Ausgabe 03 | 2016

Fokus "Forschung und Evaluation"

Genfer Bildungsforschung

«Empfehlungen haben Gewicht»

Forschung und Evaluation auf der Grundlage von Sachdaten sind Werkzeuge für die bildungspolitische Entscheidungsfindung. Die Leiterin des Amts für Bildungsforschung des Kantons Genf (SRED), Daniela Di Mare Appéré, berichtet von dessen Tätigkeit.

Interview: Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

Daniela Di Mare Appéré: «Wir tragen zur Steuerung des Bildungssystems bei.» (Bild: zvg)

Daniela Di Mare Appéré: «Wir tragen zur Steuerung des Bildungssystems bei.» (Bild: zvg)

PANORAMA: Was bringt ein Amt für Bil­dungsforschung innerhalb der Kantons­behörde? Daniela Di Mare Appéré: Unser Amt verfolgt die Entwicklung der Schülerpopulation aller Stufen und Bildungsgänge. Anhand der fortlaufend erstellten Statistiken und Datensammlungen können Bildungswege beobachtet, prekäre Gruppen identifiziert oder schwierige Momente und problematische Übergänge aufgedeckt werden. Die Analyse der Bildungswege gibt auch Aufschluss über das Bildungssystem an sich. Das SRED bietet Dienstleistungen in vier Bereichen: Forschung und Evaluation, Produktion von kantonalen und eidgenössischen Statistiken, Prognose der Schülerzahlen sowie Bereitstellung von statistischen Kennzahlen und Indikatoren. Be­reits seit 40 Jahren werden im Kanton Genf individuelle Schülerdaten erhoben und gesammelt. Das ermöglicht die Erstellung von umfassenden Statistiken. Zur Statistikproduktion und Schulplanung sind wir gesetzlich verpflichtet. Die Forschungstätigkeit erfolgt hingegen im Auftrag anderer Behörden und Ämter der Direktion für Erziehung, Kultur und Sport.

Welche Berührungspunkte gibt es zwischen der Statistikproduktion und der Forschungsarbeit?
Alle unsere Tätigkeitsbereiche sind miteinander verknüpft und bereichern sich gegenseitig: Statistiken sind unverzichtbar, um wissenschaftliche Studien und Ana­lysen zu untermauern, die Prognose der Schülerzahlen erlaubt die Dokumentation der Schülerströme, und diese wiederum wirft Fragen zu gewissen Bildungsgängen auf. Die Analyse von Sachdaten kann problematische Situationen aufdecken. So kann beispielsweise eine Untersuchung der Schülerpopulation in einer Vorlehre aufzeigen, dass diese Lernenden chaotische Schullaufbahnen hinter sich haben, Klassen wiederholen mussten, Probleme beim Lesen haben usw. Das zieht weiterführende Studien nach sich, und wir gehen der Frage nach, was man aus der Analyse dieser schwierigen Bildungslaufbahnen schliessen kann. Eine 2012 durchgeführte Analyse über den Mehrwert unserer Tätigkeit bestätigte diese Synergien zwischen unseren vier Dienstleistungsbereichen und die Notwendigkeit, diese Dienste in einer Behörde zu­sam­men­zufassen.

Haben Ihre Forschungsarbeiten auch konkrete Auswirkungen auf die Realität?
Ein Beispiel: Im Auftrag des Amts für Berufsberatung, Berufs- und Weiterbildung (OFPC) haben wir das Phänomen der Schulabbrecherinnen und Schulabbrecher untersucht. Das führte zur Schaffung einer Beobachtungsstelle für Schulabbrüche, die wir regelmässig mit neuen Studienergebnissen versorgen. So können wir die Merkmale von Personen, die vorzeitig aus dem Bildungssystem ausscheiden, besser erfassen. Das wiederum ermöglicht den Anbietern des Programms Cap Formations, ihre Dienstleistungen gezielt anzupassen oder neu auszurichten. Zurzeit führen wir eine qualitative Studie durch, bei der wir Jugendliche, die im Programm betreut werden, nach ihrer Meinung fragen. Die Ergebnisse könnten dazu führen, dass das OFPC das Programm umgestaltet

Inwiefern werden Sie in den Entscheidungsprozess einbezogen?
Das SRED ist im Auftrag anderer Behörden der Erziehungsdirektion tätig. Ist der Auftrag einmal erteilt, wählt das SRED frei einen geeigneten methodischen Ansatz und führt die Forschung völlig unabhängig durch, damit die Qualität und die Zuverlässigkeit der Ergebnisse sichergestellt sind. Wir arbeiten auch mit verschiedenen Koordinationsstellen zusammen, insbesondere in den Bereichen Schulabbruch, integrative Schulung sowie Evaluation der Schülerleistungen. Unsere Aufgabe besteht darin, die Diskussion mit erhärteten Daten und Ergebnissen zu stützen. Wir tauschen uns zudem häufig mit der Staatsrätin Anne Emery-Torracinta aus. Bei diesen Treffen geben wir Ergebnisse bekannt, nehmen an Diskussionen teil und schlagen neue oder vertiefende Studien vor. Wir können Themen vorschlagen, die uns wichtig scheinen, wie etwa der Bildungsweg von Schülern mit Migrationshintergrund. Dieser Austausch kann die Erziehungsdirektion dabei unterstützen, die Integrationspolitik zu verfeinern. Unsere Empfehlungen haben also durchaus Gewicht.

Links und Literaturhinweise

www.geneve.ch/recherche-education

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