Ausgabe 05 | 2015

Fokus "Ausbildungsabbruch"

Lehrvertragsauflösungen

Immer belastend, meist befreiend

Die Verbundpartner wollen die Abbruchquote senken, denn sie hat auch einen hohen Einfluss auf die Zahl der Personen, die ohne nachobligatorische Bildung bleiben. Was weiss man über Lehrvertragsauflösungen?

Von Evi Schmid, Dozentin Ausbildung und Senior Researcher F&E am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB)

Ende März 2015 haben die Verbundpartner – Kantone, Bund und Organisationen der Arbeitswelt – in einer «programmatischen Erklärung» unter anderem das Ziel festgehalten, die «Ausfallquote während der beruflichen Grundbildung» zu verringern. Die Berufsverbände sollen Projekte lancieren, um Lehrabbrüche und Prüfungsmisserfolge berufsspezifisch zu analysieren und damit Informationen zur Prävention liefern. Nach wie vor gilt das bereits vor rund zehn Jahren festgelegte Ziel,
95 Prozent der jungen Erwachsenen zu einem Abschluss auf Sekundarstufe II zu führen. Wie hoch diese Abschlussquote heute ist, ist nicht bekannt, da für die Berechnung bisher keine Individualdaten zur Verfügung standen. Fachleute gehen aber davon aus, dass dieses Ziel noch nicht erreicht ist. Dass Massnahmen, die eine Erhöhung der Abschlussquote auf Sekundarstufe II anstreben, einen Fokus auf Lehrvertragsauflösungen legen, ist sinnvoll. Lehrvertragsauflösungen sind der häufigste Grund, warum viele Jugendliche keinen Ausbildungsabschluss erreichen. Nur 2 bis 3 Prozent beginnen gar nie eine Ausbildung; deutlich grösser ist der Anteil der Personen, die nach einer Lehrvertragsauflösung aus dem Bildungssystem aussteigen. Eine Lehrvertragsauflösung stellt für Jugendliche und junge Erwachsene das grösste Risiko dar, ohne nachobligatorischen Bildungsabschluss zu bleiben. Trotzdem gibt es in der Schweiz auf nationaler Ebene keine ausreichenden statistischen Informationen zum Ausmass von Lehrvertragsauflösungen und zu den weiteren Ausbildungsverläufen betroffener Jugendlicher. Das Bundesamt für Statistik (BFS) will dies nun ändern (siehe Kasten). Was wir wissen, lässt sich wie folgt zusammenfassen.

