Ausgabe 06 | 2016

Fokus "Qualifizierung von Erwachsenen"

Validierung von Bildungsleistungen

«Die Information ist noch zu stark auf Institutionen ausgerichtet»

Die Validierung von Bildungsleistungen hat sich in der Berufsbildung stark entwickelt und greift auf andere Bildungsstufen über. Deli Salini vom Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung beschäftigt sich im Rahmen einer internationalen Studie mit diesem Thema.

Interview: Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

Deli Salini: «Der Austausch mit der Wirtschaft muss gefördert werden.» (Bild: zvg)

Deli Salini: «Der Austausch mit der Wirtschaft muss gefördert werden.» (Bild: zvg)

PANORAMA: Welchen Stellenwert hat die Validierung bei der Qualifizierung von Erwachsenen? Deli Salini: Die Validierung ist in allen offiziellen Dokumenten Teil der Strategien, die auf die Qualifizierung von Erwachsenen abzielen. Damit ist sie zu einem wichtigen Element der schweizerischen Bildungspolitik geworden. Im nationalen Projekt «Berufsabschluss und Berufswechsel für Erwachsene» gilt sie als Schlüsselmassnahme, um den Anteil der Erwachsenen mit Berufsabschluss zu erhöhen und den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts nachzukommen.

Welche Entwicklungen beobachten Sie?
Anfangs konnten Abschlüsse über das Validierungsverfahren vorwiegend in der Berufsbildung und in einzelnen Regionen erlangt werden. Heute ist das Validierungsverfahren in der ganzen Schweiz und auf allen Bildungsstufen verbreitet, auch wenn die Möglichkeiten je nach Kanton variieren.

Wie hat sich die Validierung in der Berufsbildung verändert?
Im Moment befindet sie sich in der Konsolidierungsphase. Insgesamt 20 Berufsabschlüsse (19 EFZ und 1 EBA) können heute über das Validierungsverfahren erlangt werden Auch in geografischer Hinsicht hat sich einiges getan: Bis 2012 wurde das Validierungsverfahren noch vorwiegend in der Romandie angeboten, doch bereits 2014 wurden 53 Prozent der Abschlüsse in der Deutschschweiz vergeben. Die Verteilung auf die Kantone ist aber nach wie vor unausgeglichen, die Kantone Genf, Wallis und Zürich etwa sind viel weiter als die anderen. Es wurden auch schon Überlegungen angestellt, wie der Zugang zum Verfahren erleichtert werden kann. In Zürich wurde daraufhin die Dossiererstellung vereinfacht (vgl. PANORAMA 6/2015). Auch in der höheren Berufsbildung tut sich was. So sollen künftig die Abschlüsse «Fachperson für interkulturelles Dolmetschen und Vermitteln», «Fachperson Unternehmensführung KMU», «Kindererzieherin» (nur Romandie) und «Ausbildner» über das Validierungsverfahren zugänglich gemacht werden. Für Letztere wurden im Jahr 2014 schon 323 eidgenössische Fachausweise und Diplome ausgestellt, die über das Validierungsverfahren erlangt wurden.

In der beruflichen Grundbildung ist die Zahl der über das Validierungsverfahren erlangten Abschlüsse von 702 im Jahr 2011 auf 572 im Jahr 2014 zurückgegangen. Wie erklären Sie sich das?
Es handelt sich um einen natürlichen Rückgang, den wir auch in anderen Ländern beobachten. Ursprünglich wurde das Verfahren vorwiegend über Pilotprojekte eingeführt, die viele Leute anlocken. Auf den Abschluss dieser Projekte folgt eine Regulierungsphase, die zuerst mit einem Rückgang einhergeht. In letzter Zeit sind die Zahlen wieder gestiegen.

Gibt es Branchen, die sich besser für diese Art der Qualifizierung eignen?
Die am stärksten vertretenen Branchen, das heisst das Gesundheits- und Sozialwesen, die mechanische und die kaufmännische Branche, haben grosses Interesse an der Qualifizierung ihres Personals. In diesen Branchen gibt es grosse Unternehmen, die schlecht qualifiziertes Personal mit viel Entwicklungspotenzial beschäftigen. Ihr umfassendes Netzwerk erleichtert ihnen die Verbreitung von Informationen, so können sie mit ihren Pilotprojekten viele Personen anlocken. Davon abgesehen ist das Validierungsverfahren nur bei Bildungsgängen mit Qualifikationsprofil (Referenzrahmen) und Anforderungsprofil für die Allgemeinbildung möglich.

Wie entwickelt sich die Validierung an den Hochschulen?
Hier gibt es zum einen die Zulassung «sur dossier» für Personen ohne den erforderlichen Abschluss sowie die Teildispensierung für Studierende, denen ein Teil der Berufserfahrung im Tätigkeitsbereich des angestrebten Diploms angerechnet wird. Gegenwärtig gibt es nur zwei Abschlüsse, die vollständig über das Validierungsverfahren erlangt werden können: Berufsbildungsverantwortlicher und Berufsberaterin (vgl. PANORAMA 4/2016). Einzelne Fakultäten der Universitäten Genf und Lausanne bieten ihren Studierenden die Möglichkeit, sich von bestimmten Kursen dispensieren zu lassen. Falls erwünscht können die Studierenden auch eine persönliche Beratung und eine Begleitung in Anspruch nehmen. Die beiden Universitäten haben in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Westschweiz, die ebenfalls Teildispensierungen in allen Studiengängen ermöglicht, das Westschweizer Validierungsnetzwerk aufgebaut. Weitere Fachhochschulen erlauben die Teildispensierung ebenfalls, haben dazu aber keine formalen Richtlinien erlassen. Auch an den pädagogischen Hochschulen wurden in Übereinstimmung mit den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren die Anrechnung von Bildungsleistungen und die Zulassung «sur dossier» eingeführt, um dem Lehrermangel entgegenzuwirken. Das Validierungsverfahren hat also auf allen Stufen Einzug gehalten und die Zahl der zum Verfahren zugelassenen Personen ist deutlich gestiegen.

