Ausgabe 03 | 2018

BERUFSBERATUNG

Forschung auf europäischer Ebene

«Nur wenn Forschung und Praxis interagieren, gibt es Fortschritte»

Das Doktoratsprogramm ECADOC will ein europäisches Netzwerk schaffen, das die Forschung im Bereich der Berufs- und Laufbahnberatung voranbringt. Ein kürzlich erschienener Sammelband stellt neue Forschungsperspektiven vor, die aus dem Programm hervorgegangen sind. PANORAMA hat mit Jérôme Rossier, einem der Initiatoren des Projekts, gesprochen.

Interview: Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

Jérôme Rossier ist Professor und Leiter des Forschungszentrums für Berufs- und Laufbahnberatungspsychologie CePCO der Universität Lausanne. (Bild: Hugues Siegenthaler)

Jérôme Rossier ist Professor und Leiter des Forschungszentrums für Berufs- und Laufbahnberatungspsychologie CePCO der Universität Lausanne. (Bild: Hugues Siegenthaler)

PANORAMA: Vor Kurzem fand in Athen die fünfte Sommerschule des Doktoratsprogramms «European Doctoral Program in Career Guidance and Counseling» (ECADOC) statt. Worum geht es dabei? Jérôme Rossier: Die ECADOC-Sommerschule ist ein jährlicher Treffpunkt für Doktoranden, Professoren und Experten aus dem Bereich Berufs- und Laufbahnberatung. Das Projekt wurde 2014 ins Leben gerufen und die ersten drei Jahre von der Europäischen Kommission finanziert. Es ist aus der Zusammenarbeit mehrerer europäischer Hochschulen entstanden, die in diesem Fachbereich forschen und lehren. Jedes Jahr organisiert ein anderes Land die Sommerschule, bestimmt die Themen und lädt die Referenten und Referentinnen ein. Bis zu 20 Doktorandinnen und Doktoranden werden aufgrund ihres Forschungsthemas, der Wichtigkeit und des Stands ihrer Forschungsarbeit ausgewählt. Die meisten sind aus Europa, dazu kommen einige Stipendiaten aus Schwellenländern. Das Ziel des Programms ist, aktuelle Problemstellungen der Berufs- und Laufbahnberatung zu beleuchten, gemeinsame Projekte zu initiieren und ein europaweites Forschungsnetzwerk aufzubauen. Die Sommerschule gibt den Promovierenden die Möglichkeit, ihre methodischen und wissenschaftlichen Kompetenzen in fach- und bereichsübergreifenden Kursen zu verbessern und sich mit Fachpersonen aus ihrem Forschungsbereich auszutauschen.

Welche Bilanz ziehen Sie bisher?
Das Ziel, ein dynamisches und lebendiges Forschungsnetzwerk zu bilden, wurde erreicht, und es wurden mehrere neue, gemeinsame Projekte initiiert. Der Austausch findet auf mehreren Ebenen statt: zwischen den einzelnen Teilnehmenden, den Partnerinstitutionen und verschiedenen Berufsbildungsakteuren im weitesten Sinne. Im Frühling 2018 haben wir einen Sammelband mit Artikeln veröffentlicht, die aus der Zusammenarbeit der Forschenden entstanden sind. Einige Projekte sind während der einwöchigen Sommerschule entstanden und beschäftigen sich mit aktuellen Forschungsthemen: Sinnhaftigkeit von Arbeit, Eingliederung von randständigen Menschen, Methoden zur Nutzung von individuellen Ressourcen, Anpassungskompetenzen zur Bewältigung von Schwierigkeiten, Anwendungen der positiven Psychologie usw. Im Rahmen der gemeinsamen Projekte haben wir zudem eine europäische Forschungsagenda für die Berufs- und Laufbahnberatung entwickelt, die in diesem Werk ebenfalls vorgestellt wird. Die Agenda führt die für die Berufsberatung wichtigen Themenfelder und deren Berührungspunkte auf und will damit die Forschungstätigkeit in diesem Bereich anregen.

