Ausgabe 02 | 2016

BERUFSBILDUNG

Berufsfachschulen

Wie man in der Berufsbildung bilingual lernt

Der Fünfer und das Weggli – das ist ein verdächtiges Paar. Aber in der Berufsbildung scheint es zu gelingen, Fremdsprachen zu trainieren, ohne dass dafür zusätzliche Lektionen nötig wären. Der zweisprachige Unterricht machts möglich.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Der Nationalrat hat kürzlich beschlossen, dass Lernende am Ende ihrer beruflichen Grundbildung einen Zeugnisvermerk über ihre Fremdsprachenkenntnisse erhalten sollen. Damit sollen die «vergleichsweise sehr geringen» Anreize, eine Landessprache zu vertiefen, gesteigert werden. Das Interessante an diesem Vorstoss ist, dass er angenommen wurde – das Anliegen, in der Berufsbildung die Fremdsprachen zu fördern, hat Konjunktur. Schon vor einem Jahr sagte Josef Widmer, stellvertretender Direktor SBFI: «Seit 2005 wurden 212 revidierte oder neue Bildungsverordnungen in Kraft gesetzt. In gerade mal 36 Bildungsverordnungen ist die Vermittlung mindestens einer Fremdsprache Pflicht. 36 Berufe gegenüber 176 ohne Fremdsprachenunterricht – hier besteht Handlungsbedarf.»

«Lets switch over to English»

Allgemeine Gewerbeschule Basel (AGS), ein Donnerstag Ende Februar. Die 16 Lernenden der Laborantenklasse Chemie (Lache2bili) haben sich im Zimmer E309 eingefunden und hören ihren Lehrer Markus E. Flück die Lektion beginnen: «Let’s switch over to English.» Das Thema des Unterrichts bilden die physikalischen Eigenschaften von organischen Verbindungen, die «physical properties», wie Flück ausführt: «Here are some of the common ones: melting point, electrical conductivity, color, density.» Bald schon verteilt er die ersten Aufgaben, die die Lernenden in Gruppen und mithilfe ihres Smartphones erledigen sollen: Was unterscheidet die empirical formula von der molecular formula, was die Lewis structure von der Kekulé structure? «And what are their german translations?» Unüberhörbar: Dieser Fachunterricht ist auch ein Sprachunterricht. Es ist bilingualer Unterricht. Zwei Etagen tiefer befindet sich das Büro des Direktors der AGS. Der Blick geht hinaus in einen weitläufigen Hof mit viel Grün, das heute Morgen winterlich verzaubert ist. «Die Laborantenklasse ist – zusammen mit einer Gruppe von Automatikern – die erste Klasse, die bei uns bilingual unterrichtet wird», erklärt Hans-Rudolf Hartmann. «Der Versuch läuft seit diesem Semester. Alle Lernenden der Lache2bili arbeiten in einer international tätigen Firma. Und sie sind mit guten bis sehr guten Englischkenntnissen in die Berufsbildung eingetreten.» Hans-Rudolf Hartmann hat damit schon zwei Gründe angedeutet, warum seine Schule – als erste baselstädtische Berufsfachschule – bilingualen Unterricht anbietet. «Dank Frühenglisch werden künftige Lernende einen hohen Sprachstand aufweisen, den man pflegen sollte. Zudem sind mündliche Fremdsprachenkenntnisse in immer mehr Berufen nützlich. Schliesslich sollte die Berufsbildung auch Angebote zur Förderung Leistungsstarker machen.»

In 13 Kantonen eingeführt

Solchen bilingualen Unterricht gibt es schon an einigen Schulen in der Schweiz – im Rahmen der Berufskunde oder, viel häufiger, der Allgemeinbildung oder der Fächer der kaufmännischen Grundbildung. In der Kantonsumfrage der EDK von 2014/2015 gaben 13 Kantone zu Protokoll, dass an mindestens einer Berufsfachschule oder Berufsmittelschule zweisprachig unterrichtet werde. Vor fünf Jahren waren es bedeutend weniger. Kathrin Jonas Lambert vom EHB-Kompetenzzentrum für zweisprachigen Unterricht sagt, dass sie in den letzten Monaten eine Reihe von schulischen Anfragen um Unterstützung erhalten habe; ob man deswegen von einem längerfristigen Trend sprechen soll, könne sie nicht abschätzen. Auch Mary Miltschev, Beauftragte Fremdsprachen des Kantons Zürich, dem bili-Pionierkanton, sagt: «Wir zählen aktuell 115 bili-Lehrpersonen mit 2353 bili-Lernenden. Aber wie viele es in der übrigen Schweiz sind, weiss ich nicht.» Bei der Planung des bilingualen Angebotes ging Hans-Rudolf Hartmann in kleinen Schritten vor. «Es existieren bisher keine nationalen Handreichungen; ich bin darum sehr dankbar für die Unterstützung, die ich aus dem Kanton Zürich erhielt», sagt er. Zur Bildung der beiden Pionierklassen wurden eher leistungsstarke Berufe ausgewählt. Zudem werden nicht sämtliche Fächer zweisprachig unterrichtet. In der Lache2bili sind rund ein Viertel der berufskundlichen Lektionen sowie der allgemeinbildende Unterricht bilingual. Herausforderungen stellen der Stundenplan und die Organisation des zusätzlichen Qualifikationsverfahrens für bili-Lernende, die Selektion der geeigneten Lehrpersonen und die Kommunikation gegen aussen. «Einige Betriebe befürchteten, dass sie ihre Lernenden anders selektionieren müssten. Aber das ist nicht nötig», sagt Hans-Rudolf Hartmann. Zur didaktischen Begleitung der Lehrpersonen wird die Schule – ergänzend zu den schulinternen bili-Kursen – mit dem EHB kooperieren, das Intervisionen und Weiterbildungen anbietet. Die Schule verfügt über die – andernorts weggesparten – Mittel dafür. Entlastungen für die Lehrpersonen gibt es dagegen keine.

