Ausgabe 06 | 2016

BERUFSBILDUNG

Empfehlungen des SBFI zum ABU

In der Mitte eines langen Weges

Der Rahmenlehrplan des allgemeinbildenden Unterrichts (RLP-ABU) muss zwar nicht revidiert werden, aber es sind Verbesserungen nötig. Dies ist die Quintessenz der Arbeit der ABU-Kommission der letzten vier Jahre. Fachleute aber sind sich einig: Die gemachten Empfehlungen können nur ein erster Schritt sein.

Interview: Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Von der Qualität und Methodik über die Abschlussprüfungen und überladenen Lehrpläne bis zum Sprachunterricht: Die drei Experten Mine Dal (ABU-Lehrerin), Georg Berger (ABU-Kommission) und Manfred Pfiffner (Expertengruppe) diskutieren ein breites Themenfeld. (Bild: Fabian Stamm)

Von der Qualität und Methodik über die Abschlussprüfungen und überladenen Lehrpläne bis zum Sprachunterricht: Die drei Experten Mine Dal (ABU-Lehrerin), Georg Berger (ABU-Kommission) und Manfred Pfiffner (Expertengruppe) diskutieren ein breites Themenfeld. (Bild: Fabian Stamm)

PANORAMA: Die ABU-Kommission hat während vier Jahren den allgemeinbildenden Unterricht analysiert. Wie gut ist dieser Unterricht, Manfred Pfiffner? Manfred Pfiffner: Wir verfügen über keine Forschungen zu dieser Frage – wie wir auch keine wissenschaftlich definierten Kriterien darüber besitzen, was guter allgemeinbildender Unterricht ist. Die Expertengruppe der ABU-Kommission kommt aber aufgrund von Beobachtungen im Feld und eigenen Erfahrungen zur Einschätzung, dass sich der ABU seit seiner Einführung 1996 und der Reform 2006 gut entwickelt hat. Ich beobachte beispielsweise, dass die Berufslernenden um einiges motivierter in den Unterricht gehen als noch vor zehn Jahren. Zugleich stelle ich aber auch ausgeprägte Qualitätsunterschiede fest – zwischen einzelnen Lehrpersonen sowie einzelnen Schulhäusern und Kantonen. Ich finde den Entscheid des SBFI darum richtig, statt einer Revision eine Reihe von Empfehlungen abzugeben – etwa für eine Handreichung zur Umsetzung des RLP.

Weshalb hat man auf eine Evaluation der Qualität des ABU verzichtet?
Georg Berger: Die Aufgabe der ABU-Kommission ist relativ eng gefasst. Sie besteht darin, periodisch die Relevanz und Aktualität des RLP-ABU zu prüfen. Auf dieser Grundlage kann sie selber keine Wirkungsforschungen initiieren, die Sicherung der Qualität des ABU ist Sache der Kantone. Einige von ihnen – darunter Solothurn – haben vor acht Jahren nach der Revision des ABU und der Anpassungen der Schullehrpläne bei der SBBK beantragt, die Wirkung der Reform zu überprüfen – nach dem Vorbild der vier Evaluationen, die das St. Galler Institut für Wirtschaftspädagogik zum Lehrplan 1996 verfasst hatte. Leider hatte zu diesem Zeitpunkt die Überprüfung des Lehrplans der Berufsmaturität Priorität.

