Ausgabe 03 | 2016

BERUFSBILDUNG

Teilprüfungen in der beruflichen Grundbildung

Verbundpartnerschaft im Härtetest

In 23 beruflichen Grundbildungen erfolgt das praktische Qualifikationsverfahren in zwei Etappen: einer Teilprüfung und der Lehrabschlussprüfung. Damit können Ausbildungsteile frühzeitig abgeschlossen und realistische Einschätzungen über den Lernstand der Jugend­lichen gewonnen werden. Die Kantone sehen die Teilprüfungen jedoch kritisch.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Beat Kneubühler ist Ressortleiter Berufs­bildung von viscom, Träger von fünf beruflichen Grundbildungen der grafischen Industrie, darunter Polygraf/in. Als Kneu­- büh­ler diesen Beruf erlernte – damals als Typograf – absolvierte er auch eine Teilprüfung. Heute gibt es diese Prüfung nicht mehr. «Eine Sparmassnahme der Kantone», sagt Kneubühler. «Ich bedaure sie.»

«Gesteigerte Aus­sagekraft»

Teilprüfungen sind eine von vielen Eigenheiten des Berufsbildungssystems. Sie sind in Artikel 33 des Berufsbildungsgesetzes erwähnt. Nach Angaben des SBFI existieren derzeit 23 berufliche Grundbildungen mit Teilprüfungen. Sie ermöglichen es, die Fähigkeiten der Lernenden schon im Verlauf der Lehre zu testen. Das Ergebnis fliesst je nach Beruf im Umfang von 20 bis 33 Prozent in die Gesamtnote des Qualifikationsverfahrens ein. Scheitern die Jugendlichen, haben sie unterschiedliche Möglichkeiten: Die Kältesystem-Monteure oder technischen MEM-Berufe wiederholen die Prüfung (Fallnote), während es bei den Coiffeuren, Tierpflegerinnen oder Augen­optikern möglich ist, die schlechte Note mit einer guten Leistung in der Haupt­prüfung zu kompensieren. Häufig wird auch nach anderen Lösungen gesucht – zum Beispiel die Neuorientierung in einen anderen Beruf, die Wiederholung eines Lehrjahrs oder die Umwandlung in eine zweijährige Grundbildung EBA. Die Teilprüfung erlaubt in der Mehrzahl der 23 beruflichen Grundbildungen, be­­stimmte Ausbildungsteile frühzeitig ab­zu­schliessen. Die Coiffeure prüfen beispielsweise die grundlegenden Schnitttechniken, während in den technischen MEM-Berufen oder der Tierpflege die Teilprüfung den Übergang zwischen der Basis- und der Schwerpunktausbildung markiert. In der kaufmännischen Grund­bildung wird mit der Teilprüfung nach dem zweiten Lehrjahr das Fach Information/Kommunikation/Administration (IKA) abgeschlossen. Roland Hohl, Geschäftsleiter der Interessengemeinschaft Kaufmännische Grundbildung Schweiz, weist darauf hin, dass gerade die Ausrichtung an Handlungskompetenzen für eine gestreckte Prüfung spreche – und erinnert an eine These des Wirtschaftspädagogen Dieter Euler: «Durch eine Ausdifferenzierung der Kompetenzfeststellung im Rahmen von Teilprüfungen lässt sich die Aussagekraft über die erreichte berufliche Handlungskompetenz wesentlich steigern. Wenn die stabile, nachhaltige Bewältigung von flexibel auftretenden beruflichen Handlungsanforderungen ein konstitutives Merkmal von Kompetenzen darstellt, dann erfordert die Feststellung dieser Flexibilität und Stabilität mehr als eine singuläre Prüfung.» Die Teilprüfung erlaubt es zudem, die Fähigkeiten der Lernenden schon während der Lehre einem Realitätstest zu unterziehen – und wenn nötig Korrekturen in die Wege zu leiten. «Das schulische Wissen der Kunststofftechnologen wird regelmässig geprüft. Aber die Lernenden sollen auch wissen, wo sie in der betrieblichen Ausbildung stehen, und zwar nicht erst am Ende der Ausbildungszeit», sagt Urs F. Meyer von Swiss Plastics. Beat Kneubühler ergänzt: «Wenn in der Vergangenheit schulische Leistungsprobleme auftraten, erlaubte die Teilprüfung eine realistische Gesamteinschätzung. Das hat so manchem Betrieb die Augen geöffnet und ermöglicht, Fördermassnahmen in die Wege zu leiten.» Corinne Lachat vom Optikerverband hat zudem beobachtet, dass die Lernenden mit ungenügenden Teilprüfungen sich «noch mehr ins Zeug legen». Und Paul Andrist von der Schweizerischen Metall-Union, Trägerin der drei Landtechnikberufe Landmaschinen-, Baumaschinen- und Motorgerätemechaniker/in, bilanziert: «Die Durchfallquote an der Lehrabschlussprüfung ist markant zurückgegangen.»

