Ausgabe 05 | 2016

BERUFSBERATUNG

Coaching für junge Erwachsene

MyFutureJob: Ergänzung oder Konkurrenz zur Berufsberatung?

Das Programm MyFutureJob von Pro Juventute richtet sich an junge Erwachsene, die nach abgeschlossener Erstausbildung eine Umorientierung suchen. Die öffentliche Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung begrüsst solche Angebote, wünscht sich aber eine gute Koordination.

Von Anna Zbinden Lüthi, PANORAMA-Redaktorin

So wirbt MyFutureJob für sein Angebot. (Bild: zvg)

So wirbt MyFutureJob für sein Angebot. (Bild: zvg)

Knappe Finanzen, Zeitdruck und eine Vision vor Augen: Der 22-jährige M. arbeitet nach dem Abbruch seiner Lehre als Gipser EFZ als Kurierfahrer. Seit Neuestem interessiert er sich für eine Zweitlehre, die sich auf jeder Ebene von seinem Erstberuf unterscheidet. M. möchte sich für diese Entscheidung Zeit nehmen, eng begleitet und unterstützt werden über den ganzen Prozess, von der Zielklärung bis zum Vorstellungsgespräch. «Ich habe einen Flyer von MyFutureJob gesehen und mich sofort angemeldet», erklärt er.

Neuorientierung unterstützen

Das Programm MyFutureJob von Pro Juventute unterstützt kostenlos junge Erwachsene, die sich nach abgeschlossener Erstausbildung neu orientieren wollen. Es richtet sich an 18- bis 25-Jährige, die eine Erstausbildung abgeschlossen haben, sich beruflich umorientieren wollen oder müssen, einen Branchenwechsel erwägen oder auf der Suche nach einer neuen Stelle sind. Hauptziel ist die nachhaltige Integration in die Arbeitswelt: «Wir bieten präventiv Unterstützung, damit den Ratsuchenden geholfen werden kann, bevor sie arbeitslos werden oder sich beim RAV anmelden müssen», sagt Marianne Heller, Abteilungsleiterin Bildung und Information von Pro Juventute, und ergänzt: «Eine individuelle Beratung und Begleitung belastet das Budget der jungen Erwachsenen schwer, daher nehmen wir ihnen diese Kosten ab, um ihnen so früh wie möglich eine Neuorientierung zu ermöglichen. Bei spezifischen Fragen kann es auch vorkommen, dass wir sie an ein BIZ weiterleiten und allfällige Beratungskosten übernehmen.»

«Intensive umfassende Betreuung»

Rund sechzig Interessierte, 70 Prozent davon weiblich, aus allen Sprachregionen haben sich im ersten Halbjahr 2016 bei MyFutureJob gemeldet. Rund dreissig davon wurden umfassend und individuell begleitet. Die meisten der jungen Erwachsenen brachten einen EBA- oder EFZ-Abschluss mit (mit oder ohne Berufsmatura), vereinzelt meldeten sich Studierende mit einem abgebrochenen HF- oder FH-Studium. Abhängig von der individuellen Ausgangslage erhielten sie ein Bewerbungscoaching, eine Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung, die Vermittlung wirtschaftlicher Kontakte im gewünschten Berufsfeld – oder all das zusammen. Bei MyFutureJob angestellt sind eine betriebliche Mentorin in Ausbildung und die Berufs- und Laufbahnberaterin Barbara Di Nardo. Die Grundhaltung beschreibt sie wie folgt: «Es ist uns ein Anliegen, die persönlichen Voraussetzungen der Ratsuchenden auf ressourcenorientierte Art in den Beratungsprozess einzubeziehen. Ein wertschätzender, respektvoller Umgang mit den Ratsuchenden und eine ermutigende Grundhaltung sind uns deshalb besonders wichtig.» Abhängig von der Fragestellung organisiert Barbara Di Nardo ein kostenloses fünfstündiges Assessment (Kompass) durch die Firma Nantys AG oder ein anderes diagnostisches Verfahren. Kompass ist laut der Unternehmenswebsite «ein Kompetenz-Assessment für angehende Lernende. Es werden anhand verschiedener Aufgaben Schulwissen, Intelligenz (Grundfähigkeiten) und persönlichkeitsbezogene Kompetenzen (Persönlichkeit, Einstellungen, Motive) erhoben.» Die Anzahl Beratungsgespräche, der Einsatz diagnostischer Verfahren oder die Betreuung über telefonische Kontakte, Skype oder E-Mail mit MyFutureJob sei abhängig von der Fragestellung. Es gebe keine zeitliche Beschränkung, erklärt Barbara Di Nardo. Daher sei das Angebot ideal für junge Erwachsene, die sich für die Neuorientierung eine intensive umfassende Betreuung wünschen oder diese nötig haben, bei denen die Finanzen knapp und die Ausgangslage komplex sei. «Diese vielfachen Herausforderungen sehen wir gerade auch bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund, wenn die soziale und finanzielle Unterstützung aus dem familiären Umfeld fehlt», erklärt Marianne Heller.