Das SBFI schlägt unter anderem eine Handreichung zur Weiterentwicklung der Schullehrpläne vor. Sie soll didaktische Hilfen etwa zur Vernetzung der Lernbereiche «Gesellschaft» und «Sprache und Kommunikation» enthalten. Wie kamen Sie zu dieser Einschätzung?
Pfiffner: Unsere Analyse zeigt, dass die Verknüpfung der Lernbereiche noch häufig ungenügend gut gelingt und die Förderung des Sprachbereichs oft zu kurz kommt. Es wird zwar mit, aber zu wenig an der Sprache gearbeitet.
Mine Dal: Die Verknüpfung von gesellschaftlichen Themen mit der Arbeit an der Sprache ist in der Tat sehr anspruchsvoll. Das erlebe ich im eigenen Unterricht, aber auch über Gespräche und Beobachtungen von Kolleginnen und Kollegen. In diesem Bereich besteht auch deshalb besonderer Handlungsbedarf, da man in den letzten Jahren aufgehört hat, über diese hohen Ansprüche und die sich stellenden Schwierigkeiten zu reden. Ich finde den Vorschlag des SBFI darum sehr gut, regionale Austauschgruppen für ABU-Verantwortliche einzurichten. Als ich 2007 zu unterrichten begann, existierten solche Gruppen. Jetzt sind sie verschwunden und ich beobachte, dass das Verständnis für den Geist des ABU-Rahmenlehrplans schwindet. In den Gesprächen über die bei uns aktuelle Revision des Schullehrplans werden wieder Wünsche nach ganz alten Themen laut: Erbrecht, Kaufvertrag, Eherecht – Themen, die leicht zu prüfen und zu korrigieren sind.

Und was erwarten Sie von der erwähnten Handreichung?
Dal: Ich erwarte keine didaktische Hilfestellungen, obwohl davon die Rede ist, sondern methodische Unterstützung – ein kreatives, schnell abrufbares Methodenrepertoire, das meine im Studium erlernten Möglichkeiten erweitert. Dadurch würde mein Unterricht zwar nicht einfacher – Unterrichten ist nie einfach – aber lustvoller. Die gleiche Erwartung richte ich auch an das Weiterbildungsprogramm der pädagogischen Hochschulen; in Zürich finde ich derzeit kaum methodische Kursangebote.
Berger: Die Handreichung wendet sich vor allem an Schulleitungen und kantonale Verantwortliche und soll auf einer Steuerungsebene Unterstützung bieten – bei der Weiterentwicklung von Schullehrplänen, der Festlegung von Lerninhalten oder eines Kompetenzmodells für den Spracherwerb. In diesem Bereich haben wir sehr unterschiedliche Qualitäten festgestellt. Hier wären Standards nützlich.

Die Handreichung soll auch Überlegungen enthalten, wie kompetenzorientierte Prüfungsformen etabliert werden können.
Berger: Die Anforderungen des kompetenzorientierten Unterrichts fordern die Schulen extrem heraus, da stehen wir erst am Anfang.
Pfiffner: Ich vergleiche die Lehrplanentwicklung und ihre Umsetzung mit einem Wald: Seine Bäume brauchen mehr als 30 Jahre, bis sie voll entwickelt sind. Wir befinden uns nun über der Mitte dieses Prozesses. Die Schulen beginnen allmählich vermehrt nach Open-book-Prüfungen nachzufragen. Noch konsequenter finde ich allerdings den Gedanken der Abschaffung der Schlussprüfung. Ich habe in der Expertengruppe angeregt, stattdessen der Vertiefungsarbeit einen höheren Stellenwert einzuräumen. Man lehnte das ab, weil man unter anderem einen Bedeutungsverlust für den ABU befürchtet.
Dal: Das ist schade, denn die Vorbereitung der Schlussprüfung widerspricht dem Grundgedanken des ABU. Wir erhalten ein halbes Jahr vor der Schlussprüfung die Themen – und dann greift das Modell «Endspurt», in dem Drill die Methode ist, die die Jugendlichen wünschen. Dabei gibt es immer wieder Lernende, die kühl kalkulieren, eine ungenügende Note in Kauf nehmen und sich innerlich vom Unterricht verabschieden. Mir gefällt das nicht. In der zweijährigen Grundbildung wird bereits heute auf eine Schlussprüfung verzichtet.
Berger: Ich teile diese Überlegungen. Aus einer Klasse von Fachfrauen Gesundheit, die ich bis zum Sommer unterrichtet habe, haben zwei im Rahmen ihrer Prüfungsvorbereitung wirklich noch einmal gearbeitet und einen Lernfortschritt gemacht. Die anderen 16 lebten dem olympischen Gedanken nach, wonach Dabeisein alles sei. Schade um die Zeit! Wir müssen uns aber gut überlegen, was wir gewinnen, wenn wir es anders machen.