Zweifache didaktische Reduktion

Inzwischen haben sich die Lernenden von Markus E. Flück wieder zum Unterricht versammelt. Die Sprecherin der ersten Gruppe beantwortet die gestellten Fragen auf Deutsch, während die zweite Englisch wählt – nach freier Wahl. Das entspricht den Grundsätzen des bilingualen Unterrichts, in dem zwar nach Möglichkeit in der Fremdsprache gesprochen wird, aber Deutsch stets erlaubt ist. «Bei mir wird mindestens die Hälfte Englisch gesprochen. Ich möchte dazu beitragen, dass die guten Englischkenntnisse der Lernenden erhalten bleiben und ein Fachwortschatz aufgebaut wird», sagt Markus E. Flück. «Dabei sollen am berufskundlichen Unterricht keine Abstriche gemacht werden.» Im Vordergrund steht die mündliche Sprachkompetenz. «Molecular formula heisst auf Deutsch Summenformel», sagt eine der Lernenden. «Richtig», antwortet Lehrer Flück und ergänzt: «Mit der wörtlichen Übersetzung ‹Molekularformel› hätten Sie Mühe, sie ist nicht gebräuchlich. Und für ‹Kekulé structure› existiert überhaupt keine Übersetzung. Diese Art der Darstellung einer organischen Verbindung ist im deutschen Sprachraum nicht gebräuchlich.» Jetzt ist, kaum merklich, der Sprachunterricht wieder zum Sach­unterricht geworden. Markus E. Flück unterrichtet zum gros-sen Teil mit selber entwickelten Skripten und einem englischsprachigen Lehrmittel für die Tertiärstufe. Daraus ergebe sich eine zweifache Aufgabe der didaktischen Reduktion: «Ich muss die Übungen an das Niveau der beruflichen Grundbildung anpassen; und ich muss die Texte so bearbeiten, dass sie dem Sprachstand der Lernenden entsprechen.» Alexander Wilhelm, Ko-Autor einer didaktischen Handreichung für den bilingualen Kochunterricht, beschreibt diese Arbeit so: «Das Leseverständnis meiner Lernenden zum Beispiel im Fachrechnen ist schon in Deutsch nur mässig. Für den bilingualen Unterricht verwende ich möglichst Originaltexte aus dem Englischen. Aber damit sie verstanden werden, muss ich sie noch stärker vereinfachen und strukturieren – zum Beispiel über Keywords. Erstaunlich ist, dass die hohe Konzentration auf das Sprachliche das fachliche Lernen nicht beeinträchtigt, sondern verstärkt.» An den Berufsfachschulen des Kantons Zürich kann der zweisprachige Unterricht in drei Formen durchgeführt werden (siehe Tabelle). Das Profil bili basic wird zum Einsteigen und während der sprachlichen und didaktischen Ausbildung der Lehrperson empfohlen, die Profile bili standard und bili advanced berechtigen zur Durchführung von zweisprachigen Qualifikationsverfahren. Sie sind mittlerweile die meistverbreiteten an den Zürcher Berufsfachschulen. Der Besuch des zweisprachigen Unterrichts wird in den Semesterzeugnissen mit einem Vermerk bei den entsprechenden Fächern bestätigt. Falls die Abschlussprüfung im bili-Fach zweisprachig abgelegt wird, wird dies im Notenausweis speziell ausgewiesen. (z. B. «bili advanced, zweisprachig Deutsch/Englisch geprüft»). Für die Berufsmaturitätsschulen wurden vom SBFI via Rahmenlehrplan eigene Richtlinien entwickelt.

Links und Literaturhinweise

bili.ehb-schweiz.ch
www.mba.zh.ch

Kasten

Meilensteine bili

- 1999–2003 Pilotversuch «bili» im Rahmen des Lehrstellenbeschlusses I. Träger sind das MBA ZH und die DBK. Es nehmen acht Berufsfachschulklassen in drei Kantonen teil.
- November 2003: SBBK-Empfehlung «Die zweite Sprache in der Berufsbildung»
- 2006–2011: ZH-«Umsetzungsprojekt»
- Januar 2011: Evaluation des bilingualen Unterrichts (bili) an Berufsfachschulen
- August 2011: ZH-Regierung bewilligt den Aufbau des zweisprachigen Unterrichts
- November 2012: SBFI-Dokument «Stossrichtungen zur Förderung der Mobilitätsaktivitäten und des schulischen Fremdsprachenerwerbs in der Berufsbildung»
- Dezember 2012: SBFI-Rahmenlehrplan für die Berufsmaturität, zweisprachige Maturitätslehrgänge
- 2014: SBFI-Mandat für ein bili-Kompetenzzentrum
- März 2015: ZH-Bildungsdirektion führt bili in den regulären Betrieb über.
- Mai 2015: Erste nationale bili-Tagung (EHB, PH ZH, PH LU sowie MBA ZH)
- Mai 2015 bis November 2015: Weiterbildung für Trainer von zukünftigen bili-Dozenten (EHB, PH ZH und PH LU)
- Dezember 2015: bili-Beratungszentrum am EHB

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