Ausgabe 05 | 2012

Fokus "Transformation der Berufe"

Moderne Beruflichkeit

Stabile Kernberufe fördern die Flexibilität der Fachkräfte

Ein modernes Berufsverständnis definiert Berufe über Arbeitszusammenhänge. Dies erfordert eine Entspezialisierung der Berufe und ihre Zusammenfassung in Kernberufe mit breitem Aufgabenbereich. Das gibt flexible Fachkräfte, die sich mit ihrem Beruf identifizieren.

Von Felix Rauner. Er leitet die Forschungsgruppe Berufsbildungsforschung an der Universität Bremen.

Das breit angelegte Berufsbild der Kaufleute schafft flexible Arbeitsmärkte und mobile Fachkräfte.

Das breit angelegte Berufsbild der Kaufleute schafft flexible Arbeitsmärkte und mobile Fachkräfte.

In der modernen Arbeitswelt müssen sich Lernende und Beschäftigte nicht einfach bestehenden Arbeitsstrukturen anpassen, sondern sie gestalten die Arbeitswelt mit. Das Konzept der Gestaltungskompetenz basiert auf der Erkenntnis, dass es bei der Bearbeitung von Aufgaben darum geht, eine situationsgerechte, gute Lösung zu finden. Dabei gilt es viele Kriterien zu beachten, die gegeneinander abgewogen werden müssen. Diese Kriterien kann man sich als die Dimensionen eines Lösungsraums vorstellen. Er steckt den Gestaltungsspielraum ab, der den Fachkräften bei der Lösung ihrer beruflichen Aufgaben zur Verfügung steht.

Ein modernes Berufsverständnis definiert Berufe über Arbeitszusammenhänge. Darunter wird ein klar identifizierbarer, sinnstiftender und umfassender Bereich von Aufgaben verstanden, der auch für Aussenstehende erkennbar und abgrenzbar ist. Dieser Konzeption diametral entgegengesetzt ist die funktionsorientierte (tayloristische) Arbeitszergliederung, wie sie unter den Bedingungen der Industrialisierung entstanden ist.

Die Einführung geschäftsprozessorientierter betrieblicher Organisationsstrukturen wiederum erfordert eine «Entspezialisierung» der Berufe und ihre Zusammenfassung in Kernberufe. Länder mit einer entwickelten Tradition dualer Berufsbildung wie die Schweiz haben in den letzten Jahrzehnten durch die Einführung zunehmend breit angelegter Berufsbilder die Anzahl der Ausbildungsberufe deutlich reduziert. Eine kaufmännische Ausbildung kann in einem Tourismusunternehmen, einem Einkaufszentrum oder einem Transportunternehmen gemacht werden. Dies bildet die Grundlage für die Flexibilität von Arbeitsmärkten und die Mobilität der Fachkräfte. Ein hoher Grad an Spezialisierung würde dagegen beides einschränken.

Langlebige Berufe schaffen

Die Verankerung von Berufsbildern im gesellschaftlichen Bewusstsein, ihre Tauglichkeit für die Berufsorientierung bei der Vorbereitung auf eine Berufsausbildung sowie das identitätsstiftende Potenzial eines Berufes für Lernende und Beschäftigte hängen entscheidend von der Stabilität der Berufe ab. Berufsbilder mit einer kurzen Lebensdauer oder die häufige Veränderung der Beschreibungen und Bezeichnungen mindern die Attraktivität der Berufe. Da der technische und ökonomische Wandel sowohl Chancen für die Entwicklung neuer Berufe bietet als auch zum Aussterben alter Berufe führt, stellt die Entwicklung langlebiger Berufe hohe Anforderungen an die Berufsbildungsplanung und -forschung. Die Konzeption von Berufsbildern über Arbeitszusammenhänge entscheidet wesentlich über die Lebensdauer von Berufen.

Wenngleich die offene dynamische Beruflichkeit nach wie vor von einem bestimmten Arbeitszusammenhang ausgeht, gestattet sie eine Bewegung über die gesamte Bandbreite der Anwendungsfelder hinweg, wie das Beispiel der kaufmännischen Berufe zeigt. Sie ist entwicklungsoffen im Hinblick auf Arbeitsorganisation und technologischen Wandel sowie die sich ändernden Kompetenzanforderungen. Dies bedeutet jedoch keine Relativierung des Prinzips der Beruflichkeit. Berufliche Fähigkeiten können nicht anhand kontextfreier Schlüsselqualifikationen beschrieben werden.

Offene, dynamische Berufsbilder

Offene Berufsbilder sind die angemessene Antwort auf das Spannungsverhältnis zwischen Internationalisierung und Lokalisierung. In ihrem inhaltlichen Kern und den Bezeichnungen sollten Berufe zunehmend internationalisiert werden. Dies bedeutet zugleich, sie entwicklungsoffen für ihre Lokalisierung, ihre Modernisierung sowie ihre Applikation für neue Anwendungsfelder zu gestalten. Dadurch werden die Beschäftigten mobil und die Facharbeitsmärkte flexibel. Vor allem aber wird die Einarbeitung der Beschäftigten in neue Aufgabenfelder deutlich erleichtert.

