Ausgabe 04 | 2015

ARBEITSMARKT

Caritas Jura

Von der Beschäftigung zur Arbeitsintegration

Caritas Jura feiert dieses Jahr das 30-jährige Bestehen der Abteilung Eingliederung. Die Geschichte der Institution zeigt auch die Entwicklung der Arbeitsintegration: Früher ging es um Beschäftigung, heute um berufliche Eingliederung. Die Klientel ist heute vielfältiger und die Zuweisenden haben höhere Ansprüche als früher.

Von Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

«Wenn es den Klienten wieder gut geht, sind sie nicht mehr bei uns.» – Bernard Prétôt-Bilat, Gründer und Leiter der Abteilung Eingliederung von Caritas Jura. (Bild: zvg)

«Wenn es den Klienten wieder gut geht, sind sie nicht mehr bei uns.» – Bernard Prétôt-Bilat, Gründer und Leiter der Abteilung Eingliederung von Caritas Jura. (Bild: zvg)

Man könnte meinen, ein kleiner, für seine rege Uhrenindustrie bekannter Kanton wie der Jura habe kaum Probleme mit der Arbeitslosigkeit und der beruflichen Integration. Wenn man Propul’s, die Abteilung Eingliederung von Caritas Jura (CAJU), kennenlernt, stellt man aber fest, dass die berufliche Eingliederung ein wichtiger und notwendiger Tätigkeitsbereich ist. Bernard Prétôt-Bilat, Gründer und Leiter der Abteilung, ist stolz, dass diese bald ihr 30-Jahr-Jubiläum feiert. 1985 entwickelte er das erste CAJU-Beschäftigungsprogramm im Secondhand-Bereich. Damals gab es im Kanton Jura zahlreiche Massenentlassungen. Viele Menschen wurden gleichzeitig arbeitslos und es mussten Lösungen gefunden werden, um sie zu beschäftigen. Dafür konnte der Verein CAJU Beiträge in Anspruch nehmen, die das kurz zuvor in Kraft getretene Arbeitslosenversicherungsgesetz damals für «Präventivmassnahmen» zur Vermeidung und Verkürzung der Arbeitslosigkeit vorsah.

Ein ständiger Anpassungsprozess

CAJU arbeitete zu Beginn mit den Gemeinden zusammen, welche die Beschäftigungsprogramme mitfinanzierten. Als die Arbeitslosigkeit in den frühen 1990er-Jahren zunahm, passte Caritas Jura die Aufnahmekapazität der wachsenden Nachfrage an und entwickelte in wenigen Monaten neue Angebote. Durch sein Engagement und die hohe Reaktionsfähigkeit erwarb sich der Verein schnell die Anerkennung seiner Partner und stiess auch beim Bundesamt für Sozialversicherungen auf Interesse. Von da an nahmen die CAJU-Beschäftigungsprogramme neben Stellensuchenden auch IV-Bezügerinnen und -Bezüger auf. Gemäss Bernard Prétôt-Bilat war diese Durchmischung nie ein Problem, sondern im Gegenteil eine Bereicherung für die Betroffenen selbst, aber auch für den Verein CAJU. Der wurde dadurch gewissermassen zu einer «sozialen Beobachtungsstelle», deren Erkenntnisse für die Entwicklung von neuen kantonalen Eingliederungsmassnahmen genutzt werden konnten. Ab 1995 wurden die Stempelbüros der Gemeinden durch die RAV und deren Beraterinnen und Berater ersetzt. Der Kanton, der damit zum wichtigsten Partner von CAJU wurde, erhöhte die Anforderungen an die Angebote: Es mussten professionellere, auf die Wiedereingliederung ausgerichtete Massnahmen mit klaren Bewertungskriterien erarbeitet werden. Caritas Jura überdachte das Angebot grundlegend und startete 1997 einen Pilotversuch mit dem Eingliederungsprogramm Propul’s. Aus dem einstigen Pilotversuch ist inzwischen eine eigene, rund 20 Mitarbeitende umfassende Abteilung von CAJU geworden. Die Eingliederungsangebote von Propul’s decken heute acht Branchen ab und bieten Arbeitsmöglichkeiten in rund 15 anerkannten Berufen. Propul’s verfügt über einen Katalog von 15 bis 20 Massnahmen. Diese sind auf Personen ausgerichtet, die Leistungen zur sozialen oder beruflichen Eingliederung beziehen (Arbeitslosenversicherung, IV oder Sozialhilfe). Zurzeit betreut Propul’s rund 350 Personen pro Jahr. 2014 lag die Vermittlungsquote bei über 20 Prozent.