Was sind die wichtigsten Forschungsthemen in Europa?
Die Themen entwickeln sich parallel zu den Problemen, mit denen sich die Gesellschaft auseinandersetzen muss. Die Beratungspraxis passt sich laufend den Bedürfnissen der Klientinnen und Klienten an, und die Forschung begleitet diesen Wandel. Migrationsbewegungen zum Beispiel verändern die Klienten-Typologie und stellen neue Anforderungen an die Berufsberatung. Die soziale und berufliche Integration von Migrantinnen und Migranten ist heute für alle europäischen Länder eine grosse Herausforderung. Stellt die öffentliche Hand Eingliederungsmassnahmen für Migranten bereit, wirkt sich das auch auf die Beratungstätigkeit aus. In diesem Bereich steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen. Wir untersuchen die Einbindung der Berufs- und Laufbahnberatung in die Eingliederungsmassnahmen: Was kann die Berufsberatung zu den Massnahmen beitragen? Welche spezifischen Instrumente können dafür entwickelt werden? Welche neuen Kompetenzen brauchen Beratende, um auf die neuen Bedürfnisse reagieren zu können? Eine weitere Herausforderung, die alle Länder kennen: die Eingliederung von Jugendlichen mit Schwierigkeiten. Auch im Bereich Menschen mit Behinderung gibt es noch grossen Forschungsbedarf. Ganz allgemein bedürfen Themen wie Vulnerabilität, berufliche Übergänge und die oft damit einhergehende Prekarität einer eingehenderen Untersuchung. Wir analysieren auch die Veränderung von Laufbahnen und deren Bedeutung für die Berufsberatung (Bewältigung der zweiten Karrierehälfte oder des Übergangs in den Ruhestand, Verbleib und Positionierung auf dem Arbeitsmarkt von über 50-Jährigen usw.). Zudem denken wir über die sozialen Folgen gewisser politischer Entscheidungen für die Entwicklung des Einzelnen und der Gesellschaft als Ganzes nach: Wie kann die Berufsberatung erfolgreiche Interventionen begünstigen? Welche Leistungen und Ressourcen können entwickelt werden? Wir wollen nicht nur die praktischen Interventionen, sondern auch die theoretischen Modelle verbessern. Die Theorie der Anpassung an den Arbeitsmarkt oder das sozial-kognitive Konzept der schulischen Berufsberatung sind nach wie vor relevant. Doch es müssen auch neue Aspekte berücksichtigt werden, wie die Sinnhaftigkeit von Arbeit, die arbeitsbezogenen Werte, die mobilisierbaren Ressourcen und die Lebensgeschichte einer Person.

Gibt es grosse Unterschiede zwischen den Problemstellungen einzelner Länder?
In Europa sind sie überall ähnlich, werden aber je nach regionalem Kontext aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Das macht die von ECADOC geförderte Zusammenarbeit zwischen den Forschungszentren verschiedener Länder so interessant.

Welche Aspekte sind am schwierigsten zu bearbeiten?
Die Ausführung einiger Forschungsvorhaben, wie etwa die Evaluation von Leistungen, ist lang und komplex. Sie bedarf einer engen Zusammenarbeit mit der Praxis und einer systematischen Durchführung. Die langfristige Wirkung von Leistungen ist nicht leicht zu untersuchen, weil sich die Datenerhebung über einen längeren Zeitraum als schwierig erweisen kann. Es ist auch schwierig, eine bestimmte Leistung exakt einer bestimmten Wirkung in einem gegebenen Kontext zuzuordnen.

