Ausgabe 04 | 2012

ARBEITSMARKT

Über 50-jährige Stellensuchende

Mit umfassender Beratung bessere Perspektiven schaffen

Verschiedene kantonale Massnahmen haben zum Ziel, älteren Stellensuchenden die Wiederaufnahme einer Erwerbstätigkeit zu erleichtern. Nun gilt es, diese Projekte zu koordinieren und «Best Practices» zu definieren.

Von Philippe Frossard und Viktor Moser

Über 50-Jährige scheiden oft vorzeitig aus dem Erwerbsleben aus. Sind sie erst einmal aus dem Arbeitsmarkt raus, führt dies häufig zu Langzeitarbeitslosigkeit. Dies wiederum wirkt sich negativ auf ihre sich dem Ende zuneigende berufliche Lauf bahn aus. Nur 43 Prozent der 50- bis 59-jährigen Langzeitarbeitslosen finden vor der Aussteuerung eine Stelle, bei den über 60-Jährigen sind es knapp 17 Prozent gemäss den Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Deshalb haben einige Kantone spezifische Instrumente entwickelt, die älteren Erwerbslosen den Wiedereinstieg ins Erwerbsleben erleichtern sollen.

- Die kürzlich eingeführte Massnahme «55+» motiviert Freiburger Arbeitgeber, sich die Fähigkeiten von über 55-jährigen Stellensuchenden zunutze zu machen. Um interessierte Arbeitgeber finanziell zu entlasten, beteiligt sich der Kanton während maximal zwei Jahren an den Arbeitgeberbeiträgen an die berufliche Vorsorge. «55+» wurde vom Konzept «Senior+» inspiriert, das sich im Kanton Neuenburg seit zehn Jahren bewährt.
- Der Kanton Aargau verdoppelt im Rahmen des Projekts «Langzeitarbeitslosigkeit verhindern» die Beratungsintensität für über 45-Jährige. Zudem werden die Stellensuchenden systematisch in ein Coaching-Seminar zugewiesen.
- In Schaffhausen profitieren Stellensuchende, die älter sind als 50 Jahre, vom Programm «Horizont Generation Plus». Dort lernen sie neue berufliche Tätigkeitsfelder kennen und können sich dank der Unterstützung von Mentoren mit Unternehmen vernetzen.
- Auch in St. Gallen werden ältere Stellensuchende mit eingeschränkten Chancen auf einen Wiedereinstieg, innerhalb von «Tandem 50plus» während vier Monaten von Mentoren unterstützt. Diese stellen ihnen ihr Kontaktnetz zur Verfügung.
- Das Waadtländer Projekt «Ingeus» und die beiden Genfer Projekte «Léman Emploi» und «Swiss Nova» schliesslich verfolgen das gleiche Ziel: Die Betreuung von Langzeitarbeitslosen wird Spezialisten ausserhalb der RAV anvertraut, die weniger Dossiers bearbeiten und die Stellensuchenden daher intensiver coachen können.

So unterschiedlich die Programme sind, eines ist ihnen gemeinsam: Sie alle wollen die Wiedereinstiegspotenziale der Stellensuchenden eruieren und den Betroffenen intensivere Unterstützung bei der Stellensuche bieten. Diesem Ziel hat sich auch die Arbeitsmarktmassnahme «Passerelle 50plus» der Stiftung Speranza verschrieben.

Erfahrungen austauschen

Viele RAV-Beratende lenken ihre Arbeit in die gleiche Richtung, indem sie ebenfalls die Beratungsintensität erhöhen. Die sorgfältigere Fallbetreuung ermöglicht es, Risiken frühzeitig zu erkennen, Einarbeitungszuschüsse systematischer zu nutzen und in komplexen Fällen die interinstitutionelle Zusammenarbeit zu fördern. Laut Geneviève Robert, RAVKoordinatorin im Seco, sollen nun aufgrund der Erfahrungen «Best Practices» ermittelt und die Kantone darüber informiert werden. «Eine Koordination der Projekte und Praktiken wäre wünschenswert », erklärt sie. Dies erfordere vor allem einen Erfahrungsaustausch zwischen den Kantonen.

Älteren Stellensuchenden würde auch eine verstärkte Zusammenarbeit mit den privaten Stellenvermittlern zugute kommen. Die Chancen auf einen Wiedereinstieg in den primären Arbeitsmarkt sind je nach Beruf und Branche unterschiedlich. Stellensuchende in einem gewissen Alter, die aufgrund einer Kader- oder Spezialistenfunktion ein relativ hohes Einkommen hatten, finden schneller eine neue Stelle als Hilfskräfte. Umso wichtiger ist es, dass unterschiedliche Strategien zum Einsatz kommen und das Massnahmenpaket auch Bildungsangebote umfasst, die den Leistungsempfängern eine ausreichende Qualifikation ermöglichen.

Links und Literaturhinweise

Studie "Langzeitarbeitslosigkeit: Situation und Massnahmen", AMOSA, 2007

Kasten

Statistik «50+»

Laut Seco waren im Mai 2012 16 891 der 118 860 gemeldeten Arbeitslosen über 50-jährig. Der Anteil der 50- bis 59-jährigen Stellenlosen am Total der Arbeitslosen lag bei 2,8%. Bei den über 60-Jährigen lag die Arbeitslosenquote bei 3,3%. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen liegt bei den über 50-Jährigen bei 28,2%. Bei den 25- bis 49-Jährigen sind dagegen nur 14,1% und bei den 15- bis 24-Jährigen nur 2,9% Langzeitarbeitslose zu verzeichnen.

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