Wo steht die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern?
Gerade in der Berufsbildung steht die Schweiz sehr gut da. Europaweit belegt Frankreich den Spitzenplatz, die Regeln sind gut durchdacht, alle Titel der Sekundarstufe können über die Validierung erlangt werden und selbst auf Stufe Doktorat gibt es Möglichkeiten. 2014 haben fast 28'000 Personen über ein Validierungsverfahren einen Abschluss erlangt.

Wie kann die Weiterentwicklung der Validierung vorangetrieben werden?
Das neue Weiterbildungsgesetz sieht insbesondere vor, dass gering Qualifizierte über die Möglichkeiten, einen Abschluss zu erlangen, informiert werden. Dank der Schaffung der Einstiegsportale konnte die Information verbessert werden, doch sie ist noch zu stark auf die Institutionen ausgerichtet. Der Zugang zu den Portalen muss erleichtert werden, damit ein breites Publikum angesprochen werden kann. Die Plattform des Kantons Waadt beispielsweise hat einen grossen Schritt in diese Richtung getan. Auch der Austausch mit der Wirtschaft muss gefördert werden, die Arbeitgeber müssen dafür sensibilisiert werden, dass die Validierung das Potenzial hat, den Anteil des qualifizierten Personals zu erhöhen.

Links und Literaturhinweise

Salini, D., Voit, J. & ICF International (à paraître): European inventory on validation of non-formal and informal learning 2016: country report Switzerland.
Salini, D., Voit, J. (à paraître): La diffusion des pratiques de validation des acquis de l’expérience en Suisse. In: Apenuvor, J. (Éd.), Validation des acquis de l’expérience: état des lieux et perspectives. Université de Franche-Comté, laboratoire C3S.
Rémery, V. (2015): Développer un discours d’expérience sur le travail. Contribution à une analyse des discours et des interactions en situation d’accompagnement à la VAE. Thèse de doctorat. Conservatoire national des arts et métiers de Paris.

Interview

Rollendynamik erwünscht

Interview: Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

Vanessa Rémery: «Es ist wichtig, dass Beratende nicht in einem einzigen Positionsverhältnis verharren.» (Bild: zvg)

Im Rahmen des Begleitprozesses nehmen Berater und Klientin verschiedene Rollen ein. In ihrer Dissertation analysiert Vanessa Rémery diesen Austausch.

PANORAMA: Aus welchem Grund haben Sie das Begleitungsgespräch analysiert?
Vanessa Rémery: Es hat mich interessiert, wie sich der Berater gegenüber dem Kandidaten positioniert. Hier habe ich mich auf das Konzept der «rapports de places» (sinngemäss: Positionsverhältnis) des Philosophen und Anthropologen François Flahault gestützt: Welche Position nehmen die Beraterin und die Klienten bei ihrem Austausch ein? Wie verändert sich das Verhältnis ihrer Positionen im Lauf des Gesprächs? Mit dem «rapport de places» drückt eine Person mehr oder weniger bewusst aus, welche Position sie in der Beziehung mit einer anderen Person einnehmen will, und definiert zugleich die Position der anderen Person.

Welches sind denn die Positionen der beiden Gesprächspartner?
Im Begleitprozess ist das Positionsverhältnis durch die institutionellen sozialen Rollen vorgegeben: Der Berater handelt als Begleiter, der Kandidat wird auf die Position der begleiteten Person verwiesen. Dieses Positionsverhältnis verändert sich im Lauf des Gesprächs. Der Berater und der Kandidat können allmählich andere Positionen einnehmen. Der Berater kann sich in die Position der begleiteten Person, des Gutachters, der Ausbildnerin oder des Berufsexperten versetzen. Jeder der beiden Gesprächspartner kann das bestehende Positionsverhältnis initiieren, akzeptieren, aushandeln oder ablehnen.

Wie sieht das konkret aus?
Ich habe ein Gespräch beobachtet, bei dem der Kandidat ein Diplom als Pädagoge anstrebte. Der Berater war selbst Pädagoge und analysierte eine vom Kandidaten beschriebene berufliche Situation. Er stützte sich auf seine eigene Berufserfahrung und verliess also seine Position als Berater und übernahm stattdessen die Position des Pädagogen. Und wenn der Berater die Interpretationen des Kandidaten beurteilt, übernimmt er die Position der Jury. Die Beziehung zwischen den beiden Personen verändert sich im Laufe des Austausches. Diese Dynamik wirkt sich günstig auf den Begleitprozess aus und bereitet den Kandidaten insbesondere auf das Gespräch mit der Jury vor.

Sind solche Rollenwechsel professionell?
Der Positionswechsel ist meiner Meinung nach kein Abgleiten in eine andere Funktion, sondern ein wichtiges Element der Beratungskompetenz. Es ist wichtig, dass Beratende nicht in einem einzigen Positionsverhältnis verharren. Denn auch dank dieser Komplexität kann der Kandidat im Rahmen des Validierungsverfahrens Erfahrungen sammeln.

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