Ausgabe 01 | 2016

ARBEITSMARKT

Selbstständige Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit

Ein Schritt, der wohlüberlegt sein will

Berufliche Selbstständigkeit nimmt in den USA und in Europa deutlich zu, in der Schweiz bleibt sie stabil. Es gibt zwar arbeitsmarktliche Massnahmen zur Förderung der Selbstständigkeit, diese kommen aber nur selten zum Einsatz.

Von Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

Die Kantone sind darauf bedacht, arbeitslose Personen für die Risiken des Unternehmertums zu sensibilisieren und die Erfolgschancen einer Geschäftsidee genau zu prüfen. (Bild: Fotolia/stockpics)

Die Kantone sind darauf bedacht, arbeitslose Personen für die Risiken des Unternehmertums zu sensibilisieren und die Erfolgschancen einer Geschäftsidee genau zu prüfen. (Bild: Fotolia/stockpics)

Digitalisierung und «Share Economy» beeinflussen nicht nur die Geschäftsmodelle der Unternehmen, sondern auch den Arbeitsmarkt. Viele Analysten gehen davon aus, dass im «Zeitalter 2.0» der Anteil der angestellten Beschäftigten zu- und derjenige der selbstständig oder projektorientiert Erwerbstätigen abnehmen wird. Sie fordern deshalb, dass das Arbeits- und Sozialversicherungsrecht an diesen Trend angepasst wird. In Frankreich beispielsweise zeigt der zuhanden der Arbeitsministerin erstellte Mettling-Bericht auf, dass sich im Zuge der Digitalisierung verschiedene neue Erwerbsformen ausserhalb des Angestelltenmodells entwickeln. In der Schweiz prognostizierte der Ökonom Joël Luc Cachelin, Direktor des Think-Tanks Wissensfabrik, bereits vor drei Jahren eine Verlagerung von Arbeits- hin zu Projektverträgen. Und in den USA kommt die Studie «State of Independence in America 2015» zum Schluss, dass die Zahl der selbstständig Erwerbenden innerhalb der letzten fünf Jahre um 12 Prozent auf rund 30 Millionen Personen gestiegen ist. Bis 2020 dürften es gemäss der Studie 38 Millionen Selbstständige sein, das wären 30 Prozent der nichtlandwirtschaftlichen Arbeitskräfte. Das französische Amt für Statistik stellt zwischen 2002 und 2013 eine deutliche Zunahme der selbstständig Erwerbenden in Europa fest. In Deutschland, Frankreich und Grossbritannien betrug dieser Anstieg, der durch die Finanzkrise 2008 etwas abgebremst wurde, je 20 Prozent. In Frankreich, wo der Selbstständigenanteil relativ gering ist (2012: 11 Prozent), stieg die Zahl der nicht angestellten Beschäftigten ausserhalb der Landwirtschaft zwischen 2006 und 2011 um 26 Prozent. Jeder fünfte Selbstständige hat den Status eines sogenannten «auto-entrepreneur», den Frankreich im Jahr 2009 speziell für Kleinstunternehmen geschaffen hat. Von 2011 bis 2014 verdoppelte sich die Zahl der französischen Selbstständigen noch einmal auf fast eine Million.

In der Schweiz ist jeder Achte selbstständig

In der Schweiz zeichnen die aus der Arbeitskräfteerhebung stammenden Zahlen des Bundesamtes für Statistik ein anderes Bild: Bei den selbstständigen Beschäftigten ist keine Zunahme feststellbar. Über die letzten 20 Jahre ist sogar eine leichte Abnahme zu verzeichnen. Waren 1996 noch 14,7 Prozent und 2005 noch 14 Prozent der Erwerbstätigen selbstständig, arbeiteten im zweiten Quartal 2014 nur noch 13,1 Prozent auf eigene Rechnung. Die letzte Untersuchung des Bundesamtes für Statistik zur Selbstständigkeit aus dem Jahr 2006 nennt einige individuelle Faktoren, welche die Aufnahme einer selbstständigen Erwerbstätigkeit begünstigen: Personen ab 50 Jahren beispielsweise machen sich häufiger selbstständig, wohl weil sie grössere Schwierigkeiten haben, eine neue Stelle zu finden. Die Untersuchung hält fest: «Der Umstand, erwerbslos oder nicht erwerbstätig zu sein, erhöht die Wahrscheinlichkeit, im folgenden Jahr selbstständig zu werden, deutlich.»

