Ausgabe 02 | 2016

BERUFSBERATUNG

Berufswahl

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Die Auseinandersetzung mit den eigenen Berufswünschen ist ein wichtiger Teil in der Berufsberatung und in der schulischen Berufswahlvorbereitung. Wie ein Forschungsprojekt zeigt, ist das Visualisieren von Berufswünschen Erfolg versprechend.

Von Daniel Jungo, Laufbahnzentrum der Stadt Zürich, und Heinz Moser sowie Klaus Rummler, Pädagogische Hochschule Zürich

Schülerinnen und Schüler mit niedrigerem Bildungsniveau sprechen besonders gut auf visuelle Methoden an. Im Bild: Das Foto «Drogistin» von Gubler und Gerosa (www.berufsfotos.ch). (Bild: Andreas Gerosa/Heini Gubler)

Schülerinnen und Schüler mit niedrigerem Bildungsniveau sprechen besonders gut auf visuelle Methoden an. Im Bild: Das Foto «Drogistin» von Gubler und Gerosa (www.berufsfotos.ch). (Bild: Andreas Gerosa/Heini Gubler)

Viele Berufswahlinstrumente und -medien thematisieren Berufswünsche verbal. Die heutigen Lebenswelten der Jugendlichen sind allerdings visuell geprägt. Mit ihren Smartphones haben Jugendliche täglich Zugang zu Hunderten von Bildern und sie erstellen selbst Fotos und Videos von sich und anderen Personen. Diese Selfies und bildhaft gestalteten Posen sind wesentlich für ihre Selbstdarstellung und ihre Identitätsentwicklung. Auch für die Auseinandersetzung mit Berufsideen trifft der Spruch «Ein Bild sagt mehr als tausend Worte» sehr gut zu, denn Bilder von Berufen zeigen sowohl die konkreten Tätigkeiten als auch die Arbeitsumgebung wie den Arbeitsplatz oder die Kleidung der Berufsleute. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, mehr über die Möglichkeiten und den Nutzen von visualisierten Berufswünschen zu erfahren. Eine Forschungsgruppe der Pädagogischen Hochschule Zürich mit dem Praxispartner Laufbahnzentrum Zürich konnte zu diesem Thema ein dreijähriges schweizerisches Nationalfondsprojekt (SNF) realisieren. In einem ersten Teilprojekt wurden die Berufsberatung und die Methode der narrativen Beratung untersucht, im zweiten Teilprojekt der Berufswahlunterricht an den Schulen.

Fotos sortieren in der Beratung

Das Sortieren der Berufsfotos von Gubler und Gerosa (www.berufsfotos.ch) und das Erstellen eines Interessenprofils mit dem Foto-Interessen-Test (F-I-T) hat in der Berufsberatung eine lange Tradition. In mehreren Umfragen hat sich der F-I-T als beliebtester Test in der deutschsprachigen Berufsberatung herausgestellt. Vergleichbare Erhebungen für den Einsatz des T-I-P in der Westschweiz und im Tessin fehlen. Die Verkaufszahlen weisen aber darauf hin, dass er auch in der französischsprachigen Schweiz sehr oft eingesetzt wird. Im Rahmen unserer Studie wurden 77 beraterische Interventionen ausgewertet, bei welchen diese Berufsfotos eingesetzt wurden. Die Ergebnisse bestätigen, dass diese Methode bei den Beratungspersonen eine hohe Akzeptanz geniesst. Sie finden beispielsweise, dass das Sortieren der Berufsfotos dazu führt, dass sie die Rat suchende Person besser kennenlernen und damit Zugang zu wichtigen Themen der Berufswahl erhalten. Auch die Ratsuchenden selber berichteten, dass sie durch die Fotos neue Ideen erhalten oder passende Berufe gefunden hätten. Auf die Frage, ob sie das Sortieren der Berufsfotos einer Freundin oder einem Freund, welche/r sich mit der Berufswelt beschäftigt, empfehlen würden, haben 96 Prozent zustimmend geantwortet. Zudem konnte die Wirksamkeit der Beratung belegt werden: Die gemessene Berufsidentität war nach der Beratung signifikant höher als vor der Beratung. Die F-I-T-Bilder wurden auch als Gesprächsanlässe für eine narrative Beratung eingesetzt. Bei dieser Art der Beratung mit Berufsfotos geht es darum, dass die Ratsuchenden über ihre Berufswünsche erzählen und damit über Themen berichten, welche für die Berufswahl wichtig sein können – beispielsweise, dass die Mutter für ihr Kind das Gymnasium statt einer Berufslehre vorsieht. Die Auswertung von 27 solchen Beratungsgesprächen zeigte zentrale berufswahlrelevante Themen, die sich in drei Gruppen einteilen lassen: Bei der ersten Gruppe handelt es sich um Entwicklungsaufgaben (z. B. erwachsen werden, Identität finden oder Verweigerung). Die zweite Gruppe betrifft die Spezifizierung von Tätigkeiten (z. B. mit Menschen in Beziehung treten, mit Kindern, Hygiene) oder deren Umsetzung (z. B. etwas gestalten, Traum oder realisierbar). Bei der dritten Gruppe handelt es sich um Lebensthemen (z. B. Berufung finden, Spezialist, easy life).

