Ausgabe 05 | 2014

BERUFSBERATUNG

Berufliche Sozialisation

So gelingt der Start in die Berufslehre

Jugendliche mit einem direkten Einstieg in die Lehre beginnen diese in der Regel sehr gut. Erfolgsfaktoren bei den Jugendlichen sind die Sicherheit in der Berufswahl, Elternunterstützung, Sozialkompetenzen und Konzentrationsfähigkeit. Die Betriebe tragen mit Struktur, Feedback und Beziehung zum Erfolg bei.

Von Markus P. Neuenschwander und Christof Nägele. Sie forschen an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Eine gute Berufs- und Betriebswahl erleichtert den Einstieg in eine Lehre. Dennoch bleibt dieser Übergang ein grosser und wichtiger Schritt für die Jugendlichen: Sie müssen lernen, sich in einer gänzlich neuen Situation zurechtzufinden. Nicht allen gelingt dies, sodass es zu Ausbildungswechseln und -abbrüchen kommt. In unserem Forschungsprojekt interessierte die Frage, wie sich Jugendliche in den ersten Monaten ihrer Lehre im Betrieb einleben und anpassen. Wir haben untersucht, welchen Einfluss die abgebende Schule, die Eltern und die Jugendlichen auf die berufliche Sozialisation haben und wie die Betriebe diesen Prozess beeinflussen. Befragt wurden 550 Jugendliche, die direkt nach Ende der obligatorischen Schulzeit eine Lehre absolvierten. Die Befragung erfolgte mehrmals: am Ende des 9. Schuljahrs und jeden Monat während dem ersten Halbjahr der Lehre. Zusätzlich haben wir vor Lehrbeginn und sechs Monate nach Lehrbeginn auch Lehrer/innen, Eltern und Berufsbildner/innen befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass den meisten Jugendlichen der Einstieg in die Lehre gut gelingt. Der Berufswahlprozess führte in der Regel dazu, dass die Jugendlichen eine Lehre beginnen, die zu ihren Fähigkeiten und Interessen passt. Eine hohe Passung von Person und Beruf führt zu einer höheren Zufriedenheit, zu einer höheren Produktivität und zu einem geringeren Risiko, den Beruf wechseln zu wollen oder arbeitslos zu werden. Die antizipierte Passungswahrnehmung der Jugendlichen im 9. Schuljahr bestimmt entscheidend die Passung später in der Lehre. Zudem verändert sich die durchschnittliche Passungs-wahrnehmung in den ersten sechs Monaten der Lehre kaum. Die Jugendlichen sind bei Lehreintritt mit der Lehre im Durchschnitt zufrieden. Die Zufriedenheit sinkt in den ersten sechs Monaten der beruflichen Grundbildung, da die Jugendlichen sich an die neue Situation gewöhnen müssen und die anfängliche Euphorie vorüber ist. Die geringere Stabilität der Zufriedenheit deutet aber auch darauf hin, dass diese im Unterschied zur Passungswahrnehmung stärker von Ereignissen im Lehrbetrieb beeinflusst wird.

Überfachliche Kompetenzen sind entscheidend

Die Entwicklung in den ersten sechs Monaten der Berufslehre verläuft nicht für alle Jugendlichen gleich positiv. Der Einstieg in die Lehre gelingt jenen Schülern besser, die
– vom gewählten Beruf sehr überzeugt sind
– gute Beziehungen zu ihren Eltern haben
– sich gut auf ihre Aufgabe konzentrieren können
– neue Beziehungen knüpfen und aufrecht erhalten können.
Dies sind überfachliche Kompetenzen, die in Schule und Familie aufgebaut werden. Jugendlichen, die in der Schule bereits sozial erfolgreich waren, gelingt auch die berufliche Sozialisation besser. Eine gute soziale Integration in den Lehrbetrieb und eine gute Aufgabenbewältigung fördern die Zufriedenheit, die Passung, das Commitment und die Absicht, die Lehre abschliessen zu wollen. Die Aufgabenbewältigung ist höher, wenn die Lernenden im Betrieb regelmässig und differenziert Feedback zu ihrer Arbeit erhalten. Nicht alle Lernenden erhalten jedoch gemäss ihrer Aussage regelmässig Feedback. Lehrbetriebe können versuchen, die berufliche Sozialisation von Neueintretenden zu unterstützen. Frühere Forschung belegte die Bedeutung dieser drei Faktoren:
– eine gute Strukturierung der Ausbildung in der Startphase
– regelmässiges, differenziertes Feedback
– eine gute Beziehung zwischen Ausbildner/in und Lernenden.
Unsere Ergebnisse zeigen, dass diese Merkmale sich vor allem bei Lernenden günstig auswirken, die fähig sind, sich auf eine Aufgabe zu fokussieren und sich nicht leicht ablenken lassen. Wenn Jugendliche entweder ablenkbar sind oder aber mit ungünstigen betrieblichen Sozialisationstaktiken konfrontiert werden, verschlechtern sich die soziale Integration und die berufliche Zufriedenheit nach dem Eintritt in die Berufslehre deutlich. Unsere Ergebnisse belegen, dass es die gemeinsame Anstrengung der Lernenden und der Betriebe braucht und dass die Selbstregulation der Jugendlichen den erfolgreichen Sozialisationsprozess wesentlich beeinflusst. Eine erfolgreiche Berufswahl, überfachliche Kompetenzen der Jugendlichen und gute Einführungsstrategien der Betriebe tragen zu einer erfolgreichen beruflichen Sozialisation bei.

Links und Literaturhinweise

Neuenschwander, M. P., Nägele, Ch. (2014): Sozialisation beim Übergang in den Lehrbetrieb (SoLe), Valorisierungsbericht. Solothurn, PH FHNW, Zentrum Lernen und Sozialisation.

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