Ausgabe 03 | 2015

Fokus "Beratung und Coaching"

Weiterbildung

Coach werden – aber welcher?

Selbst für Fachleute ist es schwierig, im Wirrwarr der Coaching-Ausbildungen und -Zertifizierungen den Überblick zu behalten. Eine Orientierungshilfe.

Von Anna Zbinden Lüthi, PANORAMA-Redaktorin

«Zwischen 1 und 10: Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Arbeit?»  – Skalierungsfragen sind ein häufig eingesetztes Coaching-Instrument. Im Bild: Skaleboard der Firma «Solutionsurfers». (Bild: Anna Zbinden Lüthi)

«Zwischen 1 und 10: Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Arbeit?» – Skalierungsfragen sind ein häufig eingesetztes Coaching-Instrument. Im Bild: Skaleboard der Firma «Solutionsurfers». (Bild: Anna Zbinden Lüthi)

Ein Sportartikelgeschäft schreibt eine Stelle als «Coach Kasse» aus. Das Aufgabengebiet umfasst: «Kassieren mit hoher Kunden- und Serviceorientierung, Verkaufsberatung, Sicherstellung Kundenservice, Abwicklung administrativer Vorgänge an der Kasse». Coach werden können alle, auch Coach nennen dürfen sich alle – das Wort ist nicht geschützt. Umso wichtiger werden die Titelzusätze: Zum Beispiel Coach BSO, Coach SCA, IFA, FSP und seit Kurzem Supervisorin-Coach HFP. Fachkundigen geben diese Zusätze preis, welcher Berufsverband die Weiterbildung anerkannt hat oder ob es sich um ein eidgenössisches Diplom handelt. Manchmal lässt sich erahnen, welche Weiterbildung absolviert wurde: lösungsorientiert, integrativ, systemisch, Hypnose, «Wingwave» und so weiter. Und wer noch genauer hinschaut, erkennt möglicherweise die Dauer der Weiterbildung: CAS dauern 20 bis 25 Kurstage während eines Jahres, MAS dauern zwei bis drei Jahre – andere Zusätze lassen vieles offen.

Neue eidgenössische Abschlüsse

Um für einen Teil der Coaching-Ausbildungen verbindliche Regeln zu etablieren, wurden in den letzten Jahren die folgenden drei Prüfungsordnungen ausgearbeitet:
– Eidgenössische Berufsprüfung: Betriebliche Mentorin, betrieblicher Mentor
– Höhere Fachprüfung: Beraterin, Berater im psychosozialen Bereich
– Höhere Fachprüfung für Beratungspersonen mit den Fachrichtungen Supervisorin-Coach/Supervisor-Coach und Organisationsberaterin/Organisationsberater
Die Trägerschaft für die letztgenannte höhere Fachprüfung umfasst die folgenden Verbände: Berufsverband für Coaching, Supervision und Organisationsberatung (BSO), Swiss Coaching Association (SCA), Savoir Social und die Schweizer Kader Organisation (SKO) mit dem Ausbilder-Verband (AVCH). Die Titel sind noch ganz neu, das Projekt zur Schaffung dieser höheren Fachprüfungen für Beratungspersonen wurde im März 2015 abgeschlossen.

Zertifizierungs-Wirrwarr

Viele Weiterbildungsanbieter sind nicht Ausbildungspartner des BSO oder der SCA. Sie haben sich einem anderen Verband und entsprechenden Zertifizierungen angeschlossen oder vergeben lediglich schulinterne Diplome. Internationale Verbände, welche Coaching-Ausbildungen akkreditieren, sind zum Beispiel die European Coaching Association (ECA) oder die International Coach Federation (ICF). Von der ICF zertifiziert ist auch die Firma Solutionsurfers. Diese bietet in der Schweiz unter anderem einen Kurs in lösungsorientiertem Kurzzeitcoaching an, der im Rahmen der SDBB-Weiterbildung von vielen Berufs-, Studien- und Laufbahnberatenden besucht wurde. Über den Kurs hinaus zertifizieren liessen sich laut Daniel Meier, der Solutionsurfers zusammen mit Peter Szabó gegründet hat, bisher sechs von ihnen. Doch nicht genug der Zertifizierungen: Fachpersonen, die ein Hochschulstudium in Psychologie mit dem Master abgeschlossen haben, können sich über die Swiss Society for Coaching Psychology (SSCP) anerkennen lassen und damit den Fachtitel für Coaching-Psychologie der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) erwerben. Die postgraduale Weiterbildung umfasst gemäss FSP sämtliche Anwendungsfelder der psychologischen Begleitung von nicht kranken Menschen:
1. Workplace und Career Coaching: Stellensuche, Arbeitssituation, Karriere
2. Business und Management Coaching: Führung, Organisation, Team
3. Life Coaching: Persönliche Entwicklung, Privatleben, Gesundheit
Die SSCP verlangt für zu akkreditierende Weiterbildungen 400 Stunden thematische Kurse, 350 Stunden Praxiserfahrung und einen Nachweis von mindestens 50 Prozent Coachingtätigkeit der Teilnehmenden während mindestens fünf Jahren. Eine Grundvoraussetzung der SSCP schliesst viele Coaching-Ausbildungen aus: Die Ausbildnerinnen und Ausbildner müssen Psychologie als Hauptfach studiert haben und eine postgraduale Weiterbildung im Fachgebiet ihrer Weiterbildungstätigkeit abgeschlossen haben.

