Ausgabe 06 | 2016

ARBEITSMARKT

Grenzen beruflicher Eingliederung

«Die nicht eingliederungsfähigen Erwerbslosen sind unsichtbar»

Die aktuelle Beschäftigungs- und Aktivierungspolitik geht davon aus, dass berufliche Integration für alle möglich ist. Trifft das wirklich zu? Die Soziologin Martine Zwick Monney hat sich in ihrer Dissertation mit gescheiterten Eingliederungen befasst.

Interview: Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

Martine Zwick Monney: «Das Problem ist die Kategorisierung. Damit steckt man die Menschen in Schubladen und es besteht die Tendenz, dass Personen mit besserer Eingliederungsfähigkeit mehr Unterstützung erhalten.» (Bild: zvg)

Martine Zwick Monney: «Das Problem ist die Kategorisierung. Damit steckt man die Menschen in Schubladen und es besteht die Tendenz, dass Personen mit besserer Eingliederungsfähigkeit mehr Unterstützung erhalten.» (Bild: zvg)

PANORAMA: Warum gibt es so wenige Untersuchungen zu gescheiterten Eingliederungen? Martine Zwick Monney: Es ist ein heikles Thema. Es fällt schwer zuzugeben, dass es nicht für alle Erwerbslosen eine Eingliederungslösung gibt. In meiner Dissertation habe ich mich mit diesem Problem auseinandergesetzt. Denn selbst wenn es nur wenige Fälle gibt, stellen diese doch den Grundgedanken der bestehenden Massnahmen infrage. Diese gehen nämlich von der Annahme aus, dass jeder eingegliedert werden kann. Das scheint jedoch nicht der Realität zu entsprechen. Die nicht eingliederungsfähigen Erwerbslosen sind unsichtbar, weil sie nicht in die Logik des Systems passen. Man betont immer, was funktioniert, und vermeidet es, über Misserfolge zu sprechen, weil diese das Massnahmensystem als solches infrage stellen könnten.

Wenn man davon ausgeht, dass jeder beruflich eingegliedert werden kann: Warum werden dann auch soziale Integrationsmassnahmen entwickelt?
Die Massnahmen für soziale Eingliederung beruhen auf der Vorstellung, dass Erwerbslose ihre Sozialkompetenz verbessern müssen, damit sie eine Stelle finden. Diese Instrumente zielen auf soziale Teilhabe und Persönlichkeitsentwicklung ab. Doch das eigentliche Ziel bleibt die berufliche Eingliederung, da die Betroffenen sonst Gefahr laufen, dauerhaft von Hilfsleistungen abhängig zu sein. Das ist eine Verzerrung des ursprünglichen Gedankens von sozialer Integration.

Sie beschreiben die sozialen Eingliederungsmassnahmen als Seitwärtsschritte. Was meinen Sie damit?
Man kann sich jede Eingliederungssituation so vorstellen, dass die Betroffenen auf einer bestimmten Stufe einer Treppe stehen. Dieses Bild zeigt, dass zahlreiche Massnahmen und Kriterien nötig sind, bis diese Personen in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden, und dass diese Massnahmen eine Progression darstellen. Die oberste Treppenstufe ist das Ziel: die berufliche Eingliederung. Soziale Eingliederungsmassnahmen sind meiner Ansicht nach Seitwärtsschritte, die schlecht eingliederungsfähige Erwerbslose in Bewegung halten sollen. Ich will damit nicht sagen, dass sie sinnlos sind, ganz im Gegenteil. Obwohl man weiss, dass es nur eine Illusion ist, hält man die Betroffenen damit in Bewegung. Man tut einfach so, als ob es funktionieren würde. In einigen Fällen kann dieser Ansatz sogar zum Erfolg führen. Man begleitet die Menschen weiter und stellt sicher, dass sie den Anschluss an die Gesellschaft nicht verlieren. Einige Autoren sprechen in diesem Zusammenhang ziemlich provokativ von palliativer Sozialarbeit, von einer Sozialarbeit also, die sich auf unterstützende Handlungen und den Erhalt des Status quo beschränkt. Die Menschen aktivieren heisst dann, Bewegung in die Sache zu bringen und die Illusion zu erzeugen, dass es mit der Eingliederung vorwärts geht.

