Ausgabe 01 | 2010

Fokus "Berufsberatung – Lebensberatung"

Service public

Berufsberatung ist immer Beziehungsarbeit

Menschen, die in der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung Unterstützung suchen, 
fragen immer öfter nach dem Sinn ihrer Arbeit oder sie leiden unter Stress. Je stärker 
solche Aspekte in die Beratung einfliessen, desto mehr stellt sich die grundsätzliche Frage, wie weit die damit verbundenen Beratungsleistungen zum Aufgabenspektrum der 
öffentlichen Angebote gehören.

Daniel Fleischmann

Die Belastung am Arbeitsplatz hat in den letzten Jahren zugenommen. 41 Prozent der Erwerbstätigen erleben ihren Beruf als psychisch und nervlich belastend, wie die Gesundheitsbefragung des Seco aus dem Jahr 2007 («Arbeit und Gesundheit», 2009) zeigt. Stress, Zeitdruck, Spannungen am Arbeitsplatz und Nervosität sind die Gründe dafür. Zudem hat die Unterstützung bei der Arbeit abgenommen.

Martina beispielsweise hat vor drei Jahren eine Ausbildung als Kauffrau abgeschlossen und danach verschiedene Jobs verrichtet. Richtig glücklich ist sie dabei nie geworden: «Im Büro will ich nicht mehr arbeiten», sagt sie, «aber was es sonst sein könnte, weiss ich nicht.» Sie hat eine private Berufsberaterin um Hilfe gebeten und begonnen, Alternativen zu suchen. Doch bis jetzt tauchten stets Hindernisse auf. Die Beraterin, Marianne Helbling, entdeckte rasch ein Muster in den Hindernissen. Denn Martina sagte immer wieder, dass sie sich etwas nicht zutraue. «Es hatte keinen Sinn, weiter nach beruflichen Alternativen zu suchen, bevor wir nicht über dieses Lebensthema, diese Mutlosigkeit sprachen», so Helbling.

Umfassende Beratung

Helbling ist seit 30 Jahren als Berufsberaterin tätig, 20 Jahre davon in öffentlichen Stellen, heute in selbstständiger Position. In ihren Beratungen erlebt sie oft Situationen wie jene mit Martina.

Die wenigsten der Ratsuchenden hätten ein rein berufliches Anliegen. «Viel öfter sind sie auf diffuse Art erschöpft und glauben, nicht mithalten zu können, oder sie haben ganz einfach die Freude an ihrer Arbeit verloren», sagt Helbling. «Sie haben Konflikte mit Vorgesetzten, die vielleicht ein Licht auf ihren eigenen Umgang mit ‹Autoritäten› werfen. Sie haben Selbstwertprobleme oder den Wunsch, etwas ganz anderes zu machen.» Berufsberatung werde da fast immer zur Lebensberatung – und dies in zunehmendem Masse.

Übergangskompetenz der Ratsuchenden stärken

In welchem Umfang die staatlichen Berufsberatungsstellen ebenfalls eine Zunahme von «Lebensthemen» erleben, ist nicht bekannt. Die Tätigkeitsstatistik der Schweizerischen Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatung (KBSB) erfasst Einzelberatungen nicht nach Themen, und einschlägige Studien sind dem Verfasser nicht bekannt. Nicht zu bezweifeln ist aber, dass das (allerdings nicht verbriefte) «Selbstverständnis der Schweizer Berufsberatung» Lebensthemen als Teil des Beratungsgeschehens sieht. Dies fusst auf der von Ludger Busshoff vertretenen Sicht, dass die Berufsberatung darauf hinarbeiten müsse, die Übergangskompetenz der Ratsuchenden zu stärken. Damit ist etwa die «Zuversicht, die Übergangsprobleme positiv bewältigen zu können» gemeint oder «seine gefühlsmässige Betroffenheit klären und mit anderen darüber sprechen» zu können. Will die Berufsberatung tatsächlich solche Kompetenzen stärken, muss sie sich mit Lebensthemen auseinandersetzen.

Berater mit weniger Freiraum

Roland Kunz, seit 21 Jahren im BIZ Pfäffikon tätig, erlebt immer wieder Ratsuchende, die die Last ihrer Probleme ratlos mache, ja zum Weinen bringe. «Solche Situationen gab es schon früher, aber sie haben zugenommen», sagt Kunz. Immer öfter berate er Banker, die Sinnfragen stellen, oder auch Wiedereinsteigerinnen, die ihr Potenzial unterschätzen.

