Ausgabe 02 | 2010

BERUFSBERATUNG

Übergänge

Erste Arbeitswelt-Erfahrungen bereits mit 13

Jugendliche können von der Möglichkeit profitieren, bereits ab dem siebten Schuljahr über angepasste Praktika regelmässig zu arbeiten und dabei die Berufswelt kennen zu lernen. Im Projekt LIFT wurden neue Ansätze zur Förderung von schulisch und sozial Schwachen erprobt.

Von Lars Balzer und Werner Dick. Lars Balzer ist Leiter der Fachstelle Evaluation am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB), Werner Dick arbeitet als Projektleiter LIFT beim Netzwerk für sozial verantwortliche Wirtschaft (NSW/RSE).

Der Übergang von der obligatorischen Schule zur Sekundarstufe II wird zunehmend als problematisch empfunden. Dies erfordert eine Vernetzung aller Beteiligten und aller Projekte rund um die Nahtstelle. Gemäss Lehrstellenbarometer 2009 des BBT hatten von 147000 Jugendlichen in der Schweiz, die im April 2009 vor der Ausbildungswahl standen, bis zum 31. August 2009 94 Prozent eine zumindest vorübergehende Lösung gefunden. Mit 75000 Jugendlichen trat knapp die Hälfte in die berufliche Grundbildung ein. Rund 9000 Personen, 2000 mehr als 2008, wussten Ende August 2009 hingegen nicht, wie es weitergehen soll.

Das auf drei Jahre (2007–2009) angelegte Pilotprojekt LIFT (Leistungsfähig durch individuelle Förderung und praktische Tätigkeit) hat neue Ansätze zur Förderung schulisch und sozial schwacher Jugendlicher erprobt. In Zusammenarbeit mit Schulen, Schulbehörden, Eltern, Berufswahlfachpersonen und der Wirtschaft wurden 78 Schüler und Schülerinnen an vier Pilotschulen in den Kantonen Zürich und Bern bei Beginn der Oberstufe erfasst und bis zum Übertritt nach der 9. Klasse begleitet. Die Koordination des Gesamtprojekts oblag dem Netzwerk für sozial verantwortliche Wirtschaft, die Evaluation wurde vom Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung durchgeführt.

Viele gute Anschlusslösungen

Die Evaluation zeigt, dass über 75 Prozent der LIFT-Teilnehmer eine Anschlusslösung gefunden haben, die über ein Brückenangebot hinausgeht. Über 50 Prozent fanden eine Lehre (EFZ oder EBA), die auch drei Monate nach Antritt Bestand hatte (Grafik S. 23).

Detailanalysen zeigen kantonale Unterschiede: In Bern ist bei LIFT-Schülern das 10. Schuljahr mit von der Lehrkraft definierten besonderen Perspektiven zu über 50 Prozent die erzielte Anschlusslösung, in Zürich wählten weniger als 10 Prozent diese Lösung. Eine drei- oder vierjährige Lehre wählten in Bern knapp 40 Prozent, in Zürich knapp 50 Prozent.

Neben einem guten Übertritt war es ein Ziel, positiv auf die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen einzuwirken. Innerhalb der Evaluation wurde diese positive Entwicklung in verschiedenen Facetten der Sozial-, Methodenund Personalkompetenzen, im Selbstwert und in verschiedenen Aspekten der Motivation nachgewiesen.

In diesem Alter wissen Jugendliche oft noch wenig über die Arbeitswelt. Bildungsferne Schüler erhalten von ihrer Familie oft wenig Unterstützung. Am Wochenarbeitsplatz ging ihnen manches Licht auf. Sie erlebten eine andere Wirklichkeit und konnten in einem noch geschützten Rahmen erste Praxiserfahrungen sammeln. Ihre praktische Intelligenz erhielt eine Chance. Sie bekamen Bestätigung. Das schaffte Motivation.

LIFT kennt Beispiele, bei denen die Jugendlichen bei den WAP als völlig andere Menschen beschrieben wurden, als dies die Erfahrungen in der Schule vermuten liess, und bei denen die WAP-Erfahrungen positiv auf die Leistungen in der Schule zurückstrahlten. Es gab aber auch Teilnehmer, die in den WAP scheiterten. Ferner lernten die Vertreter der Betriebe Jugendliche von einer ganz anderen Seite kennen und konnten erfahren, dass auch vermeintlich Schwache ihre Qualitäten haben.

Herausforderungen

Ein weiterer zentraler Punkt des LIFTKonzepts waren die Lernmodule, in denen Lebenskompetenzen geschult wurden. Denn in den Praxisteilen (und in LIFT) erfolgreich zu bestehen setzte Einsatz, altersadäquates Verhalten sowie Anstand und Respekt voraus. Die Module gut zu organisieren war eine knifflige Aufgabe. Es hat sich gezeigt, dass Schulsozialarbeiter als modulverantwortliche Personen ebenso denkbar sind wie externe, interne oder gemischte Teams. Auch die Taktung der Module ist zu diskutieren. Bewährt hat sich, den Modulunterricht zu Beginn des Projekts zu intensivieren und ihn gegen Ende zu gunsten individueller Begleitung zu reduzieren.

