Ausgabe 03 | 2011

ARBEITSMARKT

Arbeitsintegration in der Stadt Zürich

Eingebunden statt aussortiert

Programme zur Arbeitsintegration können die Handlungsautonomie der Teilnehmer erhalten und stärken. Wie diese selbst den Programmeinsatz erleben und welches die Erfolgsfaktoren sind, zeigt eine im Auftrag des städtischen Sozialdepartements durchgeführte Untersuchung.

Von Eva Mey. Sie ist Soziologin und wissenschaftliche Projektleiterin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit.

Arbeit im Teillohnprojekt stärkt Selbstvertrauen und Handlungsautonomie.

Arbeit im Teillohnprojekt stärkt Selbstvertrauen und Handlungsautonomie.

Seit einigen Jahren wird vermehrt versucht, Menschen, die wirtschaftliche Sozialhilfe beziehen, möglichst rasch wieder in den regulären Arbeitsmarkt zu integrieren. Unter dem Motto «Aktivierung » werden zumeist in einem ergänzenden Arbeitsmarkt Massnahmen entwickelt und Programmplätze geschaffen, um die Arbeitsmarktfähigkeit der Betroffenen zu steigern. Dass solche Programme allerdings kaum je mit hohen Quoten der Wiedereingliederung glänzen können, ist bekannt und kann angesichts des knappen Stellenangebots bei niedrig qualifizierten Tätigkeiten auch nicht wirklich erstaunen. Weniger bekannt ist indes, wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer solcher Arbeitsintegrationsprogramme die Massnahme wahrnehmen und wie sie darauf reagieren. Welche Strategien entwickeln sie im Umgang damit? Inwiefern verändern sich im Lauf des Programmbesuchs ihre Lebenssituation und Perspektiven?

Diesen Fragen ging eine im Auftrag des Sozialdepartements der Stadt Zürich durchgeführte Studie nach. Die qualitative Untersuchung sollte vertieftes Wissen über Wirkung und Wirkungsweise der Integrationsprogramme bereitstellen: Anhand von mehrmaligen ausführlichen Interviews mit Programmteilnehmern und deren Vorgesetzten sind die biografischen Verläufe von 33 Personen vor und während des Programmbesuchs vertieft analysiert worden.

Einen zentralen Stellenwert hatte bei der Analyse die Handlungsautonomie der Programmteilnehmer. Gemeint ist damit die grundlegende Fähigkeit und Möglichkeit des Individuums, die Kontrolle über sein eigenes Leben zu behalten und dieses mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu gestalten. Eine leitende Frage der Untersuchung war deshalb, ob und unter welchen Bedingungen die Handlungsautonomie der Teilnehmer während des Programmbesuchs aufrechterhalten bzw. allenfalls gestärkt werden konnte. Die folgenden Ausführungen beschränken sich auf die Befunde zum Teillohnprogramm der Stadt Zürich (siehe Kasten S. 31).

Fokussierung

Im Teillohnprogramm konnten vielfältige positive Wirkungen auf die Teilnehmer aufgezeigt werden. Die Fokussierung auf betriebliche Arbeit ermöglicht bei manchen sehr gute Resultate: Erfahrungen von Selbstwirksamkeit im Arbeitsprozess, von sozialer Zugehörigkeit und von Anerkennung erhöhten die Zufriedenheit und stärkten die Handlungsund Planungskapazitäten der Teilnehmer. Sie fühlten sich nicht mehr «aussortiert» und nicht mehr «hängengelassen ». Vielmehr konnten sie «den roten Faden wieder finden» – so einige Rückmeldungen. Es zeigte sich auch, dass nach ausreichend Zeit zudem Themen und Probleme im ausserberuflichen Lebenszusammenhang wieder vermehrt aktiv angegangen wurden: Ein vernachlässigter Kontakt zu Verwandten wurde wiederbelebt, eine Zahnsanierung vorgenommen, ein Sprachkurs aufgenommen. Bemerkenswert ist, dass das Teillohnprogramm insbesondere auch bei Personen positive Entwicklungen in Gang zu setzen vermochte, die beim Eintritt nach einem langjährigen erfolglosen Kampf um eine Arbeitsstelle grosse Hoffnungs- und Orientierungslosigkeit äusserten oder bereits in die soziale Isolation abgeglitten waren.

Erfolgsfaktoren

Doch nicht immer gelang eine Stabilisierung im beschriebenen Sinn: Unter den analysierten Fällen finden sich auch negative Verläufe, die zum Programmabbruch führten. Dies war im Wesentlichen in zwei Konstellationen der Fall. Zum einen dann, wenn jemand keinerlei Sinn im Programm oder in der zu verrichtenden Arbeit sah, sodass kein ausreichendes Commitment vorhanden war oder erarbeitet werden konnte. Dies führte regelmässig zum Programmabbruch, ohne dass eine sinnvolle Anschlusslösung bestanden hätte.