Diesen Lebensthemen könne er durchaus Platz geben, so Kunz. «Narra-tive Verfahren» etwa erlaubten, Wut, Angst oder Ratlosigkeit zu thematisieren. Aber eine vertiefte Auseinandersetzung sei nur in Ausnahmen möglich. «Unsere Agenden sind eng geworden. Wir können vereinbarte Zeitfenster von einer oder eineinhalb Stunden pro Sitzung kaum mehr ausdehnen, da schon die nächste Person wartet.» Und die Statistik zeigt: Beratungen werden tendenziell immer kürzer: 2001 dauerte eine Beratung im Durchschnitt 2,2 Sitzungen, 2008 nur noch 1,96 Sitzungen. Kunz, der auch internationale Kontakte pflegt, bedauert diese politisch herbeigeführte Entwicklung. «Die Schweizer Berufsberatung hat im Ausland ein hohes Ansehen, gerade weil wir ganzheitlich arbeiten können. Diesem hohen Gut müssen wir Sorge tragen.»

Zürcher Strategiediskussion

Welche Dienstleistungen der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung als «Service public» gelten sollen, wird im Kanton Zürich diskutiert. Ausgangspunkt dieser Diskussion war unter anderem der Bedarf der Ratsuchenden nach Unterstützung beim Ausstieg aus dem Beruf und der Wunsch, in den BIZ Seminare zur Vorbereitung der Pensionierung anzubieten. «Wir standen vor der Frage, ob wir solche Kurse im ganzen Kanton Zürich anbieten sollten – und gelangten zur Einsicht, dass wir zuerst grundsätzlich definieren müssen, welche Angebote zum ‹Service public› gehören», sagt Isabelle Zuppiger, Leiterin Fachbereich Berufsberatung im Amt für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich.

Zuppiger betont, dass solche Überlegungen keinen Sparzielen dienen: «Für mich ist unbestritten, dass die Berufsberatung überall dort Hilfe anbieten muss, wo es im Sinne von Busshoff gilt, berufliche Übergänge zu meistern.» Das schliesse die Unterstützung von Wiedereinsteigerinnen, die nach der Familienphase den Einstieg in den Beruf suchen, ebenso ein wie die Klärung der Situation von Personen, die auf diffuse Art unzufrieden mit ihrer derzeitigen Stelle sind.

Interview

«Und dann merkt man, dass der Schuh woanders drückt

Interview: Daniel Fleischmann

Susanna Langenbach: «Oft stehen private Gründe hinter dem Wunsch nach Veränderung.»

PANORAMA: Frau Langenbach, Sie arbeiten als Berufsberaterin in einer öffentlichen Beratungsstelle und auf privater Basis als personzentrierte Prozessbegleiterin. Wie unterscheiden sich diese beiden Tätigkeiten?
Susanna Langenbach: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Eine Lehrerin kam zu mir mit dem Ziel, eine geeignete Weiterbildung zu finden. In der Beratung zeigte sich, dass disziplinarische Probleme mit ihren Klassen sie sehr beschäftigten. Wir verabredeten ein Unterrichtscoaching. In dessen Verlauf entschied sie sich dann, ihre persönliche Lebensgeschichte aufzuarbeiten. In der allgemeinen Berufsberatung hätte ich sie an andere Fachpersonen verwiesen. In eigener Praxis kann ich – dank meiner Zusatzausbildung – auch diese Form der Begleitung anbieten.

Fühlen Sie sich dadurch in der öffentlichen Stelle nicht dauernd unwohl?
Nein, auch hier kann ich die Ratsuchenden an einen Punkt begleiten, wo die Sicht klarer und Entscheide möglich werden. Privat wie öffentlich habe ich es oft mit Personen zu tun, die sich aufgrund ihrer Situation beruflich verändern wollen und im Verlauf der Beratung merken, dass der Schuh eigentlich woanders drückt.

Wie arbeiten Sie in solchen Situationen?
Gemeinsam suchen wir Ansatzpunkte für Lösungen. Ich fühle mich dabei wie eine Detektivin auf der Spur nach Spuren, worum es wirklich geht. Das können Berufsthemen sein, oft sind es aber auch Lebensthemen. Die Trennung dieser Sphären ist ohnehin vage – oft gibt es ja private Gründe für eine berufliche Veränderung. Das klassische Beispiel ist der Wiedereinstieg.

Wie direkt sprechen Sie die Ratsuchenden auf Lebensthemen an?
Ich stelle Fragen, spreche Vermutungen aus. Und manchmal gilt es zu akzeptieren, dass die Ratsuchenden an der Oberfläche bleiben wollen und statt weiterer Fragen schon Antworten erwarten.

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Nr. 6 | 2017
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