Die vorliegenden Empfehlungen sollen das gemeinsame Verständnis des RLP-ABU fördern. Frau Dal, sind mit dem vorliegenden Papier die Schwierigkeiten, die Ihnen im Unterricht begegnen, überhaupt erfasst?
Dal: Die Einrichtung von regionalen Austauschgruppen kann wie gesagt für den Unterricht wichtige Impulse geben. Aber sonst verspricht mit dieses Papier tatsächlich keine Entlastung. Beispiel Themenvielfalt: Ich schaffe es oft knapp, die in unserem Schullehrplan erwähnten zwölf Themen zu erarbeiten, mit allen Aspekten und der konsequenten Verknüpfung der beiden Lernbereiche; den Wahlbereich kann ich kaum ganz nutzen. Das hat mit den weiteren Schwierigkeiten zu tun, dass uns zu wenige Lektionen zur Verfügung stehen und dass meine Klassen sehr heterogen zusammengesetzt sind. In der zweijährigen Grundbildung begegne ich Lernenden, die während ihrer ganzen Schulkarriere fast nur Misserfolge erlebten, aber auch Lernenden, die das Niveau der Berufsmatura erreichen. Es ist enorm aufwendig, ihnen allen gerecht zu werden, dabei aktuell zu sein und die erwähnten Lernbereiche zu verknüpfen. Die Binnendifferenzierung ist sehr zeitaufwendig. Ehrlich gesagt: Ich kann das nicht immer.

Hätten Sie vom vorliegenden Papier Aussagen darüber erwartet, welche Ressourcen der ABU benötigt, um die Umsetzung des Rahmenlehrplans sicherzustellen?
Dal: Die Massnahmen, mit denen man den gestellten Anforderungen gerecht wird, sind ja nicht leicht zu bestimmen. Nützlich wären vielleicht sprachliche Eintrittsverfahren mit Minimalanforderungen, sicher aber auch kleinere Klassen, die heute etwa 20 bis 24 Lernende enthalten, je nach Beruf.
Berger: Die Erwartung, dass dieses Papier Hinweise zur Verbesserung der Unterrichtsbedingungen enthalten soll, verfehlt den erwähnten gesetzlichen Auftrag der ABU-Kommission. Gemessen an diesem Auftrag sind wir in unseren Aussagen relativ weit gegangen. Sicher wird die ABU-Kommission aber in ihrer weiteren Arbeit die Frage nach den Notwendigkeiten des ABU stellen, die dann zu einer Revision des RLP wird führen müssen. Wir müssen uns überlegen, was Jugendliche von morgen benötigen, um Zugang zum Arbeitsmarkt zu haben und den Eintritt in die Gesellschaft zu schaffen. Aus meiner Sicht stellen insbesondere die Digitalisierung der Gesellschaft und die Internationalisierung der Wirtschaft neue Anforderungen an den RLP-ABU. Um in diesen Fragen auf sicherem Boden zu stehen, benötigen wir aber Grundlagenforschung.
Pfiffner: Dem stimme ich zu. Ich verstehe in diesem Zusammenhang beispielsweise nicht, warum nicht in allen Berufen – über Ausnahmen kann man diskutieren – Englisch als Fremdsprache ein Muss ist.

Mine Dal sagt, das Fuder des ABU sei heute schon überfüllt.
Pfiffner: Die Klage über überladene Lehrpläne ist so alt wie die Lehrpläne selber, und die Antwort ist es auch: Wir können diese Lehrpläne ohne Schaden entschlacken.
Dal: Der Erwerb des Englischen wird an den Berufsfachschulen über den bilingualen Unterricht erfolgen. Eine andere Organisationsform ist nicht denkbar, denn wir werden keine zusätzlichen Lektionen erhalten.
Berger: Zürich hat hier wichtige Vorarbeiten geleistet. Der bilinguale Unterricht setzt aber die zusätzliche Qualifizierung von Lehrpersonen voraus. Wichtig ist zudem, dass man anerkennt, dass diese Diskussion innerhalb der Allgemeinbildung geführt wird. Wir können von den Organisationen der Arbeitswelt nicht erwarten, dass sie Englisch in den berufskundlichen Unterricht einfügen. Derzeit reduziert die OdA der medizinischen Praxisassistenten/ -innen den Fremdsprachenunterricht von 160 auf 60 Lektionen – zugunsten des Fachunterrichts.