Ist es legitim, dass die Sozialhilfe versucht, auch schlecht eingliederungsfähige Menschen zu aktivieren?
Nur weil das Versicherungssystem restriktiver wird, wie wir das bei der ALV und der IV erlebt haben, heisst das ja nicht, dass die Leute keine Probleme mehr haben. Stattdessen fallen einige durch die Maschen und landen bei der Sozialhilfe, und die hat dann gar keine andere Wahl mehr. Das politische Klima ist für die Entwicklung des Sozialsystems ungünstig. Es hat keine gute Presse, man wirft ihm vor, zu teuer zu sein, den Staatshaushalt zu belasten. Man spricht wieder stärker von persönlicher Verantwortung. Und der Begriff Verschulden, den man in der Vergangenheit durch Risiko ersetzt hatte, taucht plötzlich wieder auf. Arbeitslose sind dazu angehalten, Praktika zu absolvieren, sich für ihre Situation zu rechtfertigen und Verantwortung dafür zu übernehmen. Angesichts der Entscheide, die einige Kantone im Bereich Sozialhilfe getroffen haben, kann man davon ausgehen, dass die restriktivere Gangart beibehalten wird.

In Ihrem Werk sagen Sie, dass eine Individualisierung der Unterstützungsangebote nicht möglich ist, solange das Hauptkriterium die Arbeitsmarktfähigkeit bleibt. Warum ist das so?
Das Problem ist nicht die Individualisierung, sondern die Kategorisierung, die durch das Kriterium Arbeitsmarktfähigkeit entsteht. Damit steckt man die Menschen in Schubladen und Personen mit besserer Eingliederungsfähigkeit erhalten tendenziell mehr Unterstützung. Dabei bildet sich automatisch auch die Kategorie der am wenigsten Eingliederungsfähigen heraus. Diese erhalten paradoxerweise weniger Unterstützung bei der Eingliederung, da sie das Kriterium Arbeitsmarktfähigkeit nicht erfüllen. Individualisierung ist immer schwierig, weil die verwendeten Instrumente stark standardisiert sind. Menschen, die nicht den festgelegten Kriterien entsprechen, sind schwierig zu begleiten.

Die Fachleute, mit denen Sie gesprochen haben, beurteilen gewisse Eingliederungsinstrumente als innovativ.
Innovativ ist meiner Meinung nach ein zu grosses Wort. Innovation ist etwas, das bestehende Grundsätze infrage stellt. Und das ist bei der Eingliederung nicht der Fall. Die Grundlagen bleiben unverändert. Es gibt zwar gewisse Verschiebungen, kleinere Korrekturen, da und dort wird etwas herumgeschraubt, doch statt zuzugeben, dass das Postulat «Jeder ist eingliederungsfähig» nicht ganz der Realität entspricht, und sich zu überlegen, was man tun kann, folgt man immer weiter dem gleichen Credo. Das ist nicht gerade innovativ.

Können die interinstitutionelle Zusammenarbeit (IIZ) und andere Formen der Kooperation, beispielsweise zwischen den RAV und der Sozialhilfe, die Zahl der gescheiterten Eingliederungen reduzieren?
Zusammenarbeit ist wichtig, denn das System ist stark segmentiert. Gerade bei Erwerbslosen mit komplexer Mehrfachproblematik im Sinne der IIZ ist es wichtig, dass alle involvierten Fachleute und Institutionen am gleichen Strang ziehen. Man hört viel von Zusammenarbeit, Netzwerkarbeit oder Kooperationsprojekten zwischen Sozialhilfe und RAV, und das ist eine gute Sache. Doch man sollte auch darauf aufmerksam machen, dass die Zusammenarbeit nicht einfach ist. Die Fachleute, die zusammenarbeiten, kommen aus unterschiedlichen Systemen mit je einer ganz eigenen Struktur und Kultur. Jemand, der bei einem RAV arbeitet, versteht unter Eingliederung etwas ganz anderes als eine Mitarbeiterin einer Sozialhilfestelle. Zusammenarbeiten heisst mehr als sich zusammenzutun. Es heisst zu verstehen, was der andere tut, ihm die eigene fachliche Tätigkeit verständlich zu machen und den eigenen Bezugsrahmen zu verlassen. Das erfordert sehr viel Kompetenz. Ich habe manchmal den Eindruck, dass diese Aufgabe unterschätzt wird. Auch zwischenmenschliche und informelle Aspekte dürfen dabei nicht ausser Acht gelassen werden. Das erfordert viel Arbeit und Engagement.