Gleiche Klientel wie bei der Berufsberatung

Gemäss Beatrice Kunovits, Vizepräsidentin der Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatung (KBSB), werden an den kantonalen Stellen schweizweit jährlich rund 14'000 Personen zum Berufseinstieg oder -umstieg nach dem Sek-II-Abschluss beraten. Das entspricht 11 Prozent aller Beratungen. Nicht jedes BIZ kann jedoch die teilweise zeit- und kostenintensive Betreuung und Unterstützung während einer Umorientierung leisten. Daniel Reumiller, KBSB-Präsident, sagt dazu: «Ein eigentliches Coaching gehört – mit Ausnahme des Case Management Berufsbildung, das aber nur für Jugendliche und junge Erwachsene mit Mehrfachproblematik konzipiert ist – nicht zu unserem gesetzlichen Auftrag. Es gibt gerade bei dieser Zielgruppe ein gewisses Manko, deshalb sind wir grundsätzlich froh, wenn es eine längerfristige Begleitung gibt.» Hingegen findet er ein Beratungsangebot in diesem Bereich nicht zwingend: «In den BIZ arbeiten geschulte Fachleute, knapp 50 Prozent unserer Kunden und Kundinnen sind Erwachsene und unsere diagnostischen Abklärungen sind wissenschaftlich fundiert. Zudem gibt es in allen Kantonen für Erwachsene in wirtschaftlich prekären Verhältnissen kostenlose Angebote.» Daniel Reumiller würde sich wünschen, dass Organisationen, die in diesem Bereich etwas anbieten wollen, vorgängig auf die öffentlichen BIZ zukommen, damit Bedürfnisse und Schnittstellen geklärt, eine Zusammenarbeit koordiniert angegangen und damit die ohnehin knappen Ressourcen optimal genutzt werden könnten. Beatrice Kunovits doppelt nach: «Die BSLB mit den BIZ sind die Kompetenzzentren zu Fragen des Berufs- und Bildungsumstiegs oder -einstiegs. Deshalb empfiehlt es sich für jeden neuen Anbieter im Markt, mit uns zusammenzuarbeiten.» MyFutureJob stelle eine enge Begleitung bis zur gefundenen Anschlusslösung inklusive der Vermittlung wirtschaftlicher Kontakte im gewünschten Berufsfeld in Aussicht. Ein solches Coachingangebot gehe weiter als das Grundangebot der BSLB. Beatrice Kunovits würde daher «das Angebot empfehlen, sobald in der Beratung der Bedarf für eine solche intensive Begleitung und Unterstützung angesprochen wird.»

Vom Gipser zum Detailhandelsfachmann

Herr M. jedenfalls konnte von MyFutureJob profitieren. Er lobt die Unterstützung durch die Berufsberaterin, das gemeinsame Zusammentragen der Strategien, die Prüfung der Unterlagen, die Möglichkeit der spontan nutzbaren telefonischen Unterstützung, das Trainieren des Vorstellungsgesprächs. Er absolviert nun eine Zweitlehre zum Detailhandelsfachmann und sagt: «Ich bin glücklich, dass es geklappt hat mit dieser Stelle. In Zukunft möchte ich mich dann auch weiterbilden, aber wie und wo ist noch Zukunftsmusik. Auf jeden Fall werde ich alles geben, um diese Lehre zu bestehen.»

Links und Literaturhinweise

www.myfuturejob.ch
www.kbsb.ch
www.tree.unibe.ch
www.check-your-chance.ch

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Jeder zehnte Lehrabgänger wechselt den Beruf

In der TREE-Studie der Universität Bern wurde festgestellt, dass rund neun Prozent der befragten Lehrabsolventen/-innen, welche ein Jahr nach Lehrabschluss erwerbstätig sind, in einem erheblich anderen Beruf als dem erlernten arbeiten. Laut der TREE-Studie sind die Ursachen für die Suche nach einer Umorientierung vielfältig:
– Die jungen Frauen und Männer sind unzufrieden mit dem gewählten Erstberuf oder der Arbeitssituation: Kritisiert werden das Anforderungsniveau der Erstausbildung, Perspektiven in Beruf und Branche und die Ausbildung (Vorgesetzte und Team, Schule, Rahmenbedingungen der Tätigkeit).
– Sie können den gewählten Beruf aus physischen oder psychischen Gründen nicht mehr ausüben.
– Sie finden nach Abschluss der Lehre keine Anstellung.
– Die Wahl der Ausbildung ist aus verschiedenen Gründen nicht stimmig.
Diese Situationen führen – neben volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen – zu einer grossen psychischen Belastung für die Betroffenen und ihr Umfeld. Erschwerend kommen finanzielle Unsicherheiten dazu. Zudem gibt es anders als beim Erstberuf für eine Zweitausbildung keine Stipendien.

Kasten

Nationale Plattform gegen Jugendarbeitslosigkeit

Das Angebot MyFutureJob ging 2015 von der Stiftung Speranza an Pro Juventute über. Seit der Übernahme ist Pro Juventute eine der sechs Partnerorganisationen des gemeinnützigen Vereins «Check your Chance». «Check your Chance» ist eine unabhängige nationale Plattform zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit. Die Credit Suisse und die von ihr mitgegründete SVC Stiftung für das Unternehmertum sind Gründungspartner des Vereins «Check your Chance». Die Credit Suisse war es auch, die 2010 die Initiative «Gemeinsam gegen die Jugendarbeitslosigkeit» lanciert hatte.

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