Präsentieren vor der Klasse

Für die schulische Berufswahlvorbereitung hat unsere Forschungsgruppe ein Unterrichtskonzept entwickelt, in welchem die Schüler/innen die Geschichte ihrer Berufswünsche mittels Fotos darstellen. Das Arrangieren oder «Kuratieren» von Fotografien zu einer kleinen Geschichte kann als aktive Identitätsarbeit gesehen werden. Praktisch bedeutete das für die Schüler/innen, dass sie im Unterricht eine PowerPoint-Präsentation mit selbst geknipsten Fotos zu ihren früheren und aktuellen Berufswünschen erarbeiteten. Diese präsentierten sie vor der Klasse als eine Geschichte ihrer Berufswünsche. Die 14-jährige Selina beispielsweise berichtete in ihrer Präsentation anhand der von ihr fotografierten Bilder, dass sie als Kind Fotografin werden wollte, da ihr Vater eine Spiegelreflexkamera besessen habe. Später seien dann Wünsche wie Kosmetikerin und Modedesignerin dazugekommen. Vor Kurzem habe sie sich für den Beruf der Masseuse interessiert, doch dazu reiche ihre Vorbildung nicht aus. Heute schwanke sie zwischen Fachfrau Betreuung und Kosmetikerin. Ihre Ziele sind also realistischer geworden und es wurde deutlich, dass soziale Kontakte einen wichtigen Teil ihres zukünftigen Berufs ausmachen sollten. Die Auswertung dieser Unterrichtsmethode erfolgte mittels eines Fragebogens an die Schüler/innen der 11 Klassen der Projektgruppe, welche die Unterrichtsmethode einsetzte, und der 7 Klassen einer Kontrollgruppe, welche die Unterrichtsmethode nicht einsetzte. Die Vergleiche zwischen der Experimental- und der Kontrollgruppe zeigen deutliche Unterschiede im Sinne einer höheren Berufswahlbereitschaft bei der Experimentalgruppe. So finden die Schüler/innen der Experimentalgruppe signifikant stärker, dass sie wissen, welche Themen für die eigene Berufswahl wichtig sind. Ausserdem beurteilen sie den Nutzen des Berufswahlunterrichts höher als die Jugendlichen der Kontrollgruppe. Gemäss den beteiligten Lehrpersonen erwies sich die Strategie der Eigenproduktion von Fotos besonders fruchtbar, wie im nachfolgenden Zitat einer Lehrperson zum Ausdruck kommt: «Ich habe es eigentlich den besten Part gefunden. Sie haben wirklich nach draussen müssen. Sie haben da das erste Mal einen physischen Kontakt haben müssen mit dem Ganzen.» Es zeigte sich auch, dass die Visualisierung des Entscheidungsprozesses vor allem Vorteile für die Schüler/innen mit niedrigem Bildungsniveau bringt. Diese Jugendlichen sprachen besonders gut auf die weniger textlastige Methode an. Sie wurden durch die Projektdurchführung unmittelbar und ernsthaft mit ihrer Berufswahl konfrontiert, sehen für sich berufliche Möglichkeiten, befassen sich mit ihren Interessen und erfahren Neues über sich selbst im Hinblick auf die Berufswahl. Sowohl die Jugendlichen als auch die Lehrpersonen beurteilten die Methode positiv: Eine grosse Mehrheit der Jugendlichen und der Lehrpersonen würde das Projekt auch anderen Klassen empfehlen.

Bedeutung für Beratung und Unterricht

Die Ergebnisse des Projekts zeigen, dass Beratungspersonen das Sortieren der Berufsfotos und den Foto-Interessen-Test kombinieren sollten. Dadurch lassen sich die Ratsuchenden besser kennenlernen. Der zusätzliche Einsatz der narrativen Beratung führt zu weiteren berufswahlrelevanten Themen, die im Rahmen des Beratungsprozesses aufgenommen werden können. Das Laufbahnzentrum Zürich entwickelt gegenwärtig die neue Beratungsmethode «visuell-narrative Berufsberatung», welche die drei Ansätze «Berufsfotos sortieren», «Foto-Interessen-Test» und «narrative Beratung» integriert. Beratungspersonen können zudem Lehrpersonen dazu anregen, Fotoprojekte zu den Berufswünschen zu realisieren. Die erarbeiteten Fotomaterialien sind auch für Beratungspersonen nützlich, denn sie können in den Beratungsgesprächen die Inhalte besprechen, vertiefen und so wichtige Berufswahlthemen herausfinden. Lehrpersonen können im Berufswahlunterricht die Jugendlichen damit beauftragen, zu ihren Berufswünschen und Traumberufen mit ihren Smartphones Fotos zu erstellen, einen Vortrag vorzubereiten und die Berufswünsche der Klasse zu präsentieren. Dies macht vielen Jugendlichen Spass. Sie setzen sich mit ihren Berufswünschen auseinander und verbessern ihre Berufswahl-, Präsentations - und Medienkompetenzen im Sinne des Lehrplans 21. Im Lehrmittel Berufswahltagebuch wurde deshalb das Thema der visualisierten Berufswünsche bei den Internetmaterialien für Lehrpersonen aufgenommen. Im Herbst 2016 erscheinen umfassendere Unterrichtsmaterialien und ein Buch zu diesen Materialien und zur visuell-narrativen Berufsberatung.

Links und Literaturhinweise

blog.phzh.ch/vibes/about

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