Ausgabe 02 | 2018

BERUFSBERATUNG

Kanton Wallis

Ein Kompass für den Beratungsprozess

Die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung Oberwallis hat ein neues Beratungskonzept für die Laufbahnberatung erarbeitet. Kern des Konzepts ist die Entwicklung des Guide-Modells, das sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Karriere-Ressourcen stützt.

Von Christine Andres Roduit, Marie-Christine Walter und Florence Le Stanc, Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterinnen BSL Oberwallis, sowie Edgar Zurbriggen, Direktor der BSL Oberwallis

Das Guide-Modell auf dem Beratungstisch dient zur Orientierung und schafft Transparenz. (Bild: BSL Oberwallis)

Das Guide-Modell auf dem Beratungstisch dient zur Orientierung und schafft Transparenz. (Bild: BSL Oberwallis)

Seit Anfang 2018 wenden die Beratenden der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (BSL) Oberwallis ein neues Beratungskonzept sowie eigens dafür entwickelte Arbeitsinstrumente an. Die mehrere Jahre dauernde Erarbeitung des Beratungskonzepts war verbunden mit viel Reflexion in Bezug auf gesellschaftliche Entwicklungen, Trends, Grundhaltungen, Theorien und Praxiserfahrungen. Im Mittelpunkt des Konzepts steht ein neu erarbeitetes Beratungsmodell, das sogenannte Guide-Modell. Es wurde ausgehend von den beiden folgenden Modellen von Andreas Hirschi von der Universität Bern entwickelt: dem Karriere-Ressourcenmodell und dem Grundlagenmodell zum wirksamen Karriere-Coaching. Diese Modelle vereinen Forschungsbefunde und mehrere Theorien zur Laufbahnentwicklung. Im Zentrum des Guide-Modells stehen die folgenden vier Karriere-Ressourcen: Human-Kapital-Ressourcen, Identitäts-Ressourcen, psychologische Ressourcen, soziale Ressourcen. Diese Ressourcen, die sich gegenseitig beeinflussen, sind im Guide-Modell als farbige, ineinandergreifende Zahnräder zu erkennen (siehe Mitte der Abbildung). Die Buchstaben G-U-I-D-E bilden die Anfangsbuchstaben der einzelnen Beratungsmodule (Gap, Understanding and Improving, Develop solutions, Execution). Zwischen den Beratungsmodulen besteht ein fliessender Übergang, deshalb sind sie im Modell spiralförmig ineinandergreifend dargestellt (gelbe Bereiche in der Abbildung). Die Bezeichnung «Guide» steht in Anlehnung an Hirschis «inneren Kompass» für den inneren Wegweiser, den die Menschen zum Gestalten ihrer beruflichen Laufbahn benötigen. Dies wird auch mit der grafischen Darstellung des Modells als Kompass veranschaulicht.

Die Situation visualisieren

Während den Beratungen liegt das Guide-Modell in Form einer Drehscheibe auf dem Beratungstisch. Anhand des beweglichen Kompasses können die einzelnen Beratungsmodule, die Karriere-Ressourcen sowie der aktuelle Stand im Beratungsprozess veranschaulicht werden, was der Orientierung und Transparenz dient. Für die Umsetzung des Modells im Beratungsalltag haben die Mitarbeitenden der BSL Oberwallis verschiedene Arbeitsinstrumente entwickelt. Im Erstkontakt mit dem Kunden oder der Kundin werden die Karriere-Ressourcen erläutert und ein Fragebogen abgegeben. Der Fragebogen besteht aus 108 Fragen, welche 13 Dimensionen zugeordnet sind. Erfasst werden die vier Karriere-Ressourcen sowie wichtige Aktivitäten zur Laufbahnentwicklung. Zur qualitativen Erhebung der vier Ressourcenbereiche steht den Beratungspersonen auch ein Fragekatalog zur Verfügung. Schliesslich wurde eine Ablagestruktur mit Arbeitsblättern nach der Struktur des Guide-Modells angelegt. Dabei wurde ersichtlich, für welche Module noch neue Instrumente erarbeitet werden müssen: Die vier Karriere-Ressourcen sollten anhand von Bildern qualitativ erhoben werden können und neu zu entwickelnde Beratungsinstrumente sollten psychologische Ressourcen wie beispielsweise «Hoffnung» thematisieren.