Zwischen der Entwicklung beruflicher Kompetenz und der Entwicklung beruflicher Identität besteht ein unauflösbarer Zusammenhang. Berufliche Identität ist die Voraussetzung für berufliches Engagement sowie Qualitäts- und Verantwortungsbewusstsein. Dies gelingt am ehesten dadurch, dass Lernende während ihrer Grundbildung Einblick in die betrieblichen Zusammenhänge und Geschäftsprozesse erhalten und dabei verstehen lernen, welchen Beitrag sie mit ihrer Arbeit für das Gelingen und die Qualität betrieblicher Aufträge leisten. Fragmentierte Berufsstrukturen tragen eher zur Abschottung zwischen den betrieblichen Funktionsbereichen bei. Flexible Arbeitsmärkte führen nicht zu einer Erosion moderner Beruflichkeit und einer dualen Berufsausbildung. Im Gegenteil: Die Einsicht, «beim Betriebswechsel kann ich meinen Beruf mitnehmen», hat auch zu einem subjektiven Bedeutungszuwachs moderner Beruflichkeit beigetragen. Für das Erlernen eines Berufes beträgt die mittlere Ausbildungsdauer zwischen drei und vier Jahren. Das Hineinwachsen in einen Beruf geht mit der Aneignung der im Berufsbild ausgewiesenen Qualifikationen und Kompetenzen sowie mit der Entwicklung beruflicher Identität einher.

Rolle der Sozialisierung

Dabei bilden die jeweiligen Berufskulturen und der Prozess der beruflichen Sozialisierung eine wesentliche Dimension für die Entwicklung beruflicher Kompetenz. Das ist sehr viel mehr als die Aneignung von Fertigkeiten und Kenntnissen. Daher entzieht sich der berufliche Entwicklungsprozess der Modularisierung respektive der Aufteilung der Kompetenzentwicklung in sich abgeschlossene abstrakte Qualifikationsbausteine. Grundlage für eine die Berufsentwicklung fördernde Ausbildung ist das Novizen- Experten-Paradigma: Man beginnt beim Erlernen eines Berufs stets als Anfänger (Novize) und entwickelt sich dann durch herausfordernde berufliche Aufgaben zum Experten. Die charakteristischen beruflichen Aufgaben (Handlungsfelder) werden daher auch als Entwicklungsaufgaben bezeichnet.

Links und Literaturhinweise

Memorandum
Ergänzender Text von Felix Rauner: Parallele Bildungswege
Website des International Network on Innovative Apprenticeship (INAP)

Kasten

Standards einer modernen Lehrlingsausbildung

Der Text basiert auf dem Memorandum «Architektur einer modernen Lehrlingsausbildung – Standards für Gestaltung, Organisation und Steuerung» des International Network on Innovative Apprenticeship (INAP), das unter der Leitung von Felix Rauner erarbeitet wurde. Das Memorandum enthält auch Vorschläge für die Einbettung der Berufsbildung in ein Bildungssystem mit parallelen akademischen und dualen Bildungswegen (siehe dazu auch PANORAMA 4/2012; Seiten 16–19). Präsident des INAP ist gegenwärtig Philipp Gonon von der Universität Zürich.

Kommentar

Stabilität durch Veränderung

Von Emil Wettstein

Die Reduktion der Zahl der Lehrberufe zugunsten «breiter» Berufe ist seit Jahrzehnten ein Anliegen der Bildungspolitik und der Berufspädagogen. Dazu gehört die Schaffung von «Berufsfeldern», was in der Schweiz immer wieder versucht wird. Sie hat dann und nur dann Erfolg, wenn in einem Arbeitsfeld die Arbeitsteilung reduziert wird. In der Maschinenindustrie beispielsweise wurden Hobler, Fräser, Werkzeugbauer usw. durch den «Kernberuf» Polymechaniker abgelöst, als CNC-Maschinen und Fertigungszentren zu neuen Formen der Arbeitsorganisation führten. In der Druckvorstufe verschwanden gegen 30 Lehrberufe, vom Chromolithografen bis zum Retuscheur, als Bleisatz und chemische Bildbearbeitung durch den elektronischen Satz abgelöst wurden. Es entstand der Polygraf, wobei offen ist, ob dieser Beruf auch die Forderung Rauners nach Stabilität erfüllt. Stabilität erfordert ständige Veränderung. Die neuen «Kommissionen für Berufsentwicklung und Qualität» könnten dies sicherstellen.

Solche Entwicklungen sind zu begrüssen, aber grundlegende Ziele wie die Vermittlung von personalen und methodischen Kompetenzen können auch in schmal geschnittenen Berufslehren angestrebt werden. Eine gute Berufslehre ist nicht nur die Vorbereitung auf eine bestimmte Berufstätigkeit, sondern auch eine Bildung durch den Beruf. Auch seltene und relativ spezialisierte Berufe können die Fähigkeit fördern, sich laufend neue Qualifikationen anzueignen und damit beruflich flexibel zu bleiben. Breite und stabile Berufe sind zu begrüssen, eine vielfältige Berufswelt hat aber auch ihre Berechtigung: Nischenberufe erfüllen Funktionen in der Arbeitswelt, sonst gäbe es sie nicht mehr. Zudem kenne ich keine Untersuchungen, wonach die dort Tätigen bezüglich beruflicher Flexibilität benachteiligt sind.

Emil Wettstein ist Berufsbildungsexperte in Zürich.

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