Manfred Pfiffner, das vorliegende Papier enthält viele Begriffe wie Koordination, einheitliche Umsetzung oder unité de doctrine. Warum?
Pfiffner: Weil wir die Vergleichbarkeit der ABU-Regelungen und des tatsächlich erteilten Unterrichts erhöhen wollen. Im Zeichen der Mobilität kann es beispielsweise nicht sein, dass man für die gleiche Prüfung am einen Ort eine Viertelstunde einsetzt, am anderen Ort aber drei Stunden. Es sollten alle etwa ähnlich verfahren, ohne dass wir einheitliche Regelungen – eine nationale Prüfung beispielsweise – einrichten wollen.

Die ABU-Kommission stellt schliesslich fest, dass die Teilnahme an Weiterbildungen in den letzten Jahren abgenommen habe. Wie gewichtig ist dieses Problem?
Dal: Im Kanton Zürich ist die Teilnahme an Weiterbildungen vorgeschrieben und wird in der Mitarbeiterbeurteilung erfasst. Zugleich sind wir mit Budgetkürzungen bei der Weiterbildung und lohnwirksamen Sparmassnahmen konfrontiert. Manche Weiterbildungen, die früher von der Schule finanziert wurden, bezahle heute ich selber.
Pfiffner: In manchen Kantonen hat sich auch der Umgang mit der «Stundenbuchhaltung» verändert. Die Teilnahme an Weiterbildungen führt zu Minusstunden – mit der Folge, dass auf Weiterbildungen verzichtet wird. Ich finde das Verzichten auf Weiterbildung katastrophal. Gerade der komplexe ABU mit seinem Anspruch an eine Anbindung des Unterrichts an die latente Aktualität setzt permanente Weiterbildung voraus.



Mine Dal ist ABU-Lehrerin und unterrichtet seit neun Jahren allgemeinbildenden Unterricht an der Berufsschule für Gestaltung in Zürich.
Georg Berger ist Direktor des Berufsbildungszentrums Olten und Mitglied der ABU-Kommission (delegiert durch die Schweizerische Direktorenkonferenz, SDK-CSD).
Manfred Pfiffner ist Professor für Fachdidaktik der beruflichen Bildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich und Mitglied der Expertengruppe der ABU-Kommission.

Links und Literaturhinweise

www.sbfi.admin.ch/abu

Kasten

Die Empfehlungen des SBFI

Während rund vier Jahren hat sich die verbundpartnerschaftlich zusammengesetzte ABU-Kommission mit dem Rahmenlehrplan Allgemeinbildung (RLP-ABU) auseinandergesetzt. Sie setzte eine Expertinnen- und Expertengruppe ein, die eine Analyse des ABU sowie dessen Umsetzung vorgenommen hat. Basierend auf dieser Grundlage kommt die ABU-Kommission zum Schluss, dass keine Revision des RLP-ABU erforderlich sei. Handlungsbedarf bestehe jedoch bei der Umsetzung des RLP. Ausgehend von diesem Bericht empfiehlt das SBFI den Verbundpartnern vier Massnahmen zur Entwicklung eines verbesserten Verständnisses für den RLP-ABU:
1. Handreichung zur Umsetzung des RLP-ABU
2. Regionale Austauschgruppen für ABU-Verantwortliche und Prüfung der Schullehrpläne durch eine ABU-Ausbildungsinstitution
3. Prüfung der Aus- und Weiterbildungsstrukturen für ABU-Lehrpersonen
4. Ermittlung der Einflüsse des Lehrplans 21 auf den RLP-ABU

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