Ausgabe 05 | 2016

BERUFSBERATUNG

Bilanz

«Berufsberater sind Psychologen der Realität»

Marc Chassot war bis Ende Juli 2016 Vorsteher des Amts für Berufsberatung und Erwachsenenbildung des Kantons Freiburg und Präsident der Schweizerischen Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatung (KBSB). Im Moment seiner Pensionierung blickt er zurück auf die letzten 20 Jahre der Berufsberatung.

Interview: Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

Im Ruhestand wird sich Marc Chassot vermehrt seinem Hobby, dem Malen, widmen. (Bild: zvg)

Im Ruhestand wird sich Marc Chassot vermehrt seinem Hobby, dem Malen, widmen. (Bild: zvg)

PANORAMA: Sie waren 25 Jahre lang Amtsvorsteher und haben an vielen nationalen und regionalen Konferenzen mitgewirkt. Wie sehen Sie die Entwicklung der Berufsberatung in den letzten 20 Jahren? Marc Chassot: Diese Jahre waren besonders geprägt von gesellschaftlichen Veränderungen und sich wandelnden Anforderungen an die Berufsberatung. Die Arbeitslosigkeit hat zugenommen und die Erwachsenenbildung hat einen starken Aufschwung erlebt. Die Integration von Jugendlichen ist schwieriger geworden und führte in den 1990er-Jahren zur Entstehung eines neuen Tätigkeitsbereichs. Wir haben unsere Dienstleistungen an die Bedürfnisse der Wirtschaft angepasst und den Schwerpunkt auf die berufliche Neuorientierung von Erwachsenen gelegt. Der Kongress zum Thema Berufsberatung für Erwachsene 1994 in Neuenburg war sehr erfolgreich und bewirkte, dass eine spezifische Weiterbildung für Erwachsenenberatung geschaffen wurde. Anschliessend wurde die Erwachsenenbildung in verschiedenen Gesetzen verankert und ein Fachausweis im Bereich Erwachsenenbildung eingeführt.

Inwiefern haben sich diese Veränderungen auf die Tätigkeit der Berufsberaterinnen und Berufsberater ausgewirkt?
Sie haben ihre Beratung neu strukturiert und ihr Dienstleistungsangebot auf Erwachsene ausgedehnt. Diese beruflichen Veränderungen haben wir mit internen Ressourcen bewältigt. Ich habe an der Gestaltung der Kurse zum Thema «Begleitung von Erwachsenen» in den lateinischen Kantonen mitgewirkt. Die Berufsberaternden haben begonnen, sich in den Bereichen Kompetenzbilanz und Gruppenmoderation weiterzubilden. Und als die Validierung von Bildungsleistungen eingeführt wurde, haben wir die notwendigen Kompetenzen erworben, um Klienten in diesem Prozess zu begleiten.

Wie sieht es heute aus?
Heute liegt die Verantwortung für die eigene berufliche Weiterbildung und Weiterentwicklung viel mehr bei jedem Einzelnen, während früher eher die Arbeitgeber oder Gewerkschaften dafür verantwortlich waren. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Heute geht zudem grosser Beratungsbedarf von Klienten aus, die die Orientierung verloren haben, die glauben, ihre Arbeitslosigkeit selbst verschuldet zu haben und sich für ihre Arbeitsmarktfähigkeit verantwortlich fühlen. Trotzdem hat die Erwachsenenberatung ihren Zenit erreicht und ist gegenwärtig wieder rückläufig.

Wie erklären Sie sich das?
Zum einen liegt es daran, dass einzelne Kantone die Dienstleistungen für diese Zielgruppe kostenpflichtig gemacht haben. Zum anderen liegt es daran, dass die Integration von Jugendlichen zu einem grösseren Problem geworden ist und gegenwärtig die volle Aufmerksamkeit der zuständigen Ämter fordert. Angesichts des von den Verbundpartnern formulierten Ziels, 95 Prozent der Jugendlichen zu einem Abschluss der Sekundarstufe II zu führen, ist die Betreuung von Jugendlichen mit Problemen zu einem vorrangigen Anliegen geworden.

Wie reagieren die Berufsberater auf die Bedürfnisse dieser Zielgruppe?
Unsere Betreuungsleistung geht über die reine Berufsberatung hinaus. Das Zwischenmenschliche hat an Bedeutung gewonnen. Heute sind die Berufsberatenden oft Coaches und haben vermehrt eine erzieherische Rolle. Sie motivieren Jugendliche mit Schwierigkeiten, unterstützen sie bei ihren Massnahmen und stellen ihnen häufiger konkrete Hilfsmittel zur Verfügung. Das Coaching geht zwar von konkreten Situationen aus, erfordert aber trotzdem einen psychologischen Hintergrund, der bei den Berufsberatenden stärker vorhanden ist als bei anderen Coaches. Zudem pflegen die Berufsberatenden heute einen regeren Austausch mit den Akteuren des Bildungswesens, der Sozialdienste, Eingliederungsstellen und des Arbeitsmarkts.

Gibt es weitere wichtige Entwicklungen?
In den letzten 20 Jahren haben die Berufsberatungsstellen die Berufsinformation stark ausgebaut. Das beste Beispiel dafür ist die Website berufsberatung.ch. Für dieses Vorhaben waren Überzeugungsarbeit und die Mitarbeit aller Kantone notwendig. Nur so konnten wir ein einheitliches Produkt für alle drei Sprachregionen erarbeiten. Es ist uns gelungen, alle Akteure unter dem Label «Berufsberatung» zu vereinen.

