Ausgabe 05 | 2014

ARBEITSMARKT

Nationale arbeitsmarktliche Massnahmen

Mehr unternehmerisches Denken

Arbeitsmarktmassnahmen waren in den letzten Jahren Gegenstand zahlreicher Studien und Diskussionen. Im Juni hat das SECO eine neue Ausrichtung der nationalen Massnahmen angekündigt: Insbesondere sollen Effizienz, Wirtschaftlichkeit und Qualität der vom SECO mitfinanzierten AMM gesteigert werden. Konkrete Pläne für die Umsetzung gibt es aber noch nicht.

Von Grégoire Praz, PANORAMA-Redaktor

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) will die nationalen AMM strategisch neu ausrichten, wie Tony Erb im Juni 2014 an einer Fachtagung in Lausanne ankündigte. Daniela Riva, stellvertretende Leiterin des Ressorts Arbeitsmarktmassnahmen beim SECO, verneint einen direkten Zusammenhang zwischen der strategischen Neuausrichtung und den acht neuen Studien des dritten AMM-Studienprogramms. Die Studien dürften die Stossrichtung aber zumindest beeinflusst haben. Es handle sich um eine rein strategische Entscheidung, die auf eine bessere Wirtschaftlichkeit und Qualität der Massnahmen abziele, so Riva. Damit möchte das SECO die Organisatoren der nationalen AMM zu unternehmerischem Handeln anregen und der einseitigen Finanzierung über den Ausgleichsfonds der Arbeitslosenversicherung (ALV-Fonds) entgegenwirken. «Die derzeitigen AMM sind gut organisiert, qualitativ hochstehend und effizient. Doch einige Anbieter sind relativ stark auf die Mittel aus dem ALV-Fonds angewiesen», erklärt Riva. Der Bedarf an nationalen Massnahmen werde jedes Jahr aufgrund der Rückmeldungen aus den Kantonen festgelegt und kann schwanken. Um ihre Angebote langfristig sicherzustellen, sollten die Organisatoren deshalb auch andere «Kunden» als das SECO akquirieren.

Geteiltes Echo bei den Anbietern

Pascal Desponds ist Projektleiter im Atelier 93 in Saint-Sulpice VD, das AMM für jährlich rund 30 Personen anbietet und hauptsächlich über den ALV-Fonds finanziert wird. Er findet die neue Strategie des SECO sinnvoll: «Wir arbeiten darauf hin, mit unseren Aktivitäten mehr Umsatz zu generieren und uns unternehmerischer auszurichten. Dadurch können wir einerseits Kosten senken und gleichzeitig einen Mehrwert für die Programmteilnehmenden schaffen. Je ähnlicher wir einem rentablen Betrieb werden, desto realitätsnaher werden unsere Arbeitsplätze.» Zu Programmbeginn müssten die Massnahmen allerdings an diejenigen Teilnehmer angepasst werden, die den Anschluss an den Arbeitsmarkt verloren haben. Die Genfer Regionalstelle des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH) bietet fünf Massnahmen an, von denen nur eine direkt über das SECO finanziert wird. Geschäftsleiter Christian Lopez schlägt vor, die Mittelbeschaffung auf die Privatwirtschaft auszuweiten: «Seit Jahren verfolgen wir eine auf Diversifizierung und unternehmerisches Denken ausgerichtete Strategie. Wir möchten diesen Ansatz noch ausbauen und unsere Angebote nicht nur anderen Institutionen, sondern auch privatwirtschaftlichen Unternehmen zur Verfügung stellen.» Anders sieht es Gérard Moulin, Geschäftsleiter der SAH-Regionalstelle Wallis. Er steht dem Abbau der Finanzierung über das SECO skeptisch gegenüber: «Die meisten Massnahmen bieten wir auch für andere Sozialversicherungsträger wie die IV oder die Sozialhilfe an. Wir wirken zwar intensiv auf eine Diversifizierung unserer Einnahmequellen hin und arbeiten unter anderem mit Gewerkschaften und der kantonalen Dienststelle für Bevölkerung und Migration zusammen. Trotzdem sind wir nicht damit einverstanden, dass das SECO die Finanzierungsverantwortung für unsere Massnahmen abgibt.»

Schnellere Anpassungsprozesse

Mit der neuen Strategie will das SECO die nationalen AMM auch den sich wandelnden Bedürfnissen und Zielgruppen anpassen. Daniela Riva sagt: «Die Entwicklung von Angeboten, die auf die Bedürfnisse neuer Zielgruppen ausgerichtet sind, soll mehr Dynamik in die nationalen Massnahmen bringen. Wir hoffen, dass wir den Anforderungen der Versicherten und der regionalen Arbeitsmärkte durch eine immer höhere Qualität und Effizienz noch besser gerecht werden können.» Die neue Strategie soll es dem SECO ermöglichen, neu entstehende Bedürfnisse schnell durch neue Massnahmen abdecken zu können, zum Beispiel wenn die Arbeitslosigkeit stark ansteigen sollte oder wenn sich die Zielgruppen verändern. Christian Lopez vom SAH in Genf findet, dass die nationalen und kantonalen AMM bereits gut auf die spezifischen Zielgruppen ausgerichtet seien. Die Rolle der nationalen Massnahmen müsse aber geklärt werden: «Wo auf der AMM-Landkarte sind sie angesiedelt? An wen richten sie sich? Muss man auf regionaler Ebene denken und planen? Oder sollten die nationalen Massnahmen eher Pilotprojekte sein, die von den Kantonen übernommen werden, wenn sie funktionieren und den Anforderungen entsprechen?» Bisher hat das SECO noch keinen Umsetzungsplan festgelegt. Der strategische Ansatz bringt eine Dynamik, die zur Entwicklung neuer AMM führen könnte. Das Ziel sei es, die Wirksamkeit der Massnahmen stetig zu erhöhen und gleichzeitig die Kreativität und den Unternehmergeist der AMM-Organisatoren anzuregen. «Wir sind noch im Ideenstadium, und es gibt noch keinen konkreten Zeit- oder Massnahmenplan seitens des SECO», meint Daniela Riva abschliessend.

Links und Literaturhinweise

SECO: Arbeitsmarktliche Massnahmen
SECO: Publikationen
Verband Schweizerischer Arbeitsmarktbehörden: Arbeitsmarktmassnahmen

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