Tiefes Anforderungsniveau eher betroffen

Je nach Beruf werden jährlich zwischen 10 und 50 Prozent der Lehrverträge vorzeitig aufgelöst. 2012 waren es 28 Prozent aller Lehrverträge. Überdurchschnittlich hohe Quoten verzeichnen etwa das Gastgewerbe, der Bereich Coiffeurgewerbe und Schönheitspflege, die Berufe der Transport- oder Fahrzeugbranche sowie einige Berufe des Baugewerbes. Insgesamt zeigt sich, dass Lehrberufe mit einem tiefen intellektuellen Anforderungsniveau massiv höhere Auflösungsquoten aufweisen als solche mit mittleren oder hohen Anforderungen. Überdurchschnittlich häufig sind zudem ausländische Jugendliche betroffen. Zwischen Frauen und Männern zeigen sich keine Unterschiede. Nebst individuellen Merkmalen der Jugendlichen sind auch betriebliche Aspekte wichtig. So hat eine Studie mit Köchen und Malerinnen gezeigt, dass Firmen mit einer guten Ausbildungskultur weniger Lehrvertragsauflösungen verzeichnen. Solche Firmen orientieren sich stärker am Bildungsplan, bekunden Freude an der Ausbildung von Lernenden, bilden sich weiter und berichten positiv über die Zusammenarbeit mit der Berufsfachschule. Studien aus Deutschland zeigen zudem, dass Betriebe, bei denen die Sicherung des Fachkräftenachwuchses im Vordergrund steht, seltener von Lehrvertragsauflösungen betroffen sind als solche, bei denen der produktive Einsatz der Lernenden wichtiger ist. Zudem seien Lehrvertragsauflösungen in grossen Betrieben seltener als in kleinen. Auch die Situation auf dem Lehrstellenmarkt spielt eine Rolle: So ist die Auflösungsquote in Deutschland höher, wenn das Verhältnis von angebotenen und nachgefragten Lehrstellen aus Sicht der Jugendlichen günstig ist. Die Betriebe ihrerseits sehen sich in diesem Fall eher gezwungen, weniger präferierte Bewerber/innen einzustellen. Lehrvertragsauflösungen können somit unterschiedlich begründet sein – individuell, betrieblich, beruflich oder strukturell. Befragungen von betroffenen Lernenden und Berufsbildenden zeigen, dass eine Lehrvertragsauflösung zumeist auf mehrere Faktoren zurückzuführen ist, die sich gegenseitig bedingen oder verstärken können. Zudem begründen Lernende und Berufsbildende eine Lehrvertragsauflösung oft unterschiedlich. Zwar nennen beide Vertragspartner am häufigsten Leistungsschwierigkeiten als Auflösungsgrund. Im Weiteren aber sehen sie das Geschehen oft unterschiedlich: So verweisen die Lernenden häufig auf die Qualität der betrieblichen Ausbildung, die Ausbildenden jedoch selten. Diese führen die Auflösung vorwiegend auf die Lernenden zurück und erwähnen neben den Leistungen der Lernenden in Schule und Betrieb deren mangelnde Anstrengungsbereitschaft oder Probleme mit den Eltern. So ist es schwierig, objektive Ursachen für Lehrvertragsauflösungen zu nennen; sicher aber ist, dass sie stets das Ende eines längeren, häufig schwierigen und belastenden Prozesses sind.

Die meisten machen weiter

Lehrvertragsauflösungen führen nicht immer zu einem Abbruch der Ausbildung: Zwischen knapp 60 und 75 Prozent der betroffenen jungen Erwachsenen steigen wieder in eine Ausbildung ein – oft bereits kurz nach der Lehrvertragsauflösung. Die Mehrheit setzt die begonnene Ausbildung in einem anderen Lehrbetrieb fort (Betriebswechsel) oder wechselt innerhalb des Berufsfelds in eine Ausbildung mit tieferen, seltener mit höheren Anforderungen (Auf- oder Abstieg). Der Wechsel in eine Grundbildung in einem anderen Berufsfeld oder in eine schulische Ausbildung ist deutlich seltener (Ausbildungswechsel). Jugendliche mit Wiedereinstieg sind mit der neuen bzw. fortgesetzten Ausbildung im Durchschnitt deutlich zufriedener als vor der Vertragsauflösung (siehe Abbildung). Sie konnten diese nutzen, um Arbeits- und Ausbildungsbedingungen zu optimieren, Berufswahlentscheidungen zu korrigieren oder sich neu zu orientieren. Wie viele dieser Personen ihre Ausbildung nach der Lehrvertragsauflösung und dem Wiedereinstieg dann tatsächlich abschliessen, ist allerdings nicht bekannt. Gemäss Schätzungen dürften es zwischen 50 und 70 Prozent sein. Rund ein Drittel bis die Hälfte der jungen Erwachsenen mit einer Lehrvertragsauflösung verlässt das Bildungssystem somit ohne formalen Abschluss. Diese jungen Erwachsenen sind oft in einer schwierigen Situation, beruflich und privat. Viele von ihnen haben deutlich eingeschränkte Ressourcen, um die Schwierigkeiten zu bewältigen, einen neuen Ausbildungsplatz zu finden und noch einmal von vorne zu beginnen. Das Ziel der Verbundpartner, Lehrvertragsauflösungen vorzubeugen, ist deshalb zu begrüssen.

