Ausgabe 05 | 2016

BERUFSBILDUNG

Berufsreformen

Umweltkompetenzen für alle Berufe

Das Bundesamt für Umwelt setzt sich dafür ein, dass in der Berufsbildung Kompetenzen für den Schutz der natürlichen Ressourcen verankert sind. In der beruflichen Grundbildung ist dies gesetzlich vorgeschrieben, in der höheren Berufsbildung freiwillig. Die Organisationen der Arbeitswelt können Beratung anfordern.

Von Beat Bringold, Chef Sektion Umweltbildung im Bundesamt für Umwelt (BAFU)

Der Koch, die Bankwirtschafterin, der Drogist: Sie alle haben – im Unterschied zu einer Energieberaterin oder einem Rohstoffaufbereiter – keinen direkten, offensichtlichen Bezug zur Umwelt. Und doch beeinflussen sie mit ihren Entscheidungen und Handlungen im Berufsalltag den Zustand der natürlichen Ressourcen. Kennt der Koch die verschiedenen Herstellungsverfahren und die Labels der Lebensmittelbranche? Wie geht der Drogist mit giftigen Stoffen um? Wirbt die Bankwirtschafterin nur für konventionelle oder auch für nachhaltige Finanzprodukte? Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) setzt sich dafür ein, dass die Kompetenzen für den Schutz und die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen in die Grundlagendokumente der beruflichen Grundbildung und der höheren Berufsbildung integriert werden, damit die Berufsleute über die nötigen Kenntnisse und Kompetenzen verfügen.

Nachhaltige Entwicklung ist ein Staatsziel

Das BAFU stützt sich dabei auf die Bundesverfassung, die in Artikel 2 die nachhaltige Entwicklung zu einem Staatsziel erklärt und in Artikel 73 Bund und Kantone dazu auffordert, «ein auf Dauer ausgewogenes Verhältnis zwischen der Natur und ihrer Erneuerungsfähigkeit einerseits und ihrer Beanspruchung durch den Menschen anderseits» anzustreben. Seit 1997 legt der Bundesrat seine politischen Absichten zur Umsetzung der nachhaltigen Entwicklung in der Schweiz in einer Strategie fest. Diese sieht unter anderem vor, dass die Bildung für eine nachhaltige Entwicklung auf allen Bildungsstufen integriert wird. Das 2004 in Kraft getretene Berufsbildungsgesetz formuliert entsprechende Leitlinien für die berufliche Grundbildung: «Sie umfasst insbesondere die Vermittlung und den Erwerb der wirtschaftlichen, ökologischen, sozialen und kulturellen Kenntnisse und Fähigkeiten, welche die Lernenden dazu befähigen, zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen.» Bildungsverordnungen und Bildungspläne der beruflichen Grundbildung müssen alle fünf Jahre bezüglich der wirtschaftlichen, technologischen und ökologischen Entwicklungen überprüft und – falls notwendig – angepasst werden. Für die Revisionen und Neuentwicklungen zuständig sind das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) und die Organisationen der Arbeitswelt (OdA). Das SBFI steuert die Prozesse und genehmigt die Verordnungen; die Bildungsinhalte werden von den OdA definiert. Das BAFU nimmt während der Vernehmlassung schriftlich Stellung zu den Bildungsverordnungen und Bildungsplänen, damit die ökologischen Kompetenzen verankert werden. Eine grosse Mehrzahl der Vorschläge wird übernommen, wie eine Evaluation des BAFU zeigt. Vermehrt bringt das BAFU bereits während der ersten Vernehmlassung konkrete Vorschläge ein, und nicht erst am Ende einer Revision. Dieses Prozedere stärkt die Zusammenarbeit zwischen den OdA und dem BAFU und beschleunigt den Prozess.

«Gentlemen’s agreement» in der höheren Berufsbildung

Etwas anders präsentiert sich die Situation in der höheren Berufsbildung. Zwischen SBFI und BAFU gilt seit 2014 ein «Gentlemen’s agreement». Bei anstehenden Bildungsreformen wird das BAFU an die Kick-off-Sitzungen eingeladen. Schliesslich aber entscheiden, wie in der beruflichen Grundbildung, die Trägerschaften von Berufsprüfungen, höheren Fachprüfungen und Rahmenlehrplänen, ob und in welcher Form sie mit dem BAFU zusammenarbeiten. Das BAFU bietet für jede Phase des Reformprozesses Beratungen an oder vermittelt Fachkontakte. Es hilft zu prüfen, inwiefern der Schutz und die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen für das entsprechende Berufsfeld relevant sind; es eruiert Marktbedürfnisse und -trends, geltende Normen, Standards und Vorschriften sowie neue ressourcenschonende Technologien und Verfahren; und es definiert die nötigen beruflichen Kompetenzen im Berufsbild und im Qualifikationsprofil. Auf Wunsch der Prüfungsträgerschaft nimmt das BAFU auch schriftlich Stellung zum Entwurf einer Prüfungsordnung und Wegleitung.

Wirtschaftlicher Nutzen für die Firmen

Diese Angebote stehen den Trägerschaften (auch jenen von Berufen der Grundbildung) kostenlos zur Verfügung. Und sie werden zunehmend genutzt. Eine enge Zusammenarbeit gibt es insbesondere mit jenen Organisationen, die die Erweiterung der Kompetenzliste nicht als Bürde, sondern als Chance sehen und sich davon auch einen wirtschaftlichen Nutzen versprechen: Kosteneinsparungen in den Betrieben, frühzeitige Anpassung an kommende Umweltregulierungen und veränderte Kundenwünsche, Wettbewerbsvorteile bei öffentlichen Ausschreibungen, gesellschaftliche Akzeptanz, Image-Gewinn usw. Immer mehr Berufsverbände lassen sich von solchen wirtschaftlichen Argumenten überzeugen. Manche Organisationen der Arbeitswelt gehen gar noch einen Schritt weiter und sind bei der Vermittlung der neuesten Entwicklungen, Gesetze und Normen im Umweltbereich tätig. Auch das BAFU will sich künftig stärker bei der Umsetzung engagieren: In einer Pilotstudie mit ausgewählten Be-trieben lässt es derzeit ein didaktisches Instrumentarium für Berufsbildungsverantwortliche in den Betrieben entwickeln, das sich auf andere Firmen adaptieren lässt. Zudem plant das Bundesamt, interessierte Trägerschaften bei der Umsetzung der Prüfungsordnungen und Wegleitungen zu unterstützen, zum Beispiel bei der Schulung von Prüfungsexpertinnen und -experten oder der Formulierung von Prüfungsfragen.

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