Ausgabe 04 | 2015

BERUFSBILDUNG

Praktische Intelligenz

Begabung wird nicht angeboren

Talent hat wenig zu tun mit Glück oder guten Genen. Wichtiger sind Leistungsbereitschaft, Motivation und Unterstützung. Die Betreuungspersonen sollten die Jugendlichen fordern und ihnen Wertschätzung entgegenbringen.

Von Désirée Jäger, Co-Gründerin des Vereins Social Innovation Summit (sisummit.ch) und von entrepreneurship.ch

Das Bild, das wir von Talent oder Begabung haben, könnte einer der Gründe sein, warum wir Mühe haben, Berufslernende als «Talente» zu sehen. Begabte Personen sind in unserer Vorstellung «Genies», die sich durch ihre herausragende Intelligenz vom grossen Rest der Bevölkerung abheben. Nur wenigen Personen ist dies zuteil, glauben wir, ihre Leistung ist für «normale» Menschen unerreichbar. Dass Begabung gleich «Schul-Intelligenz» ist, ist jedoch ein Mythos: «Genies» sind überall zu finden, bei den Maurern EBA wie bei den Informatikerinnen im vierten Jahr. Es lohnt sich also ein Blick auf einzelne Jugendliche. Auch wenn das duale System ungleich weniger Angebote für Begabte als für Benachteiligte bereithält, können Talente individuell gefördert werden.

Wenig Gene, viel Übung

Um Talente zu fördern, braucht es ein Verständnis davon, welche Ursachen Begabung hat. Talent hat wenig zu tun mit Glück oder «guten Genen», Veranlagung macht nur einen geringen Teil aus. Wichtiger ist, was ein Lernender aus dieser Veranlagung macht. Drei Faktoren sind dafür relevant: Leistungsbereitschaft, Motivation und Unterstützung. Leistungsbereitschaft ist der Schlüssel zur vermeintlich natürlichen Begabung. Talente üben deutlich mehr, intensiver und konzentrierter und verbringen auch Teile ihrer Freizeit, um auf ihrem Gebiet besser zu werden. Um dies durchzuhalten, braucht es ein Interesse am Fachgebiet – Menschen können nur das, was sie können wollen. Die intrinsische Motivation, also die Motivation aus eigenem Antrieb heraus, ist ein entscheidender Faktor, der Lernende zu Talenten werden lässt. Schliesslich ist die Förderung von Talenten ein pädagogisch begleiteter Veränderungsprozess, den die Lernenden durchlaufen. Begabte, das heisst leistungswillige und motivierte Jugendliche mit einem bestimmten Interesse, müssen erkannt, unterstützt und gefördert werden, damit sie ihr Potenzial voll entwickeln können. Zu «Talentmanagement» gehört eine fordernde, aber gleichzeitig wertschätzende Haltung, die jede Berufsschullehrerin und jeder Ausbildner als Vorbild und Mentor/in einnehmen kann. Dass Begabung tatsächlich wenig mit Glück und Genen zu tun hat, zeigen verschiedene Studien von Margrit Stamm, die an der SGAB-Frühjahrstagung 2015 «Berufsbildung für Talente – Talente für die Berufsbildung. Wie können wir sie fördern?» vorgestellt wurden. Aus der Längsschnittstudie «Mirage» ging beispielsweise hervor, wie Migraten/-innen ihre Lehre trotz bildungsfernem Elternhaus und diskontinuierlicher Schullaufbahn mit Bestnoten abschliessen konnten: Sie waren besser selbstorganisiert und wurden von ihren Ausbildnern und ihrer Familie unterstützt.

Links und Literaturhinweise

www.sgab-srfp.ch/de/talente
Stamm, M. (2015): Praktische Intelligenz: Ihre missachtete Rolle in der beruflichen Ausbildung. Bern.

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