Kein Auswahlverfahren

Ging es früher einfach darum, die Menschen zu beschäftigen, bis sie wieder Arbeit fanden, steht heute die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt im Vordergrund. Diese Aufgabe ist für CAJU eine grosse Herausforderung, da bei Propul’s die Stellensuchenden mit den schlechtesten Voraussetzungen betreut werden. CAJU unterzieht die an sie verwiesenen Klienten keinem Auswahlverfahren. Oft ist Propul’s die letzte Anlaufstelle für diejenigen, die bereits «ganz unten angekommen sind und am Boden liegen», wie es Bernard Prétôt-Bilat ausdrückt. Bevor die Teilnahme an einem Eingliederungsprojekt überhaupt infrage kommt, muss man diese Menschen zuerst aufrichten und ihnen wieder Selbstvertrauen geben. Doch die Zeit ist begrenzt: «Man erwartet von uns, dass wir in sechs Monaten schaffen, was vorher in zwei oder mehr Jahren nicht gelungen ist», sagt der Abteilungsleiter. Damit ein Erfolg möglich wird, muss man herausfinden, welche Faktoren den Eingliederungsprozess bremsen. Bernard Prétôt-Bilat stellt fest, dass sich das Profil der Klienten verändert hat: Viele können einen einwandfreien Lebenslauf vorlegen, sind aber durch schlechte Erfahrungen im Berufsleben eingeschüchtert, andere leiden unter einer chronischen Depression. Die angebotene Begleitung muss sich diesen neuen Problemstellungen und den Anforderungen der IV, die der CAJU immer spezifischere Mandate überträgt, anpassen. Eingliederungsmassnahmen sind zu einem umkämpften Markt geworden und Aufträge werden nicht für ewig vergeben. Bernard Prétôt-Bilat hat in den letzten fünf bis zehn Jahren eine Zunahme der Konkurrenz beobachtet. Es gilt, die steigenden Erwartungen der Partner zu erfüllen, aber gleichzeitig möglichst kostengünstige Massnahmen anzubieten. «Bei uns landen häufig die Personen, die von den anderen Akteuren nicht oder nur dann aufgenommen werden, wenn unsere Aufbauarbeit bei Propul’s schon erste Früchte trägt. Wenn es den Klienten wieder gut geht, sind sie nicht mehr bei uns», so der Verantwortliche weiter. Eine weitere Besonderheit ist, dass CAJU fast 20 Jahre lang ein Quasimonopol im Bereich der Eingliederung hatte. Das liegt insbesondere am jungen Alter des 1979 gegründeten Kantons Jura, der auf externe Strukturen zurückgreifen musste, um einige seiner Aufgaben zu erfüllen. Trotz dieser Monopolstellung war der Verein aber immer innovativ und hat sich ständig weiterentwickelt.

Sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen

Zu den vielfältigen Aktivitäten von Propul’s gehören die Kontrolle und Wiederverwertung von Drehteilen, die Entgegennahme, Reparatur und der Verkauf von Secondhand-Artikeln, das Flechten von Korbstühlen, die Produktion von Holz- und Reisigbündeln, von Bio-Gemüse und von Baumwoll-Putzlappen aus Altkleidern, der Betrieb von Recyclinghöfen und seit Kurzem einer Velostation. Im Jahr 2014 nahm die Anzahl der Klienten zu und die Einnahmen aus der Produktion stiegen über 600'000 Franken. Dennoch ruhen sich die Abteilung Eingliederung und ihr Leiter Bernard Prétôt-Bilat nicht auf den Lorbeeren aus. Vor fünf Jahren wurde Propul’s reorganisiert, um eine noch leistungsfähigere sozialpädagogische Begleitung anbieten zu können. Dabei fand eine Spezialisierung der verschiedenen Stellen statt. Zudem hat die Abteilung die Software Pul’s entwickelt, mit welcher der Eingliederungsprozess evaluiert und dokumentiert werden kann, und sie hat einen Berufskatalog erarbeitet, der auf den Berufsinformationen von www.berufsberatung.ch aufbaut. Der Erfolg von Propul’s ist nicht zuletzt der Zusammenarbeit mit Partnern inner- und ausserhalb des Kantons zu verdanken. «Im Kanton Jura hat man gar keine andere Wahl, als über die Kantonsgrenzen hinauszuschauen», sagt Bernard Prétôt-Bilat. Er hat immer schon auf den Austausch erfolgreicher Praktiken gesetzt, wenn nötig Experten beigezogen und in zahlreichen kantonalen und interkantonalen Arbeitsgruppen mitgewirkt. Ein Beispiel ist die CRIEC (Commission romande de l’insertion par l’économique) von Arbeitsintegration Schweiz, in der weitere Westschweizer Pioniere im Bereich der Eingliederung vertreten sind (z. B. Réalise in Genf oder La Thune im Wallis). Nach dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe, das im Leitbild von CAJU verankert ist, teilt Bernard Prétôt-Bilat die Erfahrungen und das Know-how seiner Abteilung gerne mit anderen und empfängt regelmässig interessierte Organisationen, wobei er sagt, durch den zusätzlichen Aufwand auch ein «Opfer des eigenen Erfolgs» zu sein.

Zukunftsperspektiven

Der Abteilungsverantwortliche weiss, dass es noch viel zu tun gibt. So müssen beispielsweise neue Beschäftigungsmöglichkeiten für diejenigen gefunden werden, für die nach Abschluss der Propul’s-Massnahmen ein Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt nicht garantiert ist. Bernard Prétôt-Bilat denkt etwa an die Schaffung von unabhängigen Mikrounternehmen, die keine subventionierten Sozialfirmen sind und beispielsweise für die regionalen Recyclingstellen arbeiten. In diesen Kleinstunternehmen könnten solche Klienten arbeiten und ihre Kompetenzen und ihre Arbeitskraft einbringen. Ein erfolgreiches Beispiel ist das Restau-Verso. Das Restaurant wurde vor fünf Jahren in der Nähe der Propul’s-Werkstätten eröffnet und funktioniert als unabhängige GmbH. Es liegt im Industriequartier von Delémont und wird vor allem von den Arbeitern der umliegenden Betriebe genutzt. Das Restau-Verso, das zurzeit fünf Fachkräfte und 13 IV-Bezüger beschäftigt, erhält keinerlei finanzielle Unterstützung von der öffentlichen Hand. Vor der Gründung sagte sich Bernard Prétôt-Bilat: «Wenn wir es nicht machen, macht es ein anderer.» Solche Projekte seien aber nur möglich, wenn der Projektträger bereit sei, ein gewisses Risiko auf sich zu nehmen. «Wenn man nicht damit leben kann, im schlimmsten Fall 200'000 bis 300'000 Franken zu verlieren, dann lässt man es besser sein.»

Links und Literaturhinweise

www.caritas-jura.ch

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