Die Aufgabe, passende WAP zu akquirieren, war nicht einfach. Persönlicher Kontakt, «Klinkenputzen» und wenn möglich eine regionale Verwurzelung sind zentrale Erfolgskriterien. Darüber hinaus war im weiteren Verlauf des Projekts auch wichtig, die KMU zu betreuen. Sie haben wenig Erfahrung im Umgang mit potenziellen Risikogruppen und benötigen Unterstützung. Manchmal wurden Richtlinien und Erfahrungswerte gewünscht, und manchmal ging es auch nur darum, einen Ansprechpartner zu haben. Darüber hinaus spielte eine gute Koordination zwischen lokalen KMU, Schulleitung, Lehrerschaft und den bereits existierenden schulischen Angeboten eine Schlüsselrolle. Diesem Umstand gilt es künftig noch mehr Beachtung zu schenken.

Keine einheitliche Erfahrung besteht bezüglich der Frage, wer als LIFTKandidat oder -Kandidatin infrage kommt. Vorschläge zur Selektion reichten von der Auswahl besonders gefährdeter Schüler hin zur Wahl gesamter Klassen auf niedrigerem Sekundarniveau bis hin zu der Idee, die mit LIFT verbundene Praxiserfahrung zur Pflichterfahrung für alle zu machen. Sicher hingegen ist, dass die Anforderungen der KMU an die Interessenten für WAP nicht im kognitiven, sondern eher im sozialmotivationalen Bereich liegen. Sie sollen pünktlich, pflichtbewusst, ehrlich, interessiert und motiviert sein. Der Rest komme dann schon.

Eine weitere Knacknuss bleibt der Einbezug der Eltern, vor allem bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Die Sensibilisierung der Eltern aus andern Kulturkreisen ist oft entscheidend für die beruflichen Perspektiven. Die Eltern müssen bei künftigen LIFT-Projekten stärker einbezogen werden. Ebenfalls nicht auf Anhieb einfach ist die Finanzierung auf lokaler Ebene. Obwohl spätere Brückenangebote und allfällige Sozialprogramme pro Jugendlichen und Jahr schnell mehr als das Zehnfache der LIFT-Kosten betragen würden, ist die Finanzierung des Präventionsprogramms LIFT ab der 7. Klasse eine Herausforderung.

Links und Literaturhinweise

Informationen zum Projekt LIFT: NSW-RSE
Balzer, L. (2010): Evaluation Jugendprojekt LIFT (unveröffentlichter Abschlussbericht). Zollikofen: Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB).

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Die vier Kernelemente von LIFT

- Frühzeitig individuell erfassen: LIFT konzentrierte sich auf Schüler und Schülerinnen, die aufgrund ihrer schulischen und sozialen Situation überdurchschnittlich Mühe haben könnten, nach der obligatorischen Schulzeit eine valable Anschlusslösung in der Berufswelt zu finden. Sie wurden ab der 7. Klasse erfasst und im Projekt für die Arbeitswelt sensibilisiert, motiviert und qualifiziert.

- Wöchentlich praktische Einsätze: An Wochenarbeitsplätzen (WAP) in kleinen und mittleren Unternehmen konnten die Jugendlichen erste Erfahrungen in der Arbeitswelt sammeln, sich regelmässig bewähren und ein Taschengeld verdienen. Sie arbeiteten drei bis fünf Stunden pro Woche und erledigten dabei einfache, leichte Arbeiten. Die WAP wurden in ortsansässigen Betrieben gesucht.

- Gezielt fördern und fordern: In Modulkursen wurden soziale, methodische und personale Kompetenzen gefördert. Die Jugendlichen wurden in Gruppen auf die WAP vorbereitet und begleitet. Während der Dauer ihrer Teilnahme wurden ihre Erfahrungen aufgearbeitet, sie wurden beraten, und die Selbst- und Sozialkompetenz wurde gezielt gestärkt. Zudem wurden sie in der Phase der Lehrstellensuche individuell unterstützt. Die Modulkurse fanden wöchentlich im Schulhaus statt.

- Professionelle Vorbereitung und Begleitung: Das Projekt wurde in enger Kooperation mit Schule und Betrieben durchgeführt. In ergänzenden Trainings sowie mit Gruppenund in Einzelcoachings wurden laufend anstehende Herausforderungen angegangen.

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Fortsetzung als LIFTup

Anfragen aus verschiedenen Regionen, positive Feedbacks und Evaluationsergebnisse führten zum Entscheid, das Folgeprojekt LIFTup zu starten. Für Interessierte in der ganzen Schweiz führt das Netzwerk für sozial verantwortliche Wirtschaft (NSW/RSE) ab 2010 ein Kompetenzzentrum als Informations-, Beratungs-, Vernetzungs- und Dokumentationsstelle. LIFTup unterstützt lokale Träger und die lokale Durchführung: Entscheidend ist die Bil- dung lokal verankerter Trägerschaften, die die Durchführung personell und finanziell nachhaltig sichern. LIFTup hilft durch die Vermittlung von Knowhow, Beratung und mit Unterrichtsmaterialien.

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