Zum anderen zeigte sich in aller Deutlichkeit, wie entscheidend eine gewisse Stabilität der allgemeinen Lebenssituation für den Programmerfolg ist: Wenn programmexterne Belastungen (gesundheitliche, familiäre, finanzielle Probleme) zu dominant wurden und nicht durch eine angemessene sozialarbeiterische Begleitung aufgefangen werden konnten, musste abgebrochen werden. Gerade bei Personen, die anfänglich sehr hohe Hoffnungen in das Programm gesetzt hatten, führte der erneute Misserfolg zu einer deutlichen Verschlechterung der Gesamtsituation.

Der Verzicht auf eine sozialarbeiterische Begleitung innerhalb des Programms bedingt, dass in Fällen besonders problematischer Lebenssituationen eine solche Begleitung andernorts, beispielsweise auf den Sozialen Diensten, gewährleistet ist und greift.

Grenzen des Programms

Ähnliches gilt auch für Teilnehmer und Teilnehmerinnen, deren Arbeitsmarktfähigkeit nach einem Jahr gestiegen ist. Wenn es darum geht, den Schritt hinaus in den regulären Arbeitsmarkt zu meistern, stösst das Teillohnprogramm an Grenzen. Nach wie vor ungelöste Probleme im ausserberuflichen Bereich, langjährige Erfahrungen von Misserfolg und nicht zuletzt das Wissen um die prekäre Stellensituation führen dazu, dass der Schritt aus dem Teillohn für viele angstbesetzt ist und unüberwindbar scheint. «Vom Job her und vom Arbeiten und von mir her, auch dass ich wieder ein geregeltes Leben habe, ist es besser geworden», erzählt etwa ein 40-jähriger Teillohnarbeiter. «Und ich finde, ich bin auch gesünder, ich bin auch stärker geworden. » Doch den Schritt in den regulären Arbeitsmarkt kann er sich noch nicht vorstellen: «Wenn das Umfeld nicht stimmt und alles, dann bin ich wieder im gleichen Turnus, und dann laufe ich wieder davon und verkrieche mich wieder, wie eine Maus im Loch, und das will ich eben nicht mehr.»

Ob bei dieser Problematik eine Anstellung im Teillohn auf Lebenszeit auch für die Betroffenen eine sinnvolle Alternative wäre, muss vor dem Hintergrund der analysierten Fälle differenziert beantwortet werden: Tatsächlich finden sich Personen, die angesichts ihrer minimalen Integrationschancen (etwa infolge Alters oder schlechter Gesundheit) dazu gelangt sind, den Teillohn als Lebensperspektive wahrzunehmen. Dabei zeigt sich aber, dass die Übernahme einer solchen Perspektive nicht leichtfällt, sondern mit einem oft schmerzhaften und bewusst vollzogenen Verzicht auf den Anspruch einhergeht, dem Leben irgendwann wieder eine andere Perspektive geben zu können. «Im Jetzt und Hier leben» oder «sich halt am Kleinen freuen» sind Äusserungen von Teilnehmern, die etwas über die Strategien aussagen, mit denen die neue Situation zu bewältigen versucht wird.

Die meisten der interviewten Teilnehmer sind dazu nicht bereit. Sie behalten ihre Hoffnung aufrecht, irgendwann wieder in den regulären Arbeitsmarkt zurückkehren, etwas mehr verdienen und ein «normales» Leben führen zu können, entsprechend der Normalität eben, wie sie in unserer Gesellschaft nach wie vor definiert ist. Für sie wären vermehrt Formen eines begleiteten Einstiegs in die Arbeitswelt zu prüfen – vorausgesetzt, es lässt sich eine passende Stelle finden. Denn so viel ist sicher: Solange die Wirtschaft nicht mitzieht und geeignete Stellen anbietet, so lange haben sämtliche Bemühungen zur Reintegration von arbeitslosen Menschen einen schweren Stand.

Links und Literaturhinweise

Mey, E., Benz, F., Eingebunden statt aussortiert: Erfahrungen aus der Stadtzürcher Arbeitsintegration, Edition Sozialpraxis (Nr. 6), Sozialdepartement der Stadt Zürich, 2010.
Studie als PDF
Kontakt: eva.mey@hslu.ch

Kasten

Teillohnprogramm

Wer sich in der Stadt Zürich bei der Sozialhilfe anmeldet, wird einem vierwöchigen Assessment zugewiesen, wo die am besten geeignete Integrationsmassnahme bestimmt wird. Betroffene, bei denen eine baldige (Re-)Integration in den regulären Arbeitsmarkt realistisch erscheint, werden einer Qualifikationsstelle mit individueller Begleitung zugewiesen. Für die anderen stehen Teillohnstellen zur Verfügung: Sie ermöglichen, im Rahmen eines unbefristeten Arbeitsverhältnisses einer regelmässigen Erwerbstätigkeit nachzugehen und einen Teil des Lebensunterhalts selber zu erwirtschaften. Im Zentrum steht die alltägliche Arbeit, ohne sozialarbeiterische Begleitung. Wer seine Leistung steigert, gelangt in eine höhere Leistungsstufe und erhält ein individuelles Coaching, das die Wiedervermittlung in den regulären Arbeitsmarkt erleichtern soll.

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