Neue Erfahrungen

Die Beratungsstruktur mit dem Guide-Modell führt für die Mitarbeitenden zu neuen Erfahrungen: Das vertiefte Erfassen und Besprechen der Karriere-Ressourcen ersetzt weitgehend die Erhebung der Anamnese. Dank der gründlich erarbeiteten Ausgangslage wird ersichtlich, welche Themen hinsichtlich der Zielsetzung im Beratungsprozess zu bearbeiten sind und welche Arbeitsinstrumente eingesetzt werden können. Die ersten Erfahrungen lassen den Schluss zu, dass das Guide-Modell in der Praxis gewinnbringend umgesetzt werden kann. Eine Stärke des Modells besteht in der Visualisierung: Das Modell zeigt auf, was alles mit einem Laufbahnentscheid verbunden ist, und rüttelt die Kunden und Kundinnen wach, stellen die Fachpersonen der BSL Oberwallis fest. In der Umsetzungsphase sind aber auch Herausforderungen aufgetaucht: Fachbegriffe mussten teamintern geklärt und für die Kundschaft einfacher formuliert werden. Das Beratungskonzept und das Beratungsmodell unterstützen die Beratungspersonen darin, die Beratungsinhalte und den Beratungsprozess klar zu strukturieren sowie an jeden Kunden und jede Kundin individuell anzupassen. Eine detaillierte Beschreibung des Guide-Modells ist auf der Website der BSL Oberwallis aufgeschaltet. Die Arbeitsinstrumente befinden sich zurzeit in einem Entwicklungsprozess und sind nicht öffentlich zugänglich.

Links und Literaturhinweise

www.vs.ch/web/bsl/laufbahnwahl

Links zu den öffentlichen Beratungskonzepten:
AG: www.beratungsdienste.ch/beratungskonzept
BE: www.biz.erz.be.ch
ZG: www.zg.ch/biz

Kasten

Beratungskonzepte: So viele Modelle wie Kantone

Von Anna Zbinden Lüthi und Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorinnen

Gemäss einer PANORAMA-Umfrage haben neun Kantone Berufsberatungskonzepte entwickelt. Andere verweisen auf Leistungsbeschreibungen oder auf die Eigenverantwortung der Beratenden.

Ein Beratungskonzept verbindet Erfahrungen mit neuen Ideen und beschreibt erstrebenswertes Handeln in Beratungen. Es basiert auf Werten, bezieht sich auf Theorien, beschreibt die Beratungsgestaltung und beinhaltet ein Handlungsmodell. PANORAMA hat bei den Mitgliedern der Schweizerischen Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatung (KBSB) nachgefragt, welche Kantone über ein Beratungskonzept verfügen. Es sind dies die Kantone Aargau, Appenzell Ausserrhoden, Bern (Region Bern-Mittelland), Glarus, Luzern, Nidwalden, Thurgau, Wallis und Zug. In einigen Kantonen (AG, BE, ZG) sind die Konzepte und Vorlagen auf der Website einsehbar. Andere Kantone haben verschiedene Dokumente erarbeitet, die ihre Tätigkeiten beschreiben. Die Dokumente enthalten theoretische Konzepte und Qualitätsstandards oder geben Richtlinien für die Beratungstätigkeit vor. Dabei kann es sich beispielsweise um eine Versorgungsstrategie und ein Portfolio (ZH) oder ein Handbuch für Beratende (BL, ZH) handeln. Einzelne Kantone haben Qualitätsstandards definiert, die durch Beobachtungsbögen ergänzt werden (SZ), oder ein Leitbild erarbeitet (VS). Andere wiederum stützen sich auf die einschlägigen Gesetze und Reglemente (VD), auf Pflichtenhefte (TI), legen ihrer Arbeit Rahmenbedingungen und Best Practices zugrunde (JU) oder arbeiten mit Prozessbeschreibungen (UR).

Dienstleistungen im Fokus

In vielen Kantonen stehen die Dienstleistungen im Fokus. In umfassenden Dokumenten werden die Ziele, der institutionelle Rahmen und die Interventionen der Beratenden beschrieben (VD, TI). In einigen Fällen beziehen sich diese Dokumente auf spezifische Leistungen, beispielsweise auf die Beschreibung der Massnahmen für den Berufswahlunterricht (NE), auf ein Rahmenkonzept für Interventionen an Schulen (französischsprachiges BE) oder für die Studienberatung (SG, AR), auf eine Potenzialanalyse (BE), ein Beratungsmodell für Erwachsene (SO) oder ein Diagnostikkonzept und ein Beratungskonzept für RAV-Mitarbeitende (BL).

Grundlage für Qualitätssicherung

Oftmals werden diese Konzepte für die Qualitätssicherung herangezogen. Sie werden laufend überarbeitet und aktualisiert (insbesondere AR, LU, NW). Einige Kantone überlegen sich, Beratungskonzepte zu erarbeiten (FR, BL, französischsprachiges BE), unter anderem im Hinblick auf die Einführung des Swiss-Counseling-Quality-Systems im Jahr 2018 (UR). Grundsätzlich sind die Beratenden verpflichtet, sich an die Konzepte oder die bestehenden Qualitätsstandards zu halten, und ihre Arbeitsmethoden werden laufend evaluiert. In unserer Umfrage haben einzelne Kantone (insbesondere ZH, SO und JU) auf die Bedeutung eines persönlichen Konzepts, das die einzelnen Beratenden individuell erarbeiten, hingewiesen. Andere Berufsbildungsämter (GL, SO) legen grossen Wert darauf, dass die Beratenden frei über ihre Arbeitsmethoden und die Art und Weise der Beratung entscheiden können.

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