Ausgabe 04 | 2015

BERUFSBERATUNG

Standpunkt

Die berufliche Eingliederung von Jugendlichen ist kein Wettbewerb

Projekte für Jugendliche auf Lehrstellen- oder Arbeitssuche schiessen wie Pilze aus dem Boden. Privatwirtschaftliche Angebote sind grundsätzlich zu begrüssen, doch bedarf es einer besseren Koordination mit den bestehenden staatlichen Strukturen.

Von Marc Chassot, Leiter des Amtes für Berufsberatung und Erwachsenenbildung des Kantons Freiburg

Marc Chassot: «Private und öffentliche Projekte müssen von Anfang an koordiniert werden.» (Bild: zvg)

Marc Chassot: «Private und öffentliche Projekte müssen von Anfang an koordiniert werden.» (Bild: zvg)

In den letzten Jahren sind zahlreiche neue Angebote für die berufliche Eingliederung von Jugendlichen entstanden: «Rock your Life!», «Berufsinfo-Pass», «Rent-a-Stift», «Check your Chance» usw. Das zeugt von einem erfreulichen sozialen Engagement von privatwirtschaftlicher Seite. Doch einige der privaten Projekte stellen Angebote bereit, die von den staatlichen Strukturen bereits abgedeckt werden. Will man Überschneidungen und die Verschwendung von Ressourcen vermeiden, ist eine gute Koordination deshalb unabdingbar. Im Allgemeinen laufen privatwirtschaftliche Projekte unter anderen Bedingungen ab und folgen einer anderen Logik als Dienstleistungen der öffentlichen Hand. Während Unternehmen ihre Angebote zum Beispiel mit aktivem Marketing rasch bekannt machen wollen, müssen die staatlichen Anbieter ihre Projekte nicht vermarkten, sondern die Öffentlichkeit über alle bestehenden Dienstleistungen informieren. Berufsberaterinnen und Berufsberater erfahren aber oft erst aus den Medien von neu lancierten privaten Projekten. Um die nötigen Finanzmittel für ihre Projekte zu erhalten, müssen private Anbieter zudem in sehr kurzer Zeit messbare Resultate liefern. Kurzfristige Ergebnisse sind jedoch im Bereich der beruflichen Eingliederung, die nach langfristigen Lösungen verlangt, wenig aussagekräftig. Ausserdem werden private Projekte oftmals von Personen durchgeführt, die zwar sehr engagiert, aber mit dem Berufsbildungssystem und den Abläufen in einem Lehrbetrieb wenig vertraut sind. Staatliche Stellen hingegen müssen die Qualität ihrer Dienstleistungen durch hohe Kompetenzen und Qualifikationen der Akteure garantieren.

Ergänzung statt Konkurrenz

Das heisst keineswegs, dass die privatwirtschaftlichen Bestrebungen eingeschränkt werden sollen, denn sie haben auch viele Vorzüge. Zum einen kommen sie meist mit weniger Bürokratie aus als staatliche Strukturen. Zum andern eröffnen sie neue Blickwinkel auf die gesellschaftliche Realität, und ihre Initianten sind oft von ideellen Zielen geleitet. Damit diese Projekte aber einen echten Mehrwert für die berufliche Eingliederung bringen, sollten sie gewisse Bedingungen erfüllen. Organisationen, die solche Projekte auf die Beine stellen wollen, müssten sich von Beginn an bei den öffentlichen Stellen über die bereits bestehenden Massnahmen informieren. Gleichzeitig sollten sie mögliche Aktionsbereiche und Bedürfnisse eruieren, die von staatlichen Institutionen weniger gut abgedeckt werden. So gibt es beispielsweise zahlreiche Coaching-Angebote für die Lehrstellensuche, während der Bedarf an Begleitmassnahmen für junge Erwachsene, die den Anschluss ans Berufsbildungssystem verloren haben, noch sehr gross ist. Damit sich private und öffentliche Angebote optimal ergänzen, müssen sie von Anfang an koordiniert werden. Die Projekte sollten sich nicht gegenseitig konkurrieren. Vielmehr sollten die Kompetenzen und Voraussetzungen beider Seiten erkannt und genutzt werden. Die berufliche Eingliederung von Jugendlichen darf nicht zu einem Markt verkommen, auf dem die verschiedenen Angebote miteinander im Wettbewerb stehen. Viel gewinnbringender ist es, alle bestehenden Kräfte einzubeziehen und sie dort einzusetzen, wo sie am nützlichsten sind.

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