Ausgabe 02 | 2015

BERUFSBERATUNG

Berufswechsel

Kompetenzen passen zu beruflichen Anforderungen

Die meisten Erwerbstätigen stellen keine Diskrepanz fest zwischen ihren Qualifikationen und den Anforderungen am Arbeitsplatz – auch wenn sie den Beruf gewechselt haben. Die Berufsbildung schneidet gleich gut ab wie allgemeinbildende Bildungswege.

Von Annina Eymann und Jürg Schweri, Forschende am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung EHB IFFP IUFFP

Die Berufsbildung sei ein Auslaufmodell, behauptete vor einigen Jahren der Mitautor eines Weissbuchs zur Bildung in der Schweiz. Als ein Indikator für Probleme der Berufsbildung gilt in den öffentlichen Diskussionen die hohe Quote der Berufswechsel auf dem Arbeitsmarkt. Ist angesichts dieser Wechseldynamik eine Ausbildungsform noch zeitgemäss, die auf einen bestimmten Beruf hin ausbildet, statt breite Qualifikationen zu vermitteln? Zur Untersuchung dieser Frage haben wir Angaben von Erwerbstätigen aus den Jahren 1999 bis 2012 aus dem Schweizerischen Haushaltspanel ausgewertet. Fast die Hälfte der Erwerbstätigen ist nicht mehr im erlernten Berufsfeld tätig, wobei für den Vergleich von erlerntem und ausgeübtem Beruf 35 verschiedene Berufsgruppen unterschieden wurden. Personen mit einer Berufsausbildung (Lehre und Tertiär B*) wechseln insgesamt häufiger (51 Prozent) in eine andere Berufsgruppe als jene mit einem Tertiär-A-Abschluss* (39 Prozent). 80 Prozent der Befragten schätzen ihre eigenen Qualifikationen als adäquat ein, gemessen an den Anforderungen an ihrer Arbeitsstelle. 16 Prozent halten sich für überqualifiziert, 2 Prozent für unterqualifiziert. Ebenfalls selten ist die Einschätzung, dass die eigenen Qualifikationen nicht zur Stelle passen. Eine vertiefte Analyse zeigt, dass dies zu drei Vierteln Personen sind, die nicht mehr in der erlernten Berufsgruppe arbeiten. Ein Auseinanderklaffen der erworbenen und der verlangten Qualifikationen ist also deutlich wahrscheinlicher, wenn jemand nicht in der erlernten Berufsgruppe arbeitet. Aber: Auch unter den Personen, die nicht in der erlernten Berufsgruppe arbeiten, bezeichnet sich die grosse Mehrheit als adäquat qualifiziert. Auch nach einem Berufswechsel gelingt es also den meisten Personen, die eigenen Qualifikationen aktuell zu halten oder zu erweitern, beispielsweise durch Weiterbildung. Dieser Befund bestätigt sich in allen Bildungsgruppen: Zwar sieht bei den Personen mit Berufsbildung ein etwas höherer Anteil keine Passung zwischen den eigenen Qualifikationen und der Arbeitsstelle, dafür fühlen sich Personen mit Tertiär-Bildung, vor allem Tertiär A, eher überqualifiziert. Im nächsten Analyseschritt wurden die Löhne von Personen, die noch in der erlernten Berufsgruppe arbeiten, verglichen mit den Löhnen jener, bei denen das nicht mehr der Fall ist. Vergleicht man dabei Personen mit sonst gleichen Merkmalen wie Alter, Bildung oder Geschlecht, findet man keine statistisch signifikanten Lohnunterschiede, auch nicht innerhalb der einzelnen Bildungsgruppen. Personen mit einem Berufsbildungsabschluss arbeiten demnach im Verlauf ihrer Erwerbslaufbahn nicht nur häufig in einem anderen als der erlernten Berufsgruppe, sie erleiden dadurch im Durchschnitt auch keinen Lohnnachteil. Weniger eindeutig sind die Lohnfolgen für jene kleine Gruppe von Personen, die eine schlechte Passung zwischen ihren Qualifikationen und der Arbeitsstelle feststellen: Bei den Männern finden sich zwar auch hier keine signifikanten Lohnunterschiede zu jenen, die sich als adäquat qualifiziert einschätzen. Bei den Frauen hingegen zeigt sich, dass Frauen mit Berufslehre oder Höherer Berufsbildung etwas weniger verdienen, wenn sie ihre Qualifikation als unpassend einschätzen. Dieser Unterschied zwischen Männern und Frauen kommt vermutlich aufgrund von Unterschieden zwischen den Geschlechtern in der Erwerbsbeteiligung und in den Erwerbsbiografien zustande. Insgesamt finden sich kaum Anhaltspunkte für die eingangs erwähnte Hypothese, dass die Berufsbildung in Zeiten des raschen Wandels auf dem Arbeitsmarkt nicht genügend breit ausbilde und langfristig zu Nachteilen auf dem Arbeitsmarkt führe. Vielmehr zeigt sich das Bild eines Arbeitsmarktes, auf dem die berufliche Neuorientierung zum Normalfall geworden ist und von Personen mit unterschiedlichem Bildungshintergrund gleich gut bewältigt wird.

* Tertiär B umfasst die Höhere Berufsbildung, also die Berufsprüfungen (BP, eidg. Fachausweise) und Höheren Fachprüfungen (HFP, eidg. Diplome) sowie die Höheren Fachschulen (HF). Tertiär A umfasst die universitären Hochschulen (Uni und ETH) und die Fachhochschulen (FH).

Kasten

35 Berufsgruppen

Die 35 verschiedenen Berufsgruppen stammen aus der ISCO-Klassifikation (International Standard Classification of Occupations). Erlernte und ausgeübte Berufe der Befragten werden anhand dieses Klassifikationssystems gemäss ihrer Ähnlichkeit zu Berufsgruppen zusammengefasst. Innerhalb einer Berufsgruppe gibt es eine unterschiedlich grosse Zahl von einzelnen Berufen. Beispiele: Zur Berufsgruppe «Ausbaufachkräfte» gehören unter anderem Maler und Gebäudereiniger. Elektroinstallateure gehören dagegen in eine eigene Berufsgruppe. Naturwissenschaftler, Mathematiker und Ingenieure befinden sich in der gleichen Berufsgruppe, Ärzte gehören zu einer anderen Gruppe.

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