Ausgabe 05 | 2014

Fokus "Kompetenzen"

Kompetenz – was ist das?

Eine Einführung

Von Stefan Krucker, PANORAMA-Redaktor

(Bild: FH Westschweiz)

(Bild: FH Westschweiz)

Die Antwort auf diese Frage ist nicht so klar. Da hilft zunächst einmal ein Blick auf die Duden-Webseite, wo Kompetenz umschrieben wird mit: «Sachverstand; Fähigkeiten». Eine in pädagogischpsychologischen Fachkreisen weit verbreitete Definition ist jene von Franz Emanuel Weinert (1930–2001): «Kompetenzen sind die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.» Kompetenz ist also mehr oder weniger ein Synonym für die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Dabei scheint es wichtig zu sein, dass eine Kompetenz in verschiedenen Situationen, also nicht nur in einem ganz bestimmten, schon erlebten Fall, angewendet werden kann. Das unterscheidet Kompetenz von Wissen. Wissen, Facts, Inhalte: Genau das haben Schülerinnen und Schüler noch in den 1980er-Jahren vorwiegend gelernt. Im Fach Französisch etwa: Schritt für Schritt aufeinander aufbauende Häppchen Grammatik, garniert mit einer halben Seite Wortschatz. Heute hingegen lernen die Kinder vor allem, Französisch zu verstehen und zu sprechen, Lernstrategien anzuwenden, in andere Kulturen einzutauchen. Mit solchem sind nicht alle einverstanden. Didaktikprofessor Jochen Krautz sagte gegenüber der NZZ: «Die Kompetenzorientierung vernachlässigt Fachinhalte und würdigt sie zu reinen Trainingsobjekten herab. Ob Lesekompetenz anhand von Goethes Faust oder der Handy-Gebrauchsanweisung erlangt wird, ist dem kompetenzorientierten System egal. Damit gehen Bildungsinhalte schlicht verloren.» Pädagogikprofessor Urs Moser sieht das weniger aufgeregt: Kompetenzorientierung heisst seiner Meinung nach schlicht und einfach, dass Wissen in verschiedenen Kontexten angewendet werden soll. Mit kompetenzorientierten Lehrplänen akzentuiert sich auch das Grundproblem der Leistungsbeurteilung. Während in vielen höheren Aus- und Weiterbildungen bereits heute das ausgestellte Zertifikat lediglich die Teilnahme und die aktive (und einigermassen nachvollziehbare) Beschäftigung mit bestimmten Themen bestätigt, müssen die Volks-, Berufs- und Mittelschulen Noten vergeben und Übertrittsentscheide fällen. Das ging zu Zeiten des Paukens von Wissen einfacher. Einige Pädagogen sind sogar der Meinung, dass Kompetenzorientierung und Leistungsmessung nicht gleichzeitig praktiziert werden können. Schliesslich scheint es so zu sein, dass die Kompetenzorientierung desto umstrittener ist, je jünger die Lernenden sind. Wichtige Lernerfahrungen kämen zu kurz, wenn sich der Unterricht in der Volksschule auf ganz bestimmte Kompetenzen konzentrieren würde, hört man. Ab der Sekundarstufe II hingegen wird die Zweckgebundenheit des Lernens weniger infrage gestellt. Je älter die Lernenden, desto ungefragter soll Lernen vor allem eins: die Arbeitsmarktfähigkeit erhöhen.

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