diejenigen auszuwählen, die zur Bewältigung des Übergangs beitragen könnten. Bei einem dritten Durchgang identifizieren die Klienten und Klientinnen die Ressourcen, die sie gerne stärken oder weiterentwickeln möchten. Im Beratungsgespräch wird dann vertieft, wie die Klienten und Klientinnen ihre Ressourcen im Alltag einsetzen und wie die Ressourcen den Übergang erleichtern können.

Überzeugende Ergebnisse

Eine erste empirische Untersuchung mit 213 Personen mit psychischen Schwierigkeiten hat gezeigt, dass die Ressourcen-Identifizierung mit «Aeres» eine Stärkung des Selbstvertrauens sowie des Empfindens von Sinnhaftigkeit, Zufriedenheit, Glück und Ausgeglichenheit der Teilnehmenden begünstigt. Das Instrument ist bisher auf Französisch und Englisch verfügbar. Eine deutsche Ausgabe ist in Planung.

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PANORAMA Nr. 6 | 2019 mit dem Fokus «Steigende Anforderungen» erscheint am 13. Dezember.