Links und Literaturhinweise

Schmid, E. (2012): Ausstieg oder Wiedereinstieg? Die Konsequenzen von Lehrvertragsauflösungen auf den weiteren Ausbildungsverlauf von Jugendlichen. In: Baumeler, C., Ertelt, B.-J. & Frey, A. (Hrsg.), Diagnostik und Prävention von Ausbildungsabbrüchen in der Berufsbildung (S. 239–253). Landau, Verlag Empirische Pädagogik.
BIBB (2014). Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2014 – Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung. Bonn.
Christ, A. (2013): Betriebliche Determinanten vorzeitig gelöster Ausbildungsverträge. In: BWP (Nr. 3, S. 4-5). Bonn, BIBB.
Rohrbach-Schmidt, D., Uhly, A. (2015): Determinanten vorzeitiger Lösungen von Ausbildungsverträgen und berufliche Segmentierung im dualen System. Eine Mehrebenenanalyse auf Basis der Berufsbildungsstatistik. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (Nr. 1[67], S. 105-135). Wiesbaden, Springer.
Schmid, E. (2010): Kritisches Lebensereignis «Lehrvertragsauflösung». Eine Längsschnittuntersuchung zum Wiedereinstieg und zum subjektiven Wohlbefinden betroffener Jugendlicher. Bern, hep Verlag.
Schmid, E., Stalder, B.E. (2012): Dropping Out from Apprenticeship Training as an Opportunity for Change. In: Tynjälä, P., Stenström, M.-L., Saarnivaara, M. (Hrsg.), Transitions and Transformations in Learning and Education (S. 117-130). Dordrecht, Springer.
Schmid, E. (2013): Berufliche Integration junger Erwachsener: Ziel noch nicht erreicht. In Maurer, M., Gonon, Ph. (Hrsg.), Herausforderungen für die Berufsbildung in der Schweiz: Bestandesaufnahme und Perspektiven (S. 197-217). Bern, hep Verlag.
Stalder, B.E., Schmid, E. (2006): Lehrvertragsauflösungen, ihre Ursachen und Konsequenzen. Ergebnisse aus dem Projekt LEVA. Bern, Bildungsplanung und Evaluation der Erziehungsdirektion.
Schumann, S., Gurtner, J.-L., Forsblom, L., Negrini, L. (2014): Eine gute Ausbildungskultur verhindert Lehrvertragsauflösungen. In: PANORAMA (Nr. 2, S. 14-15). Bern, SDBB.

Kasten

Berechnung einer Lehrvertragsauflösungsquote

Bisher sind auf nationaler Ebene keine Lehrvertragsauflösungsquoten publiziert worden. Nebst der fehlenden Individualdatenbasis liegt das vor allem daran, dass die Berechnung einer Quote hohe Anforderungen an die Daten und die Berechnungsmethode stellt. Je nach Berechnungsart kann die Auflösungsquote 20 Prozentpunkte höher oder tiefer ausfallen. Dies ist problematisch, weil die unterschiedlichen Verfahren meist ungeachtet der methodischen Hintergründe verwendet und Zahlen trotz unterschiedlicher Berechnungsverfahren miteinander verglichen werden. Die Einführung eines Personenidentifikators auf Bundesebene im Jahr 2011 eröffnet neue Möglichkeiten zur statistischen Berichterstattung. Im Auftrag des Bundesamts für Statistik (BFS) erarbeitet das Eidgenössische Hochschulinstitut für Berufsbildung EHB derzeit einen Methodenbericht mit Empfehlungen zur Berechnung einer Lehrvertragsauflösungsquote, einer Wiedereinstiegs- und einer Abbruchquote. Ziel ist es, dass diese Zahlen künftig einheitlich berechnet und regelmässig publiziert werden. Erste Ergebnisse werden für 2016 erwartet.

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