Ausgabe 05 | 2013

BERUFSBILDUNG

Lehrabbruch

Gut vernetzt zurück in die Arbeitswelt

Ein Lehrabbruch stellt junge Menschen auf die Probe. Sie mobilisieren in diesem Übergangsprozess ihre Netzwerke, um wieder zurück in den Arbeitsmarkt zu finden.

Von Barbara Duc, Senior Researcher, und Nadia Lamamra, Senior Researcher und Leiterin Forschungsfeld «Integrations- und Ausschlussprozesse» am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung EHB IFFP IUFFP.

10 000 Lehrabbrecher pro Jahr: Wiedereinstieg gelingt oft dank dem intakten sozialen Umfeld. (Bild: EHB)

10 000 Lehrabbrecher pro Jahr: Wiedereinstieg gelingt oft dank dem intakten sozialen Umfeld. (Bild: EHB)

Im Rahmen einer qualitativen Längsschnittstudie befragte das EHB 46 Jugendliche, die ihre Lehre abgebrochen hatten, um herauszufinden, welche berufliche Laufbahn die jungen Menschen nach der abgebrochenen Ausbildung einschlugen. Vier Jahre nach dem Lehrabbruch befanden sich die meisten von ihnen noch in der Ausbildung. Ihre Si-tuation lässt sich am besten erfassen, wenn man die Übergangsphase als zusätzliche Schwelle versteht.

Eine weitere Schwelle überwinden

Auffallend war, dass bei den meisten befragten Jugendlichen zwischen dem Lehrabbruch und dem Beginn einer neuen Ausbildung eine gewisse Zeit verstrich (vgl. PANORAMA 1/2011). In Anlehnung an die 1. Schwelle, die den Übergang von der obligatorischen Schule zur Sekundarstufe II bezeichnet, wurde dieser weitere Übergang, den Jugendliche nach einem Lehrabbruch bewältigen müssen, «Schwelle 1,5» (S 1,5) genannt und in der Studie erstmals gesondert betrachtet. Der Übergang an der S 1,5 zog sich bei einigen der befragten Jugendlichen über sechs Monate bis zu zweieinhalb Jahren hin und dauerte damit relativ lange. In dieser Phase beschäftigten sie sich hauptsächlich mit der Suche nach einer neuen Ausbildung, beanspruchten Brückenangebote, absolvierten Praktika und/oder übernahmen kleine Jobs. Auch Zeiträume, in denen die Jugendlichen arbeitslos waren, prägten die Übergangszeit. Einige Jugendliche erlebten aber auch Phasen der Untätigkeit. Bei den einen waren diese mit einer Dauer von einem Monat verhältnismässig kurz, bei anderen mit anderthalb Jahren eher lang. Dass der Weg in eine neue Ausbildung nicht frei von Hürden ist, zeigen die Unterbrüche in den Laufbahnen der jungen Lehrabbrecher – Brüche, die auch die körperliche und geistige Gesundheit der Betroffenen beeinträchtigen können. Aus den Aussagen der befragten Jugendlichen geht hervor, dass ein Lehrabbruch mit einem hohen Leidensdruck verbunden ist (vgl. PANORAMA 6/2008), gaben doch mehrere Personen an, dass sie unter Erschöpfung oder Depressionen litten oder gar Selbstmordversuche unternahmen. Dieser Leidensdruck kann eine Folge negativer Erlebnisse bei der 1. Schwelle oder schlechter Erfahrungen mit der Berufsbildung sein oder aus dem Lehrabbruch an sich resultieren. Auch die Übergangszeit selbst brachte leidvolle Situationen mit sich. Viele befragte Jugendliche waren mit den ständig wechselnden Tätigkeiten oder mit den Mehrfachbelastungen nach einem Lehrabbruch überfordert, gesundheitliche Probleme wie Lethargie und Depressionen führten die meisten aber auf die Phasen der Untätigkeit zurück.

An den Schwierigkeiten wachsen

Die nach einem Lehrabbruch eingeschlagenen Laufbahnen zeigen, dass der Übergang von einer Bildungsstufe zur nächsten nicht so einfach ist. Nicht jeder Lehrabbruch führt zu einem Knick in der Laufbahn. Trotzdem schwächt er die Jugendlichen und erschwert den Übertritt von der Schule in die Arbeitswelt. Einige halten die Hürden für unüberwindbar, dennoch lassen die Aussagen der befragten Jugendlichen darauf schliessen, dass die Übergangszeit durchaus auch positive Seiten hat. So nutzten einige diese Phase, um ihre Berufswahl zu verfeinern, an Reife, Selbstvertrauen und Selbstsicherheit zu gewinnen und münzten so die eigentlich negative Erfahrung in einen Schlüsselmoment der beruflichen Laufbahn um. Viele Jugendliche sehen den Lehrabbruch und die darauffolgende Zeit auch als Prüfung, als Möglichkeit, sich mit der Arbeitswelt, ihren Zwängen und ihrer Unerbittlichkeit vertraut zu machen. Haben sie diese Prüfung überstanden, machen sich Erleichterung und Stolz breit. Ob den jungen Menschen der Eintritt in die Arbeitswelt gelingt oder nicht, hängt davon ab, wie sie diese Prüfung meistern. Von grosser Wichtigkeit sind dabei die Netzwerke, die die Jugendlichen mobilisieren können, um eine neue Ausbildung zu beginnen, eine neue Lehrstelle zu finden oder wieder Fuss zu fassen.