Wie geht die Forschung auf die Bedürfnisse der Praxis ein?
Sie orientiert sich an den Herausforderungen des Berufs. Die angewandte Forschung will durch die Entwicklung von nützlichen Instrumenten auf konkrete Bedürfnisse reagieren. Die Sichtweisen der Fachleute aus der Forschung und aus der Praxis ergänzen sich, und nur wenn sie interagieren, können Fortschritte erzielt werden. Die Forschungsergebnisse sollten zu wirksamen Interventionen in der Praxis führen. Umgekehrt sollte die Forschung die gesellschaftliche Wirksamkeit von praktischen Interventionen auf breiterer Ebene analysieren. So wird die Zusammenarbeit zu einem kontinuierlichen Prozess. Das 2017 gegründete Forschungszentrum für Berufs- und Laufbahnberatungspsychologie CePCO der Universität Lausanne pflegt diese Verbindung zum Beispiel mit gemeinsamen Veranstaltungen für Forschende und Fachleute aus der Praxis. Zudem übernimmt das CePCO zahlreiche Forschungsaufträge und arbeitet an der Entwicklung von Tests für die Konferenz der Berufsberatungen der lateinischen Schweiz (CLOR) mit. Die Bedürfnisse der Praxis werden auch beim Austausch mit den zuständigen Amtsleitern und mit dem SBFI diskutiert, beispielsweise im Wissenschaftlichen Beirat Berufsbildungsforschung.

Beschäftigt sich die Forschung auch mit dem Beruf der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatenden?
Ja. Der Beruf verändert sich mit der zunehmenden Diversität und Komplexität der Lebenssituationen. Berufsberatende helfen Klienten und Klientinnen, die häufig in einer schwierigen Lebensphase sind, bei der Erarbeitung eines realistischen Berufsziels. Immer häufiger arbeiten sie dabei mit anderen Fachleuten zusammen, mit Ärzten, Pädagoginnen, Sozialarbeitern usw. Es ist auch interessant, zu beobachten, wie die Digitalisierung den Beruf verändert. Sie wirkt sich in zweifacher Hinsicht aus: Einerseits beeinflusst sie die Berufsziele der Klienten und damit auch deren Begleitung, andererseits bringt sie neue Instrumente hervor, welche die Beratungspraxis verändern.

Wurden noch weitere länderübergreifende Projekte initiiert?
Der im Rahmen des ECADOC geschaffene UNESCO-Lehrstuhl für lebensbegleitende Laufbahnberatung (Lifelong Guidance and Counselling) erweitert das Netzwerk auch auf aussereuropäische Länder. Das Ziel dieses Lehrstuhls ist die weltweite und nachhaltige Entwicklung einer lebensbegleitenden Laufbahnberatung für alle. Weitere Ziele, wie die bessere Verteilung von Arbeit oder die Erweiterung von individuellen Kompetenzen und Ressourcen zur Bewältigung von Schwierigkeiten, sind in der Agenda 2030 der Vereinten Nationen festgehalten. Die Anerkennung durch die UNESCO begünstigt die Forschung in diesem Bereich durch den regelmässigen Austausch zwischen Forschenden aus aller Welt. Eine der Leitfragen ist: Wie kann die Berufsberatung dazu beitragen, dass alle Menschen Zugang zu menschenwürdiger Arbeit haben und die Arbeitswelt gerechter wird? In diesem Sinne spielt die Berufsberatung eine Rolle für die nachhaltige Entwicklung. Sie sollte alle Menschen dazu anregen, eine globale Perspektive einzunehmen und über die Auswirkungen nachzudenken, die ihr Karriereziel oder ihre Tätigkeit nicht nur auf die eigene Laufbahn, sondern auch auf die Arbeit anderer, ja auf die gesamte Welt hat. Sie sollte die Frage aufwerfen, wie das berufliche Projekt eines Individuums die Gerechtigkeit auf der Welt verbessern kann. Dieses Bestreben ist auch im Leitbild der Internationalen Vereinigung für Bildungs- und Berufsberatung enthalten, die sich für eine Politik der sozialen Gerechtigkeit einsetzt.

Links und Literaturhinweise

larios.psy.unipd.it/ecadoc
Cohen-Scali, V., Rossier, J., Nota, L. (Éd., 2018): New perspectives on career counseling and guidance in Europe. Cham, Springer.

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