Von der Arbeitslosigkeit in die Selbstständigkeit

Wie viele Stellensuchende wagen den Schritt in die Selbstständigkeit? Die Statistik des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) zu den arbeitsmarktlichen Massnahmen (AMM) vermag diese Frage nur teilweise zu beantworten. Das Informationssystem AVAM des Bundes liefert keine genauen Zahlen zu arbeitslosen Personen, die eine selbstständige Tätigkeit aufgenommen haben. Zwei arbeitsmarktliche Massnahmen sind auf eine mögliche berufliche Selbstständigkeit ausgerichtet: ein Kurs für angehende Selbstständige und eine Massnahme zur Förderung der selbstständigen Erwerbstätigkeit (FsE). Sie können interessierten Personen bewilligt werden, falls der zuständige RAV-Personalberater das angestrebte Projekt als grundsätzlich realistisch einschätzt. Im Rahmen der FsE erhalten die arbeitslosen Personen Taggelder, sind aber für maximal 90 Tage von allen Kontrollpflichten und der Pflicht zur Stellensuche befreit, um einen Businessplan auszuarbeiten und die selbstständige Tätigkeit aufzunehmen. Zusätzlich zu den Taggeldern können sie auch eine Bürgschaftsgarantie bis zu 500'000 Franken beantragen. Der Kurs zur Selbstständigkeit gliedert sich meist in zwei Module: Im ersten Teil sollen die Interessenten für die Chancen und Risiken einer selbstständigen Tätigkeit sensibilisiert werden, im zweiten Teil werden sie auf das Führen eines Unternehmens und die Erstellung eines Businessplans vorbereitet. Im Zusammenhang mit diesen arbeitsmarktlichen Massnahmen lassen sich aus der Datenanalyse des SECO zwei Tendenzen herauslesen: Erstens gibt es keinen Aufwärtstrend bei der Zahl der Stellensuchenden, die arbeitsmarktliche Massnahmen zur Selbstständigkeit in Anspruch nehmen, und zweitens ist nur ein sehr geringer Teil der Personen, die Arbeitslosenentschädigungen erhalten, in einer solchen Massnahme. Von den rund 306'000 Stellensuchenden, die 2014 eine Arbeitslosenentschädigung bezogen, nahmen nur gerade rund 2000 eine Förderung der selbstständigen Erwerbstätigkeit (FsE) in Anspruch, also nur eine von 150 Personen. Einen Kurs zur Selbstständigkeit haben 3100 Personen beantragt, 2400 Personen wurde der Kurs bewilligt. Zwischen 2012 und 2014 gab es lediglich bei den Anträgen für einen Kursbesuch eine deutliche Zunahme (plus 15 Prozent), was darauf hindeuten könnte, dass der Weg in die Selbstständigkeit im Laufe der Jahre häufiger eingeschlagen wird.