Coaching zur beruflichen Integration

In einem anderen Gebiet tätig sind die Job Coachs: Das Job Coaching, auch job coach placement (Romandie) oder Supported Employment genannt, setzt sich für eine nachhaltige berufliche Integration von Menschen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt ein. Diese Tätigkeit erfordert sowohl Erfahrung im Bereich der beruflichen Integration als auch im jeweiligen Praxisfeld. Ein Beispiel ist die Sozialversicherungsfachfrau, die während der Einarbeitungsphase eine neue Mitarbeiterin umfassend berät, oder ein Ausbildner, der eine Lernende mit ADHS begleitet. Agogis Zürich, die Fachhochschule Luzern, die Fachhochschule St. Gallen mit der Academia Euregio Bodensee AG sowie ARPIH in Yverdon bieten Lehrgänge in Supported Employment an. Job Coachs begleiten gemäss den Richtlinien der Behörden oft mehr als 20 Personen bei der Arbeitssuche und Integration – und zwar unter Kostendruck. Entsprechend intensiv strebt der Verein Supported Employment Schweiz (SES) Qualitätsvorgaben an. Dem 2008 gegründeten Verein haben sich 80 Organisationen und 25 Einzelmitglieder angeschlossen. Hauptziele sind die Verbreitung des Modells Supported Employment, Qualitätssicherung, Vernetzung und Zusammenarbeit.

Hartes Pflaster für Selbstständige

Das gemeinsame aller Coaching-Ausbildungen ist: Sie kosten. Zum Teil ziemlich viel. Für einen MAS muss man um die 35'000 Franken hinblättern. Selbstständige Coachs verdienen um die 180 Franken pro Stunde. Allerdings gehen die meisten lediglich von fünf bis zehn Beratungsinteraktionen pro Kunde aus. Da stellt sich natürlich die Frage der Wirtschaftlichkeit. Verschiedene Auskunftspersonen betonen denn auch, dass ausschliesslich vom Coaching kaum jemand beruflich überleben könne. Es funktioniere nur, wenn Coaching ein Angebot unter anderen sei oder innerhalb einer Arbeitstätigkeit ausgeübt werden könne. Durch die Verbreitung und Professionalisierung des Coachings haben die Unternehmen zudem die Auswahlkriterien verschärft. Sie suchen Coachs mit «langjähriger Erfahrung, mehreren Coaching-Ausbildungen, Expertise im relevanten Thema und Referenzen auf der Führungsebene des potenziellen Klienten», sagt Sabine Dembkowski, die seit zwölf Jahren als internationaler Management-Coach arbeitet. Und was ist für die zukünftigen Kundinnen und Kunden bei der Wahl eines Coachs entscheidend? «Kunden wählen ihre Coachs mehr danach aus, ob sie ihnen sympathisch sind, vertrauensvoll wirken, eine nützliche Beziehung gestalten können. Sie beurteilen sie eher nach der Wirkung, die sie erzeugen, als dass sie nach Zertifikaten und Ausbildungen, die der Coach mitbringt, entscheiden», sagt Daniel Meier von den Solutionsurfers.

Links und Literaturhinweise

www.agogis.ch
www.arpih.ch
www.bp-mentor.ch
www.bso.ch
www.coachfederation.ch
www.fhnw.ch
www.hes-so.ch
www.hslu.ch
www.psychologie.ch
www.s-c-a.ch
www.solutionsurfers.ch
www.sscp.ch
www.supportedemployment-schweiz.ch
www.zhaw.ch
Bildungswegweiser SVEB
Checkliste BSO

Kasten

Wie wähle ich eine Coaching-Ausbildung?

Es ist kein Problem, eine Coaching-Ausbildung zu finden, schon nur in der Schweiz kann man aus über 50 Angeboten auswählen. Es ist aber sehr anspruchsvoll, die individuell passende Coaching-Ausbildung zu finden. Interessentinnen und Interessenten müssen sich den klassischen Kriterien für die Wahl einer Weiterbildung stellen:
– In welchem Berufsfeld bringe ich bereits Ausbildung, Erfahrungen und ein Netzwerk mit? Welche Ausbildung hat in meiner Branche einen guten Ruf?
– Suche ich die Anerkennung durch den Arbeitgeber, einen Berufsverband oder durch eine eidgenössische Berufs- oder Höhere Fachprüfung – oder möchte ich «nur» meinen Horizont erweitern?
– Stimmt das Angebot mit meinen Erwartungen und Möglichkeiten überein? Mögliche Kriterien: Praktischer und theoretischer Hintergrund der Dozierenden, Methoden, Menschenbild, Kosten, inhaltliche und didaktische Konzepte, Referenzen von bisherigen Teilnehmenden, Spezialisierung, Teilanerkennung bisheriger Ausbildungen, die Anerkennung der Ausbildungsinstitution beispielsweise durch das Qualitätssiegel «Eduqua» usw.
Ausführliche Checklisten sind auf den Websites des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung (SVEB) und des Berufsverbandes für Coaching, Supervision und Organisationsberatung (BSO) zu finden.

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