Ausgabe 01 | 2018

Fokus "Die erste Stelle"

Studie

Ein Praktikum als erste Arbeitserfahrung

Zweck, Dauer, Organisation und Entlöhnung von Praktika könnten unterschiedlicher nicht sein. Eine Masterarbeit kommt zum Schluss, dass zwei Drittel der Praktika in eine Festanstellung münden und ein Drittel der Praktikumsbetriebe Probleme mit ihren Praktikanten/-innen haben.

Von Laura Perret Ducommun, PANORAMA-Redaktorin

Zahlreiche Jugendliche absolvieren irgendwann einmal ein Praktikum in einem Betrieb. Trotzdem gibt es kaum Studien oder Statistiken, die sich mit dem Phänomen befassen. Mit ihrer Arbeit «Praktikantenverträge aus arbeitsrechtlicher Sicht» schliesst Silvia Baschung, Masterabsolventin in Rechtswissenschaften an der Universität Bern, diese Lücke zumindest teilweise.

Modalitäten der Praktika

Das wichtigste Ziel eines Praktikums besteht darin, die in der Ausbildung erlangten Kenntnisse und Kompetenzen zu vertiefen. Die praktische Tätigkeit ermöglicht es den Praktikanten, Abläufe zu beobachten und Einblicke in den Unternehmensaufbau und die Unternehmensorganisation zu gewinnen. Die Praktikantinnen können erste Erfahrungen im künftigen Beruf sammeln, Kontakte mit potenziellen Arbeitgebern knüpfen und die auf dem Arbeitsmarkt geforderten Kompetenzen erlangen. So sind sie gut für den späteren Berufseinstieg gewappnet. Die Arbeitgeber ihrerseits können dank der Praktika eine Vorselektion im Hinblick auf eine künftige Anstellung treffen, und sie sehen, welche neuen Kenntnisse die Praktikantinnen in ihrer Ausbildung erlangen. Zweck, Dauer, Organisation und Entlöhnung von Praktika könnten unterschiedlicher nicht sein. Praktika sind in der Schweiz nicht reglementiert. Sie unterstehen dem Arbeitsrecht und sind je nach Beruf anders organisiert. Die meisten sind zeitlich begrenzt. Ein bezahltes Praktikum gilt rechtlich als ordentlicher Arbeitsvertrag mit Ausbildungsziel. Ein unbezahltes Praktikum wie etwa eine Schnupperlehre wird aufgrund des fehlenden Lohns als Auftrag betrachtet. Die Entlöhnung variiert je nach Art des Praktikums, des Berufszweigs und der Region. Manchmal wird der Lohn durch einen Gesamtarbeitsvertrag vorgegeben. Andernfalls wird der Praktikumslohn anhand der regional üblichen Branchenlöhne berechnet. Da ein Praktikum zu Bildungszwecken absolviert wird, liegt das Gehalt unter dem üblichen Lohn. Nicht immer aber wird das Praktikum in Form von Geld entschädigt. Möglich ist auch, dass die praktische Ausbildung an sich als Entschädigung vereinbart wird.

Empirische Ergebnisse

Die im Rahmen der Masterarbeit durchgeführte Befragung von 145 Praktikumsbetrieben aus unterschiedlichen Branchen ergab, dass 97% der Betriebe einen schriftlichen Praktikumsvertrag abschliessen. In 22% aller Betriebe werden Praktika durch den GAV geregelt, 36% der Unternehmen verwenden Arbeitsverträge. In den befragten Betrieben dauern die Praktika zwischen drei Wochen und zwei Jahren (1 bis 3 Monate: 13%; 4 bis 6 Monate: 36%; 7 bis 12 Monate: 13%; ein Jahr: 16%; ein bis zwei Jahre: 3%). In 98% der Fälle erhalten die Praktikanten nach Praktikumsabschluss ein Arbeitszeugnis. 33% der Praktika enden am vereinbarten Datum, 67% der Praktika münden in eine Festanstellung. Etwa 23% der Praktika werden einmal verlängert, 7% der Praktika zweimal und 2% der Praktika sogar dreimal. 36% der befragten Betriebe geben an, dass sie mit ihren Praktikanten Probleme haben. Sie beklagen sich über ungenügende Leistungen, unangemessenes Verhalten, mangelnde Zuverlässigkeit, Unpünktlichkeit, fehlende Kompetenzen, Interessen-/Motivationsmangel, fehlende Einsatzbereitschaft oder unbegründete Absenzen. Auch vorzeitige Praktikumsabbrüche geben Anlass zur Unzufriedenheit. Aus Sicht einer befragten Gewerkschaft (Unia) sind diese Probleme darauf zurückzuführen, dass die Praktikantinnen und Praktikanten nicht oder schlecht betreut werden, man ihnen uninteressante Routinearbeiten überträgt, ihr Potenzial nicht ausschöpft oder sie Praktikum an Praktikum reihen, ohne je einen festen Arbeitsplatz oder eine angemessene Ausbildung zu erhalten.

Links und Literaturhinweise

Baschung, S. (2017): Praktikantenverträge aus arbeitsrechtlicher Sicht. Masterarbeit. Universität Bern.

Kasten

Praktikumslöhne

Zu den Löhnen von Praktikantinnen und Praktikanten existieren keine gesamtschweizerischen Daten. Der Kanton Genf beispielsweise schlägt für angehende Berufsmaturanden einen monatlichen Praktikumslohn von 600 bis 850 Franken vor. Für Bachelor- und Masterstudierende liegt die Lohnempfehlung bei 850 bis 1550 Franken. Die Bundesverwaltung entschädigt Praktikanten im Rahmen einer schulisch organisierten Grundbildung mit monatlich 1875 Franken, Bachelorstudierende erhalten 2668 Franken. Wer nach dem Masterstudium ein Praktikum beim Bund absolviert, erhält 4180 Franken, bei Bachelor-Absolventen liegt der Lohn bei 3735 Franken.

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 6 | 2019 mit dem Fokus «Steigende Anforderungen» erscheint am 13. Dezember.