Vorsicht ist geboten

Die zuständigen kantonalen Ämter mahnen zur Vorsicht beim Schritt in die Selbstständigkeit. Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Förderung der selbstständigen Erwerbstätigkeit müssen auf ihre Ersparnisse zurückgreifen oder gar ihre Pensionskassengelder einsetzen, um ihr Geschäft in Gang zu bringen. Scheitert das Projekt, laufen sie Gefahr, alles zu verlieren. Die Kantone sind deshalb darauf bedacht, arbeitslose Personen für die Risiken des Unternehmertums zu sensibilisieren und die Machbarkeit und die Erfolgschancen einer Geschäftsidee genau zu prüfen. Das Amt für Arbeit das Kantons Waadt beispielsweise hat dafür eine Checkliste erstellt, mit deren Hilfe RAV-Beraterinnen und -Berater solche Gesuche beurteilen können. Wenn etwa gegen einen Gesuchsteller umfangreiche Betreibungen vorliegen, wird sein Projekt von vornherein abgelehnt. Der Businessplan wird von Experten geprüft. Der Kanton Waadt hat damit den Verein Genilem beauftragt. Dieser formuliert Empfehlungen zur Bewilligung einer arbeitsmarktlichen Massnahme und zur Länge der Phase, während der die Taggeldbezüger von der Pflicht zur Stellensuche befreit sind.

Kantonale Erhebungen

Einige Kantone, etwa das Wallis und die Waadt, verfügen über Daten aus Umfragen der mit der Gesuchsprüfung beauftragten Organisationen. Die letzte Umfrage des Vereins Aforem, der im Auftrag des Kantons Wallis tätig ist, stammt aus dem Jahr 2014. Sie wurde bei 246 Personen durchgeführt, die zwischen April 2012 und Dezember 2013 an einem Kurs zur Selbstständigkeit teilnahmen. Von den 168 Personen, die den Fragebogen ausgefüllt hatten, gaben 94 an, eine selbstständige Erwerbstätigkeit aufgenommen zu haben; 86 Personen (92 Prozent) waren zum Zeitpunkt der Umfrage immer noch selbstständig. Der Verein Genilem hat die Projekte, die ihm vom Kanton Waadt im ersten Halbjahr 2014 zur Prüfung vorgelegt wurden, statistisch ausgewertet und kam ungefähr zum selben Resultat: 94 Prozent der ehemaligen Gesuchsteller gingen nach einem Jahr immer noch einer selbstständigen Erwerbstätigkeit nach. Aufgrund einer Umfrage bei Teilnehmenden aus den Jahren 2011 bis 2013 kam Genilem zudem zum Schluss, dass über 70 Prozent der Personen eigene Mittel und rund 20 Prozent ihre 2. Säule eingesetzt hatten, um den Einstieg in die Selbstständigkeit zu finanzieren.

Eine lohnende Investition

Die Förderung der selbstständigen Erwerbstätigkeit ermöglicht einerseits den Teilnehmenden den Ausstieg aus der Arbeitslosigkeit und andererseits die Schaffung von Arbeitsplätzen im Kanton. Genilem schätzt, dass die 99 Teilnehmer, die 2013 beim Schritt in die Selbstständigkeit begleitet wurden, 60 zusätzliche Vollzeitäquivalente geschaffen haben. Insgesamt sind also 159 neue Vollzeitäquivalente entstanden. Der dadurch im Kanton Waadt generierte Jahresumsatz wird auf über neun Millionen Franken geschätzt. Der Walliser Verein Aforem schätzt in seiner Untersuchung von 2014, dass 15 der 94 Selbstständigen 40 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen haben, dass also insgesamt 134 neue Arbeitsplätze entstanden sind.

Links und Literaturhinweise

Insee (Éd., 2015): Emploi et revenus des indépendants. Paris.
MBO Partners (2015): State of independence in America 2015. Herndon.
Mettling, B. (2015): Transformation numérique et vie au travail.
OFS (2006): L’activité indépendante en Suisse – Une étude basée sur les résultats de l’enquête suisse sur la population active. Neuchâtel.
OFS (2015): Vie active et rémunération du travail – Panorama. Neuchâtel.
Wissensfabrik/Nellen & Partner (2012): Die Zukunft des Arbeitsmarkts – 12 Diskussionsthesen zur Entwicklung der Arbeitsmärkte für Hochqualifizierte. Saint-Gall.

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