Ausgabe 06 | 2015

Fokus "Sprachen"

Sprachlernkonzept «fide»

Sprechen heisst, den Alltag zu bewältigen

Integration ist ohne Sprache nicht möglich. Ein neues Sprachlernkonzept erlaubt es, eine Zweitsprache ohne Grammatikpauke zu lernen – anhand von Alltagssituationen, die für die Betroffenen wichtig sind. Dazu gehören auch Situationen der Arbeitssuche und Weiterbildung.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Wenn wir sprechen, vollziehen wir Sprechhandlungen: Wir vereinbaren einen Termin oder erkundigen uns nach dem Preis einer Ware. Es ist darum gut, auch beim Erlernen einer Sprache alltägliche Sprechsituationen zu üben – und damit aufzuhören, Grammatik zu pauken. Dieser Gedanke ist nicht neu. Aber mit dem Sprachlernsystem «fide» wird er erstmals systematisch für die Förderung erwachsener Migrantinnen und Migranten fruchtbar gemacht – schweizweit mit einem einheitlichen System. Davon werden auch Personen profitieren, die im Rahmen einer arbeitsmarktlichen Massnahme ihre Sprachkenntnisse verbessern.

Elf Handlungsfelder

Die Entwicklung des Sprachlernkonzepts «fide» wurde vom Bundesrat im Rahmen seiner Integrationsmassnahmen im August 2007 angestossen. Ausgangslage war die Erkenntnis, dass Integration ohne Sprache nicht möglich ist, aber viele Sprachkurse zu wenig auf die Lernvoraussetzungen und die Bedürfnisse der Teilnehmenden ausgerichtet waren. Hier wurde «Fremdsprache» gelernt statt «Zweitsprache», wie Fachleute sagen. Den Kern von fide bildet ein Rahmencurriculum, das den Sprachunterricht eng an Situationen bindet, wie sie die Sprachlernenden im Alltag erleben. Dafür wurden elf Handlungsfelder bezeichnet, zu denen typische Szenarien gehören. «Einkäufe» ist ein solches Feld mit Szenarien wie «Möbel kaufen»; «Gesundheit» ein anderes Feld mit Szenarien wie «zum Hausarzt gehen». Für Erwerbstätige typische Felder sind «Arbeitssuche», «Arbeit» oder «Weiterbildung». So muss, wer Arbeit sucht, sprachlich in der Lage sein, sich «bei einem RAV anzumelden», «sich für eine Stelle zu bewerben» oder «ein Bewerbungsgespräch bei einer Vermittlungsagentur zu führen». Wer einen Sprachkurs gemäss fide besucht, lernt, solche Szenarien zu meistern. Ein zweiter Hauptgedanke ist, dass die Teilnehmenden mitbestimmen, in welchem Handlungsfeld ihre Lernbedürfnisse liegen, welche Situationen sie also üben wollen. Das ist für viele Migrantinnen und Migranten sehr ungewohnt – auch sie haben in der Regel einen lehrerzentrierten Unterricht durchlaufen. Zudem stossen sie bei ihren Schilderungen an die engen Grenzen ihrer Sprachkenntnisse. Aber die Vorteile scheinen zu überwiegen: Die Bedürfnisorientierung erhöht die Motivation für sprachliche Rollenspiele oder das Führen von Lerndokumentationen. Und bei der Festlegung der Lernziele helfen fotografische Aufnahmen der Szenarien, die dann auch im Unterricht selber eingesetzt werden können. Dabei geschehen auch Überraschungen. So wählten junge Mütter in einer Pilotklasse nicht wie erwartet das Handlungsfeld «Kinder», sondern entschieden sich für das Bearbeiten des Felds «Behörden». Das Vokabular für die Anmeldung im Kinderhort oder für Elternabende hatten sie sich bereits angeeignet.