Welche Wege sind möglich, falls der Mythos «Eingliederung für alle» nicht mehr lange aufrechterhalten werden kann?
Es gibt zwei Ansätze: Einerseits sollte die sehr starke Ausrichtung an der Arbeitsmarktfähigkeit durch ein breiteres Verständnis für die Individuen und ihre Laufbahnen ersetzt werden. Es ist wichtig, dass auch andere Faktoren und die Möglichkeit einer vorübergehenden oder relativen Integration in Betracht gezogen werden. Das ist heute keineswegs selbstverständlich, weil Ressourcen, die nicht in direktem Zusammenhang zur Erwerbstätigkeit und zur Arbeitsmarktfähigkeit stehen, kaum Beachtung finden. Man müsste die Perspektive ändern und andere, nicht über die Arbeit definierte Formen von Eingliederung anerkennen, doch das ist sehr kompliziert. Der andere Weg ist, auf den Kontext einzuwirken. Man sollte sich fragen, ob nicht das Integrationspotenzial der Gesellschaft gestärkt werden muss, also die Fähigkeit der Gesellschaft, Menschen einzugliedern, statt umgekehrt. Man spricht viel von Integration in die Gesellschaft, davon, wie der Einzelne partizipieren und sich anpassen soll. Man vergisst aber, dass auch der Arbeitsmarkt äusserst anspruchsvoll und unflexibel ist. Es ist wichtig, nicht einfach den Unternehmen das Wort zu reden, sodass sie ihre Ansprüche immer höher schrauben. Wir dürfen nicht einen Arbeitsmarkt mit zwei unterschiedlichen Dynamiken schaffen, der die ein bisschen weniger flexiblen, weniger qualifizierten und weniger mobilen Menschen an den Rand drängt.

Links und Literaturhinweise

Zwick Monney, M. (2015): Les échecs de l’insertion. Rouages et engrenages d’un mouvement permanent. Zürich, Seismo Verlag.

Kasten

Wenn die Eingliederung scheitert

In ihrer Dissertation ist Martine Zwicky Monney der Frage nachgegangen, was bei der Arbeitslosenversicherung, der Sozialhilfe und bei den Betroffenen passiert, wenn die Eingliederung nicht funktioniert. Mittels einer Umfrage bei Fachpersonen in der Romandie hat die Forscherin eine durch die Systeme generierte permanente Bewegung festgestellt, einerseits in der ständigen Weiterentwicklung und Umsetzung neuer Instrumente, andererseits aber auch in den Veränderungen, die das System bei den Betroffenen und den Fachleuten bewirkt. Sie zeigt ausserdem auf, dass misslungene Eingliederungen unsichtbar sind, weil das Postulat «jeder ist eingliederungsfähig» nicht hinterfragt wird. Auf das Thema für ihre Dissertation ist Martine Zwick Monney gestossen, als sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Sozialamt des Kantons Freiburg arbeitete. Sie lehrte im Studienbereich Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit an der Universität Freiburg und arbeitet heute beim Bundesamt für Sozialversicherungen.

Kommentare
 
 
 
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Cottier Martine | 08. Jan 2017, 00:33

Bravo, d'où l'importance de privilégier la personnalité du candidat, sa motivation + son savoir-être et savoir-faire en dehors des normes de sélection (âge). Merci

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