Kantone wollen gute Gründe hören

Die Durchführung von Teilprüfungen verursacht bei den verantwortlichen Kan­tonen allerdings Mehraufwand – zum Beispiel im Bereich Expertinnen und Experten (Vorbereitung, Durchführung und Korrektur der Prüfungen, Verpflegung, Reisekosten), Räume, Material oder Administration. Ein Bericht zuhanden der Geschäftsprüfungskommission des Nationalrates «Qualität der Verbundpartnerschaft in der Berufsbildung» kommt zum Schluss, dass der Aufwand für die Qualifikationsverfahren in den letzten Jahren gestiegen sei – «insbesondere für die Kantone eine organisatorische sowie finanzielle Herausforderung». Vor diesem Hintergrund hat die Schweizerische Berufsbildungsämter-Konferenz (SBBK) Voraussetzungen für die Durchführung von Teilprüfungen formuliert. Sie sind in einem «Arbeitsdossier für bildungssachverständige Personen» enthalten, das eine Arbeitsgrundlage für die rund 90 kantonalen Vertretungen in den Kommissionen B&Q bildet. Diese Voraussetzungen sind:
- Die Teilprüfung findet im Rahmen einer VPA (vorgegebene praktische Arbeit) statt und bildet einen eigenen Qualifikationsbereich. Dabei werden ein oder zwei Handlungskompetenzbereiche abgeschlossen.
- Die geprüften Grundfertigkeiten sind Voraussetzung für die weitere schwerpunktspezifische betriebliche Bildung; sie werden an der praktischen Abschlussarbeit nicht noch einmal geprüft.
- Die praktische Abschlussarbeit findet im Rahmen einer IPA (individuelle praktische Arbeit) statt.
- Teilprüfungen sind nur für vierjährige berufliche Grundbildungen sinnvoll, nicht aber für dreijährige.
Diese Kriterien legen die Latte relativ hoch. Konsequent angewendet stellen sie die Teilprüfungen der Kaufleute oder der Coiffeure infrage, die nur drei Jahre dauern. Ebenso wenig weisen die Berufe der Landmaschinentechnik die geforderten Schwerpunkte auf, während in der Tierpflege schulisches statt praktisches Wissen geprüft wird. «Die Revision von Bildungsverordnungen basiert auf einvernehmlichen Gesprächen», beschwichtigt Karin Rüfenacht, Geschäftsführerin der SBBK-Kommission Berufsentwicklung. «Wenn ein Berufsverband gute Gründe für Teilprüfungen namhaft macht, stellen sich die Kantone nicht quer.» Allerdings ist für die SBBK das Ziel, über die Teilprüfung Auskünfte über den Lernstand der Jugendlichen zu erhalten, nicht triftig genug. «Eine Teilprüfung soll keine Disziplinierungsmassnahme sein und nicht für eine Lernstandsaufnahme verwendet werden. Dazu eignen sich die Bildungsberichte oder Standortbestimmungen besser. Zudem zeigen die Erfahrungsnoten der Berufsfachschule, der üK und gegebenenfalls aus dem Betrieb einen guten Zwischenstand», so Rüfenacht.

Gewerbeverband kontert

Mit ihrer Haltung stösst die SBBK auch auf Widerspruch. So findet Roland Hohl das Ansinnen problematisch, die Teilprüfung für dreijährige Ausbildungen verhindern zu wollen – solche Fragen müssten berufsspezifisch beantwortet werden. Noch deutlicher äussert sich Christine Davatz vom Schweizerischen Gewerbeverband, die wenig Verständnis für die Haltung der Kantone hat. «Die Berufsverbände fühlen sich in zunehmendem Masse als Handlanger der Kantone. Im Rahmen ihrer Zuständigkeiten sind es aber die Berufsverbände, die für die Bildungsinhalte und die Ausgestaltung des Qualifikationsverfahrens verantwortlich sind. Den Kantonen obliegen die Durchführung der QV, die Aufsicht sowie die Finanzierung. Wenn ein Berufsverband Gründe für eine Teilprüfung sieht, dann muss sie möglich sein.» Bei den Polygrafen hat man sich mit der Änderung inzwischen arrangiert. «Verbundpartnerschaft heisst, dass man manchmal Kompromisse schliesst», sagt Beat Kneubühler. Auf die Teilprüfung habe man verzichtet, weil der Beruf keine Basis­ausbildung mehr hat, sondern von Beginn weg in zwei Schwerpunkten verlaufe: Printmedien und Screenmedien. Jetzt habe man betriebliche Zwischentests eingeführt – auch wenn die Betriebe diese weniger ernst als die Teilprüfung nähmen.

Kasten

Welche zusätzlichen Kosten durch Teilprüfungen entstehen

Die durch Teilprüfungen zusätzlich entstehenden Kosten sind schwierig zu ermitteln. Die SBBK verfügt über keine Angaben, und auch zwei ange­fragte Kantone verfügen über keine validierten Zahlen. Peter Kämpf, Prüfungsleiter im Berner Mittelschul- und Berufsbildungsamt, hat aber exemplarisch die Kosten für die Experten in zwei beruflichen Grundbildungen zusammengestellt. Sie zeigen, dass Teilprüfungen verglichen mit Hauptprüfungen geringere Kosten pro Kandidat verursachen, da sie zentral durchgeführt werden. Pro Prüfungsstunde und Kandidat/in betrachtet, ver- ursacht die Teilprüfung bei den Landtechnikberufen weniger Kosten als bei der Hauptprüfung. Bei den Coiffeusen ist es umgekehrt. Nach Auffassung von Peter Kämpf sind die Kosten für die Bewilligung von Teilprüfungen ohnehin nicht ausschlag- gebend. Bei vierjährigen Berufen werde in der Regel nach zwei Jahren die Grundausbildung abgeschlossen, an die eine Schwerpunkt­ausbildung anschliesse, die mit einer individuellen praktischen Arbeit ge­prüft werde – hier mache eine Teilprüfung Sinn. Bei dreijährigen Berufen wie Coiffeur /Coiffeuse sei das nicht der Fall. So sei es nicht sinnvoll, nach zwei Jahren eine Teilprüfung durchzuführen und bei Nichtbestehen das Lehrverhältnis in eine zweijährige Grundbildung EBA umzuwandeln.

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