Wie hat sich der Computer auf die Tätigkeit der Berufsberatenden ausgewirkt?
Der technologische Wandel hat uns neue Möglichkeiten eröffnet, uns aber auch zusätzlichen Aufwand beschert. Früher waren die Berufsberatenden die Informationseigner, heute ist der Computer der dritte Teilnehmer eines jeden Beratungsgesprächs geworden. Der Umgang mit Informationen hat sich verändert. Die Berufsberatenden haben sich neu positioniert, um ihren Klienten einen Mehrwert bieten zu können. Sie haben ihre Rolle als Experte und Bezugsperson ins Zentrum gestellt und helfen ihren Klienten, sich im Dschungel der Ausbildungen und Berufe zurechtzufinden.

Sie haben auch an der Qualitätsentwicklung in der Berufsberatung mitgearbeitet.
2002 wurde auf Initiative der KBSB ein nationales Projekt zur Qualitätsentwicklung in der Berufsberatung lanciert. Wir besuchten andere französischsprachige Länder, um Erfahrungen auszutauschen. Anschliessend haben wir mit der Unterstützung der Universität Lausanne unser eigenes Instrument, das «Swiss Counselling Quality» (SCQ), eingeführt. Das Vorhaben stiess bei den Berufsberatenden auf grossen Widerstand. Sie befürchteten eine stärkere Kontrolle ihrer Arbeit, was aber nicht unser Ziel war. Das SCQ beschreibt vor allem die Massnahmen und die Bedingungen, die für die Schaffung einer Berufsberatungsstelle und für die Beratungsarbeit erfüllt sein müssen.

Welche weiteren Massnahmen in diese Richtung wurden getroffen?
Wir haben nach Instrumenten gesucht, welche die Triage und die Zuweisung der stetig zunehmenden Anfragen erleichtern und so die Beratung effizienter machen. Der 2014 eingeführte Online-Fragebogen ADOR ist ein Beispiel dafür. Er ermöglicht eine erste Triage, eine Zuweisung der Klienten an die geeigneten Stellen und eine gezieltere Beratungstätigkeit. Geplant ist zudem ein neues Instrument, mit dem die nationalen Statistiken über die erbrachten Dienstleistungen erstellt werden können. Es dürfte 2018 in Betrieb genommen werden.

Und wie sieht es mit der Qualität der Beratung aus?
Als wir 2005 das Validierungsverfahren in der Berufsberatung einführten, haben wir ein Profil erstellt, das alle für den Beruf notwendigen Kompetenzen beschreibt. Das Profil legt den Schwerpunkt auf die Begleitung und Beratung, also jene Tätigkeiten, für die psychologische Kenntnisse erforderlich sind, auch wenn kein Psychologiestudium vorausgesetzt wird. Gegenwärtig beschäftigt uns das Thema Qualität in einer anderen Form. Und zwar geht es um die Qualifikation der Beratenden und um ihre Identität. Dabei beschäftigen uns die Fragen, welche Ausbildung, welche psychologischen Fähigkeiten und welche Kenntnisse der Arbeitswelt ein guter Berater haben muss. Die Debatte ist im Gang.

Wie haben sich die Beziehungen mit den Akteuren der Berufsbildung und der Arbeitswelt entwickelt?
Wir konnten in allen Kantonen Kontakte knüpfen und eine gute Zusammenarbeit etablieren. Wir arbeiten gemeinsam an konkreten Projekten wie etwa dem Forum der Berufe. Dank dem regelmässigen Austausch pflegen wir gute Beziehungen. Ich habe aber festgestellt, dass die Berufsberatung oft ihre Nützlichkeit unter Beweis stellen und auf ihrer Unabhängigkeit beharren muss. Es ist wichtig, dass sie unabhängig bleibt und zugleich partnerschaftliche Beziehungen aufbaut.

Sie haben an der Universität Lausanne gelehrt. Wie sehen Sie die Rolle der zukünftigen Berufsberatenden?
Sie werden vermehrt eine gesellschaftliche Rolle einnehmen. Meine Studierenden interessierten sich vorwiegend für das Individuum und für das Zwischenmenschliche. Ich finde es wichtig, dass sie sich auch Gedanken über ihre Rolle in der Gesellschaft machen: Warum wird die Berufsberatung von der öffentlichen Hand finanziert? Welches ist meine Rolle im Bildungs- und im Sozialsystem? Sie müssen ihren Klienten beibringen, wie sie ihre berufliche Laufbahn unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Möglichkeiten managen können, und ihnen auch vermitteln, dass der Freiheit Grenzen gesetzt sind. Berufsberater sind Psychologen der Realität.

Kasten

Marc Chassot

Marc Chassot übernahm 1992 die Leitung des Amts für Berufsberatung und Erwachsenenbildung Freiburg. Er amtete mehrmals als Präsident der Stellenleiter-Konferenz der Berufsberatungen der lateinischen Schweiz (CCO), die später zur Konferenz der Berufsberatungen der lateinischen Schweiz (CLOR) wurde, und seit 2013 als Präsident der KBSB. Marc Chassot hat ein Lizenziat in klinischer Psychologie, einen Abschluss in Berufsberatung und Erwachsenenbildung sowie ein CAS in Managementphilosophie. Bevor er Amtsvorsteher wurde, war Marc Chassot mehrere Jahre als Berufs- und Erwachsenenbildner tätig.

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