Sprachnachweis und Label in Entwicklung

Am didaktischen Grundsatz der Handlungsorientierung orientieren sich auch die weiteren im Rahmen von fide entwickelten Instrumente. Zu erwähnen sind Materialien zur sprachlichen Einstufung, die dazu dienen, geeignete Sprachkurse zu wählen. Nützlich sind auch 24 Filme von drei bis fünf Minuten, die Alltagsdialoge auf den Niveaus A1 bis B2 zeigen. Die Filme, die via Internet zugänglich sind, machen unter anderem deutlich, wie Beratungspersonen etwa in RAV mit sprachungewohnten Personen effizient kommunizieren können. Weiter dienen standardisierte Beurteilungsbögen dazu, die Lernfortschritte festzuhalten und in einem Kursattest zusammenzufassen. Für Personen, die einen Sprachnachweis gemäss «Gemeinsamem Europäischem Referenzrahmen» (GER) benötigen, wird ein «Sprachnachweis fide» entwickelt, der zwischen mündlichen und schriftlichen Kompetenzen unterscheidet. Es wird dies das erste für alle Landesteile einheitliche Sprachzertifikat sein. Schliesslich ist ein Label in Entwicklung, mit dem die Geschäftsstelle Kursangebote auszeichnen will, welche die Unterrichtsprinzipien von fide konsequent umsetzen. Mit dem neuen Konzept leisten der Bund und die Kantone einen wesentlichen Beitrag für die Qualitätsentwicklung von subventionierten Sprachkursangeboten. Die Integrationsfachstellen haben bereits mit der Umsetzung des fide-Ansatzes bei ihren Anbietern begonnen; auch einige kantonale Arbeitsämter befassen sich mit dem neuen Ansatz.

Links und Literaturhinweise

www.fide-info.ch

Kasten

Zum Beispiel in Zürich

Von Edwin Hof, Teamleiter Bildungsangebote im Bereich «Qualifizierung für Stellensuchende» im Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich; notiert von Daniel Fleischmann

«Im Kanton Zürich besuchen von etwa 34'000 Stellensuchenden pro Jahr rund 2500 Deutschkurse – intensive Sprachkurse mit vier Lektionen täglich, drei Monate lang. Schulgewohnte Personen können damit eine Verbesserung ihrer Sprachkompetenzen um etwa eine Stufe gemäss ‹Gemeinsamem Europäischem Referenzrahmen› erreichen, schulungewohnte eine halbe Stufe. Die Ermittlung der Sprachkenntnisse erfolgt mithilfe der ‹Deutscheinschätzung› – eines einstündigen Tests, der von Mitarbeitenden der EB Zürich und ECAP Zürich durchgeführt wird. Die Zuweisung in solche Kurse ist Aufgabe der Personalberatenden. Sie ist anspruchsvoll, denn sie verlangt eine Einschätzung der Wirkung verbesserter Deutschkenntnisse auf die Chance, eine Stelle zu finden. Für viele Branchen und Tätigkeiten verfügen wir über Erfahrungswerte oder stützen uns auf Anforderungsprofile. Die Einteilung in bestimmte Lerngruppen ist Aufgabe des Bildungsanbieters. Die Qualität der Sprachkurse ist sehr gut. Die Kursanbieter sind eduqua-zertifiziert; zudem beobachten wir die Qualität der zielgruppenspezifischen Umsetzung, die Didaktik und die vereinbarten Ziele und Inhalte. ‹fide› motiviert die Schulen zusätzlich, in die Entwicklung neuer Kursformate und die Weiterbildung ihrer Lehrpersonen zu investieren. Es ist insbesondere für schulungewohnte Personen ein adäquates Lernformat. Dabei entsprechen gleich mehrere der dort didaktisierten Handlungsfelder den Bedürfnissen der Stellensuchenden, ‹Arbeit› beispielsweise oder ‹Arbeitssuche›. Das ist interessant für uns. In welchem Mass aber die Schulen mit ‹fide› arbeiten wollen, werden wir weiterhin ihnen überlassen.»

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