Ausgabe 05 | 2012

BERUFSBILDUNG

Ausbildungsbereitschaft (I)

Ausbilden mit Herz und Kalkül

In den 75 Jahren ihres Bestehens hat die Elektrotechnik-Firma Hans K. Schibli AG weit über 700 Lernende ins Berufsleben eingeführt. Heute wie früher geschieht dies aus praktischen und ökonomischen Gründen, aber auch aus Tradition und Überzeugung.

Von Andreas Minder

Ein einwöchiges Lager – meist weit ab vom Schuss und wenn möglich ohne Netz – ist fester Bestandteil der Lehrlingsausbildung bei Schibli.

Ein einwöchiges Lager – meist weit ab vom Schuss und wenn möglich ohne Netz – ist fester Bestandteil der Lehrlingsausbildung bei Schibli.

Ausgebildete Leute lassen sich in den Elektroberufen nicht leicht rekrutieren. «Unsere Löhne sind im Mittelfeld, angesichts der Anforderungen müssten sie Spitze sein», sagt Jan Schibli, Inhaber und Geschäftsleiter des Zürcher Familienbetriebs in dritter Generation. Eine Umfrage der Fachhochschule St. Gallen bei Lernenden in der Branche ergab, dass nur ein Drittel längerfristig im Beruf bleiben will. Reichlich Lernende auszubilden ist eine Möglichkeit, darauf zu reagieren. Eine, die sich durchaus rechnet, wie Schibli erklärt: «Elektroinstallateure arbeiten vom ersten Tag der Lehre an produktiv. Wir kalkulieren mit diesen relativ günstigen Arbeitskräften.»

Etwa ein Viertel der Lernenden verlässt die Schibli AG jeweils einige Jahre nach dem Lehrabschluss. Damit genügend Arbeitskräfte übrig bleiben, setzt die Firma auf die Ausbildung. Seit Jahren macht der Anteil der Lernenden 10 bis 20 Prozent des Personalbestands aus. Diesen Anteil zu halten, sei nicht einfach, sagt Schibli. Wenn der Wirtschaftsmotor stottert, gehe es zwar etwas leichter, aber der junge Patron setzt bei der Rekrutierung lieber auf eigene Anstrengungen als auf die schwächelnde Konjunktur.

Information und Qualität

Die Schibli AG arbeitet mit den Berufsinformationszentren des Kantons Zürich zusammen, steht in Kontakt mit Berufswahlschulen, empfängt Schulklassen und ist im Internet auf verschiedenen Kanälen mit ihrem Lehrstellenangebot präsent. Ein besonderes Anliegen ist Schibli zudem die Ausbildungsqualität. «Wir wollen eine Top-Ausbildungsfirma sein.» Seit fünf Jahren hat die Firma mit Jörg Scherhag einen Berufsbildner, der vollzeitlich für die Ausbildung in der ganzen Unternehmensgruppe zuständig ist. Er simuliert zum Beispiel mit allen Lernenden eine komplette Abschlussprüfung. Schneiden die Schibli-Lernenden beim richtigen Qualifikationsverfahren dann gut ab, spricht sich das herum. Das ist ein Vorteil im Wettbewerb um die knapper werdenden Schulabgänger und Schulabgängerinnen.

Erzieherische Aufgaben

Ins Klagelied über die abnehmende Qualität der jungen Leute mag Schibli nicht einstimmen. «Es macht Freude auszubilden», hält er fest, auch wenn er bei den Lernenden durchaus Veränderungen feststellt, die ihm nicht gefallen. Die Selbständigkeit habe abgenommen und gleichzeitig erhielten die Jugendlichen weniger Unterstützung von den Eltern. «Wir müssen vermehrt erzieherische Aufgaben übernehmen.» Schibli sieht diese Entwicklung jedoch als Herausforderung. «Betriebe, die wegen solcher Schwierigkeiten nicht mehr ausbilden, haben schon verloren», ist er überzeugt.

Um gänzlich ungeeignete Lernende auszusieben, führt die Schibli AG ein standardisiertes Rekrutierungsverfahren mit «Basic Check» und Schnupperlehre durch. An einem Informationsabend vor Lehrbeginn werden Eltern und Lernende gemeinsam über die Regeln und den Verhaltenskodex informiert, die während der Ausbildung gelten. Das sind erste Anstrengungen zur Vermittlung der «Schibli-Kultur», sagt der Patron. Anstrengungen, die eine Lehrzeit lang fortgesetzt werden.

Links und Literaturhinweise

Website  Hans K. Schibli AG
Umfrage der Fachhochschule St.Gallen bei Lernenden in der Elektrobranche

Kasten

Hans K. Schibli AG

An ihren 13 Schweizer Standorten bildet die Schibli-Gruppe derzeit 80 Lernende aus. 64 davon werden Elektroinstallateure oder -installateurinnen, 8 Montageelektriker. Dazu kommen zwei angehende Automatiker, ein Informatiker, ein Telematiker und drei Kauffrauen. Die 400 Mitarbeitenden der Gruppe mit Hauptsitz in Zürich sind in den Bereichen Elektrotechnik, Gebäudetechnik, Automatik, Kommunikation und Informatik tätig und erzielten 2011 einen Umsatz von 70 Millionen Franken.

www.schibli.com

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