Ausgabe 05 | 2016

Fokus "Kleinstberufe"

Jeder dritte Beruf ist ein Kleinstberuf

In der Schweiz existieren rund 230 Berufe der Grundbildung. Ein gutes Drittel davon zählt zu den Kleinstberufen. Kleinstberufe, viele von ihnen traditionelle Handwerksberufe, haben heute vielfach mit erheblichen Problemen zu kämpfen. Das ist insbesondere in der Berufsbildung der Fall.

Von Franziska Mitterecker, Projektleiterin am Kurszentrum Ballenberg

(Bild: Adrian Moser)

(Bild: Adrian Moser)

«Kleinstberuf» – das klingt nach einer vernachlässigbaren Grösse. Aber täuschen Sie sich nicht! Zu den Kleinstberufen zählen elementar wichtige Bauhandwerke wie Steinmetz, Pflästerin und Industriekeramiker. Traditionsreiche Kunsthandwerke wie Goldschmiedin, Graveur und Geigenbauerin. Oder auch neue und hochmoderne Berufe wie Recyclist und Entwässerungstechnologin. Etwa 90 Berufe der Grundbildung sind Kleinstberufe. Das ist mehr als ein Drittel aller Ausbildungsberufe.

Die Krux mit dem Nachwuchs

Die Probleme rund um das Thema Nachwuchs, mit denen die Kleinstberufe zu kämpfen haben, sind vielgestaltig. Sie beginnen bei der Sichtbarkeit auf dem Lehrstellenmarkt. Beispiel Holzhandwerker, Fachrichtung Weissküferei: Woher soll der Nachwuchs kommen, wenn Schulabgänger weder wissen, was ein Weissküfer ist und was er tut, noch die Möglichkeit haben, diesen Beruf zu erlernen? Wie grundlegend dieses Problem ist, hat sich an den SwissSkills Bern 2014 an der Sonderschau der Kleinstberufe aufs Anschaulichste gezeigt: «Wow, das ist cool – ich wusste gar nicht, dass man das lernen kann!» Diesen erstaunt-begeisterten Ausruf junger und auch vieler älterer Besucherinnen und Besucher bekamen die Vertretungen der ausstellenden Kleinstberufe an ihren Ständen etliche Mal zu hören. Für die Öffentlichkeitsarbeit, die nötig wäre, um hier Abhilfe zu schaffen, fehlen den meisten Kleinstberufe-Verbänden die Mittel. Allerdings stellt auch die Lehrlingsausbildung selbst für alle Kleinstberufe eine organisatorische, personelle und nicht zuletzt finanzielle Herausforderung dar, welche die Kapazitäten ihrer Verbände häufig an die Grenzen bringt. Die Anzahl der Betriebe und damit die Anzahl potenzieller Lehrplätze ist beschränkt. Im Extremfall lassen sich Letztere an einer Hand abzählen, so zum Beispiel bei den Korb- und Flechtwerkgestaltern oder den Weissküferinnen mit gesamtschweizerisch drei respektive vier Ausbildungsplätzen. Die Lehrlingsausbildung kann zudem bei einer landesweit kleinen Gesamtzahl Lernender für den einzelnen ausbildenden Betrieb beinahe unbezahlbar werden. Besonders ins Gewicht fallen die überbetrieblichen Kurse: Da sich die Kosten auf die Lehrbetriebe der Teilnehmenden verteilen, kommt ein Kurs mit nur vier Teilnehmenden die Betriebe erheblich teurer zu stehen als einer mit zwanzig. Insbesondere Kleinbetriebe verfügen häufig nicht über die nötigen finanziellen Reserven. Die Schaffung eines Berufsbildungsfonds kann ihr Ziel nur dort erreichen, wo eine ausreichende Zahl von beitragzahlenden Betrieben existiert, was nicht bei allen Kleinstberufen der Fall ist. Mit Geld allein haben Sie aber noch keinen Lernenden ausgebildet. Sie brauchen auch qualifizierte Lehrpersonen. Und diese sind in einem Kleinstberuf, wo die per se nicht im Übermass vorhandenen Berufsleute üblicherweise Mehrfachfunktionen ausüben müssen, nicht einfach zu finden. Ein weiteres Problem haben Sie, wenn von Ihren beiden vorhandenen Lernenden eine aus der Romandie und einer aus dem Tessin kommt und die einzige in einem bestimmten Bereich verfügbare Lehrperson nur Deutsch spricht. Oder: Die einzelnen Betriebe sind spezialisiert und können Lernenden nicht die ganze Bandbreite ihres Berufs vermitteln. Hier kann ein Lehrbetriebsverbund eine Lösung sein, ist aber nicht immer praktikabel, zum Beispiel wenn die einzelnen Lehrbetriebe geografisch weit auseinanderliegen. Bei Kleinstberufen kann sich also die Situation einstellen, dass ausbildungswillige Jugendliche zwar vorhanden sind, dass auch der Arbeitsmarkt Bedarf an ausgebildeten Berufsleuten hat, aber zu wenige Betriebe in der Lage sind, diese zweifache Nachfrage zu decken. Dies ist gegenwärtig zum Beispiel bei den Steinmetzinnen und den Blasinstrumentenbauern der Fall. Fazit: Ein höherer Bekanntheitsgrad bei Schulabgängern ist zwar erste Bedingung für das Überleben vieler Kleinstberufe, nützt letztlich aber nur dann etwas, wenn auch tatsächlich ausgebildet werden kann. Der Schwierigkeiten sind weitere. Angebote der höheren Berufsbildung sind heutzutage essenziell. Eine Grundausbildung, auf der sich nicht aufbauen lässt, verliert für talentierte und ambitionierte junge Menschen entscheidend an Attraktivität. Aber auch für die höhere Berufsbildung gilt: Je kleiner die Teilnehmerzahl, desto höher die Kosten. Dies führt dazu, dass Kleinstberufe eine höhere Berufsbildung nicht oder nur mit finanziellem Verlust anbieten können. Nur schon die Meisterprüfung (höhere Fachprüfung), in vielen alten Handwerksberufen traditionell der Nachweis umfassender beruflicher Qualifikation und Erfahrung, ist für viele Verbände finanziell kaum mehr tragbar. Von der enorm aufwendigen Entwicklung neuer Ausbildungsgänge ganz zu schweigen.