Immer besser vernetzt

Viele Jugendliche sind sich der Bedeutung der Netzwerke bewusst und wissen, wie sie diese in den verschiedenen Übergangsphasen nutzen können. Wir unterscheiden zwischen drei Netzwerken – dem familiären Netzwerk, (Eltern, erweiterte Familie und Freunde), dem beruflichen Netzwerk (Arbeitgeber, Lehraufsichtskommission, Lehrpersonen, Berufsbildner, Arbeitskolleginnen und Schulkollegen) und dem institutionellen Netzwerk (Brückenangebote, Arbeitslosenversicherung und Sozialarbeiter). Unsere Untersuchung zeigt, dass die drei Netzwerke nebeneinander existieren, untereinander aber nur schwach oder gar nicht vernetzt sind. Im Zentrum steht die Familie. Oft ist das familiäre Umfeld das einzige Netzwerk, auf das die Jugendlichen zurückgreifen. Das ist nicht unproblematisch, denn nicht alle Jugendlichen finden dort Hilfe, z. B. wenn die Eltern erst kürzlich in die Schweiz eingewandert oder schlecht integriert sind. Greifen die Jugendlichen nach dem Austritt aus der obligatorischen Schule noch vorwiegend auf das familiäre Umfeld zurück, gelingt es ihnen später immer besser, auch andere Netzwerke zu mobilisieren. In der Berufsbildung haben sie gelernt, sich zu vernetzen und ein erstes berufliches Netzwerk aufgebaut. Diese Erfahrung hilft ihnen, das institutionelle Netzwerk besser zu nutzen. Somit hat ein Lehrabbruch auch eine unerwartet positive Wirkung, ermöglicht er den betroffenen Jugendlichen doch, ihr Netzwerk zu erweitern.

Handlungsmöglichkeiten

Die gewonnenen Erkenntnisse können Aufschluss darüber geben, wie Jugendliche bei einem Lehrabbruch und in der Zeit danach begleitet werden können. Zuerst einmal gilt es, auf die Risiken eines Lehrabbruchs hinzuweisen und die Betroffenen während des Übergangs und in der Zeit danach zu unterstützen. Dabei kommt auch den Berufsbildungsakteuren eine wichtige Rolle zu: Sie sollten den Betroffenen klar machen, dass ein Lehrabbruch keine Katastrophe ist und nicht zwingend einem Scheitern gleichkommt. Auch Kampagnen und Weiterbildungen für Lehrbetriebe, die Erfahrungen mit Lehrabbrechern gemacht haben, könnten zur Entstigmatisierung des Lehrabbruchs beitragen und verhindern, dass diese Betriebe künftig keine Lernenden mehr beschäftigen. Im Rahmen solcher Kampagnen könnten die Lehrbetriebe auch ermutigt werden, jungen Lehrabbrechern eine Chance zu geben. Auch auf Stufe Netzwerke gibt es Handlungsbedarf. So darf beispielsweise das familiäre Netzwerk nicht unterschätzt werden, denn es bietet den Jugendlichen moralische Unterstützung, motiviert sie und eröffnet ihnen Zugang zu Praktika und Lehrstellen. Parallel dazu gilt es, Jugendliche zu unterstützen, die auf kein solches Netzwerk zurückgreifen können. Ebenso wenig dürfen die Unternehmensnetzwerke unterschätzt werden. Dank ihrer Verankerung in der Wirtschaft bieten Lehrbetriebe ihren Lernenden ein umfassendes berufliches Netzwerk, das sie bei der Suche nach einer neuen Lehrstelle oder einer Erstanstellung unterstützen kann. Und nicht zuletzt gilt es, die institutionellen Unterstützungsangebote besser bekannt und leichter zugänglich zu machen. Die Aussagen der befragten Jugendlichen weisen nämlich darauf hin, dass diese Angebote nicht bekannt genug sind. Zudem muss die Koordination zwischen den Institutionen ebenso verstärkt werden wie die Zusammenarbeit zwischen den beruflichen und den institutionellen Netzwerken. Weiteren Handlungsbedarf gibt es in Bezug auf die Vorstellung von einer «idealen» Laufbahn: Die nach dem Lehrabbruch eingeschlagenen Laufbahnen widerspiegeln den allgemeinen Trend hin zu längeren und komplexeren Übergängen. Vom Ideal der linear verlaufenden Laufbahn «Schule – Ausbildung – Arbeitsmarkt» sind wir heute weit entfernt. Trotzdem haftet dieses Ideal noch in den Köpfen der Berufsbildungsakteure und der Eltern von Jugendlichen, die vor einem Übergang stehen, und beeinflusst deren Wahrnehmung: Eine Laufbahn, die vom Ideal abweicht, gilt als gescheitert. Umso wichtiger ist es, allen Akteuren – Berufsfachschulen, Lehrbetrieben, Jugendlichen und ihren Angehörigen – die veränderten Umstände bewusst zu machen.

Links und Literaturhinweise

Duc, B., Lamamra, N., Jordan, M. (2012): Die Laufbahn von Jugendlichen nach einem Lehrabbruch. Qualitative Längsschnittanalyse. EHB.

Kasten

Broschüre «Lehrabbruch – was nun?»

Von Barbara Duc und Nadia Lamamra

Die Studie «Die Laufbahn von Jugendlichen nach einem Lehrabbruch» ist ein Folgeprojekt des Projekts «Lehrabbruch». Das EHB gibt nun eine Broschüre heraus, welche die wichtigsten Ergebnisse der beiden Studien zusammenfasst. Die Publikation richtet sich an Berufsbildungsakteure sowie an Lernende und ihre Eltern und soll einerseits auf die Konsequenzen eines Lehrabbruchs für die weitere berufliche Laufbahn hinweisen, andererseits die Folgen eines Lehrabbruchs aber auch relativieren. Bestellung via marketing@ehb-schweiz.ch

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