Ausgabe 05 | 2015

Fokus "Ausbildungsabbruch"

Von Ab- und Aufbrüchen

Von Stephan Schumann, Professor für Wirtschaftspädagogik in Konstanz

(Bild: Fotolia/goodluz)

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Jede vierte Berufslehre wird in der Schweiz vorzeitig abgebrochen. Diese Quote erscheint recht hoch und man ahnt schon die Klagen: «Die Jugend von heute ist nicht mehr belastbar» oder «Denen geht es ohnehin zu gut». Aber die Quote ist weder im Vergleich zur Berufsausbildung in Deutschland noch gemessen an den Zahlen von Fachhochschulen und Universitäten sonderlich hoch. Auch wenn Abbrüche von Ausbildungen und die damit verbundenen individuellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen mehrheitlich kritisch bewertet werden, sind sie ganz offensichtlich ein «normaler» Teil der sozialen Realität in dieser Lebensphase. Im Alter zwischen 15 und 25 finden in der westlichen Gesellschaft sehr viele wesentliche Entwicklungen des Menschen mehr oder weniger parallel statt. Zu nennen sind etwa die körperliche Entwicklung, die Identitäts- und Selbstkonzeptbildung, die Rollenfindung, der Aufbau und die Festigung politischer Haltungen, die Ablösung von den Eltern, der Aufbau und der Erhalt von Beziehungen zu Partnerinnen und Freunden, der Aufbau oder die Vorbereitung finanzieller Eigenständigkeit und nicht zuletzt die berufliche Entwicklung. Wenn man das Leben von Menschen am Reissbrett entwerfen könnte, man würde kaum auf die Idee kommen, derart viele wichtige Entwicklungen in einer so kurzen Lebensphase stattfinden zu lassen. Aufgrund der Fülle dieser in der Psychologie als Entwicklungsaufgaben bezeichneten Anforderungen ist es nicht überraschend, wenn einzelne dieser Aufgaben nicht passgenau bewältigt werden können, zumal heute mehr Möglichkeiten denn je bestehen. Gab es früher klarere, wenn auch nicht selten als eng empfundene Bahnen und Normalitätserwartungen, so stehen den Jugendlichen heute in praktisch allen Lebensbereichen vielfältige Wege offen. Multiple Optionen sind eine Errungenschaft – und zugleich mit Stress im Vorfeld von Entscheidungen verbunden. Daher müssen auch bildungs- und berufsbiografische Korrekturen möglich sein, ja manchmal sind sie regelrecht notwendig. Ein wohlüberlegter Abbruch mit klaren Anschlussperspektiven, die auch begrenzte zeitliche Moratorien einschliessen können, kann entwicklungspsychologisch sehr sinnvoll sein. Die Bewältigung eines solchen kritischen Lebensereignisses – denn dies ist ein Ausbildungsabbruch zweifellos – beinhaltet das Potenzial, als Motor für einen Neubeginn zu fungieren. Die Forschung zeigt ja, dass der Grossteil der Abbrechenden über kurz oder lang wieder im Bildungssystem unterkommt. Aber die Bewältigung eines Abbruchs kann auch misslingen – etwa dann, wenn kein Abschluss auf Sekundarstufe II erreicht wird, der zur Mindestausstattung in unserer Gesellschaft gehört. Wenn es gelingt, die Grösse dieser Gruppe zu verringern, so wäre viel erreicht. Eine gute Zusammenarbeit und Abstimmung zwischen den Betrieben, den Berufsfachschulen, den Eltern, der Lehraufsicht und dem Case Management der Berufsberatung ist hierfür notwendig.

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