Das revidierte Berufsbildungsgesetz

Einmal abgesehen vom Problem der Sichtbarkeit, das in erster Linie gesellschaftlich bedingt ist: Woher plötzlich diese Misere bei den Kleinstberufen? Früher ging es doch auch? «Früher» – das war vor dem Inkrafttreten des revidierten Berufsbildungsgesetzes (BBG) am 1. Januar 2004. Und ja, da war für die Kleinstberufe tatsächlich vieles noch einfacher gewesen. 2004 sahen sich viele von ihnen mit der Tatsache konfrontiert, dass ihre bestehende Bildungsverordnung den gesetzlichen Anforderungen nicht mehr genügte. Detaillierte Bildungspläne mussten erstellt, Lernziele, Strukturen und Abläufe präzisiert oder auch neu definiert werden. Die neuen Bildungsverordnungen nach BBG müssen nicht nur inhaltlich genauen Vorgaben entsprechen, sondern auch formal. Dies sowie weitere neue Vorschriften – zum Beispiel Qualitätssicherung und Fünfjahresüberprüfung – waren und sind mit einer Büro-kratisierung verbunden, zu deren Bewältigung eine professionelle Geschäftsstelle erforderlich ist. Oder vielmehr: wäre. Denn eine professionelle Geschäftsstelle können sich viele Kleinstberufe nicht leisten. Das Überleben ihrer Berufe hängt somit am persönlichen Idealismus und an ehrenamtlichem Einsatz der Berufsleute selbst. Die zusätzlichen Arbeiten, die Letzteren aus dieser Situation erwachsen, belasten nicht nur deren Kräfte. Wenn sich eine Handwerkerin am Feierabend mit Adressverwaltung, Formularen, Gesuchen und der Erfüllung von bürokratischen Vorgaben beschäftigen muss, bedeutet dies in der Regel auch, dass diese Arbeiten nicht professionell und effizient erledigt werden können. Der Mangel an Professionalität führt wiederum zu Mehraufwand, der erneut Kräfte bindet – ein Teufelskreis.

Hüter der kulturellen Vielfalt

Von den Schwierigkeiten besonders stark betroffen sind viele handwerkliche Kleinstberufe. Einige von ihnen sind heute in ihrem Fortbestand akut gefährdet, so beispielsweise der bereits genannte Weissküfer, aber auch die Messerschmiedin oder der Fachmann Leder und Textil, Fachrichtung Feinlederwaren. Dies ist ein Problem, das die Gesellschaft als Ganzes angeht. Alte, traditionsreiche Handwerksberufe – von der Orgelbauerin zum Drechsler, vom Stein- oder Holzbildhauer zur Weberin, von der Küferin zum Silberschmied – sind Träger und Bewahrer eines über Jahrhunderte gewachsenen Fachwissens und Könnens. Und sie sind unersetzlich: für die Instandhaltung und Restaurierung unserer Kulturgüter, für die Pflege der historischen Infrastruktur, für Angebote im Kulturtourismus, für die Herstellung von individuellen, qualitativ höchstwertigen Produkten. Und nicht zuletzt können gerade die traditionellen, überwiegend kleinbetrieblich organisierten Handwerksberufe mit ihren langlebigen und reparaturfähigen Erzeugnissen wegweisend sein für die Zukunft: Die zunehmend laut werdende Forderung nach Nachhaltigkeit leben sie längst vor. Der Erhalt der Kleinstberufe, traditioneller wie moderner, ist aber nicht bloss wirtschaftliche, kulturelle und ökologische Notwendigkeit. Ein vielgestaltiges Angebot der beruflichen Grundbildung bietet darüber hinaus Perspektiven für eine Jugend, die mehr möchte als die Wahl zwischen Büro, Informatik und Universität. Für diese Jugend halten die Kleinstberufe ein ganzes Arsenal an attraktiven, vielseitigen, anspruchsvollen, künstlerisch-kreativen Entwicklungsfeldern bereit.

Links und Literaturhinweise

www.ballenbergkurse.ch

Kasten

Was ist ein «Kleinstberuf»?

Kleinstberufe: Das sind, grob umrissen, Berufe mit schweizweit weniger als 100 Lernenden über alle Lehrjahre hinweg und in der Regel höchstens einer Berufsfachschulklasse pro Lehrjahr. In vielen Kleinstberufen kommen nicht jährlich neue Ausbildungsverhältnisse zustande. Häufig werden die Berufsfachschulklassen und die überbetrieblichen Kurse infolge der geringen Zahl Auszubildender mehrsprachig geführt.

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 6 | 2019 mit dem Fokus «Steigende Anforderungen» erscheint am 13. Dezember.