Ausgabe 06 | 2012

BERUFSBERATUNG

Geschlechtsspezifische Berufsinteressen

Erklärungsansätze jenseits der Sozialisationstheorien

Geschlechtsunterschiede in der Berufswahl können auf verschiedene gesellschaftliche Mechanismen zurückgeführt werden (PANORAMA 5/2012, Seite 22). Empirische Studien weisen aber darauf hin, dass die Differenzen auch biologische Ursachen haben.

Von Benedikt Hell und Katja Pässler. Sie arbeiten an der Hochschule für Angewandte Psychologie der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Die vollständige Egalisierung der Geschlechterverteilung in sozialen und technischen Berufen ist unwahrscheinlich, da auch biologisch geprägte Geschlechtsdifferenzen einen Einfluss haben.

Die vollständige Egalisierung der Geschlechterverteilung in sozialen und technischen Berufen ist unwahrscheinlich, da auch biologisch geprägte Geschlechtsdifferenzen einen Einfluss haben.

Bereits sehr früh lassen sich deutliche Geschlechtsunterschiede in den Berufswünschen von Mädchen und Jungen nachweisen. Die Social Role Theory führt die Entstehung dieser Berufswünsche auf das Vorhandensein eines sogenannten «Korrespondenz-Bias» zurück: Individuen schreiben bestimmten Berufsrollen bestimmte Fähigkeiten und Merkmale zu. Gleichzeitig gehen sie davon aus, dass jede Person, die diesen Beruf ausübt, auch über diese Fähigkeiten und Merkmale verfügt. So kann beispielsweise die Beobachtung, dass es mehr männliche Ingenieure gibt, zum Trugschluss führen, dass Männer über Charakteristika verfügen, die sie für diesen Beruf prädestinieren. Diese Vorstellung kann dazu führen, dass Frauen weniger stark darauf vertrauen, dass sie die notwendigen Anforderungen dieses Berufes erfüllen und sie diese Berufsoption daher weniger oft berücksichtigen.

Tatsächlich mangelt es nicht an Belegen, dass die Berufswahl ganz massgeblich durch die Sozialisation beeinflusst wird. Die zeitlich und geografisch recht stabilen Unterschiede in der Berufswahl bei Frauen und Männern werden aber nicht komplett durch die Erziehung und durch gesellschaftliche Zwänge gesteuert.

Starke Unterschiede

Nach J. L. Holland lassen sich Individuen anhand von sechs grundlegenden Interessentypen charakterisieren: praktisch- technisch, forschend, sprachlichkünstlerisch, sozial, unternehmerisch und systematisierend-ordnend. Die Ausprägung der individuellen Interessen kann zum Beispiel über Interessentests gemessen werden. Diese bilden das soziale Interesse durch Fragen ab wie: Unterrichten Sie gerne? Beraten Sie gerne andere Menschen? Das technische Interesse wird erfasst, indem danach gefragt wird, ob sich die Person gerne mit technischen Geräten auseinandersetzt oder ob sie Interesse daran hat, Dinge zu reparieren. Jeder der sechs Interessentypen zeichnet sich durch bestimmte berufliche Interessen und Einstellungen aus und präferiert bestimmte berufliche Tätigkeiten und Umwelten.

Übereinstimmend finden aktuelle Überblicksarbeiten für die beiden Dimensionen praktisch-technisches Interesse und soziales Interesse die grössten Geschlechtsdifferenzen.

Es stellt sich die Frage, wie sich diese Unterschiede in den beruflichen Interessen von Frauen und Männern im Vergleich zu anderen Geschlechtsunterschieden einordnen lassen. Die grössten Geschlechtsunterschiede finden sich hinsichtlich der körperlichen Kraft: Männer können zum Beispiel Wurfgegenstände wesentlich weiter schleudern als Frauen. Zwei weitere Bereiche, in denen sich sehr deutliche Geschlechtsunterschiede zeigen, sind die Sexualität (zum Beispiel Masturbationshäufigkeit) und die Aggressivität. In den meisten anderen untersuchten Verhaltensbereichen, auch im Bereich der kognitiven Fähigkeiten, unterscheiden sich die Geschlechter nicht wesentlich. Die Geschlechtsunterschiede in der Präferenz des praktisch-technischen oder des sozialen Interessenbereichs jedoch gehören zu den grössten Geschlechtsdifferenzen überhaupt und sind von der Grössenordnung vergleichbar mit den Differenzen im Bereich der Sexualität und Aggressivität.

Biologische Ursachen wahrscheinlich

Es steht ausser Zweifel, dass der Sozialisation bei der Ausbildung der beruflichen Interessen eine bedeutende Rolle zukommt. In den letzten Jahren wurden aber auch starke und empirisch solide abgestützte Argumente formuliert, die dafür sprechen, dass die beobachteten Differenzen Ursachen jenseits der Sozialisation haben:

- Frühe Interessen: Bereits in den ersten Lebensmonaten zeigen Säuglinge geschlechtsspezifisch ausgeprägte Interessen. Das frühe Auftreten dieser Unterschiede lässt Sozialisationseffekte nahezu ausschliessen. Weibliche Säuglinge interessieren sich eher für soziale Objekte (Gesichter), männliche Säuglinge interessieren sich eher für mechanische Objekte (zum Beispiel Mobiles). 12 Monate alte Jungen fixieren Videos von sich bewegenden Autos länger als sich bewegende Gesichter, bei den Mädchen verhält es sich genau anders herum. In einigen Experimenten wurden solche Differenzen bereits ab dem ersten Tag nach der Geburt festgestellt.
- Interkulturelle Gemeinsamkeiten: Geschlechtsspezifische Interessendifferenzen treten interkulturell nach einem sehr ähnlichen Muster auf. Dies betrifft frühe geschlechtsspezifische Interessen, die sich im Spiel von Kindern zeigen, und auch berufliche Interessen.
- Interessen und Androgene: Untersuchungen mit Frauen, die unter dem adreno-genitalen Syndrom (AGS) leiden, liefern starke Belege für einen Zusammenhang zwischen dem pränatalen Hormonspiegel und der Ausprägung geschlechtsspezifischer Interessenmuster. AGS geht auf die pränatale Überproduktion von Androgenen zurück. Frauen, die unter diesem Syndrom leiden, weisen pränatal einen erhöhten Testosteronspiegel auf, erhalten aber postnatal Hormonpräparate, sodass sie das für Frauen typische Androgenmass erreichen. Interessanterweise zeigen diese Frauen später typisch männliche Berufsinteressen und neigen eher zu praktisch-technischen Berufen.
- Begrenzte Wirksamkeit selbst extremer Sozialisations-«Experimente»: Eines der vorrangigen Ziele der Kibbuz- Bewegung war die Aufhebung traditioneller Rollenverteilungen. Dies sollte durch die Zentralisierung von hauswirtschaftlichen und erzieherischen Aufgaben erreicht werden. Ausserdem wurde Wert auf eine geschlechtsneutrale Kindererziehung gelegt. Selbst dieser aussergewöhnlich egalitäre Ansatz führte nicht zur Abkehr von geschlechtstypischen Berufsverteilungen.
- Genetische Einflüsse auf Interessen: Berufliche Interessen sind zu einem gewissen Anteil auch genetisch beeinflusst. So haben beispielsweise getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge ähnlichere Interessen, als Geschwister, die adoptiert wurden und gemeinsam aufgewachsen sind. Eine genetische Beeinflussung muss zwar nicht bedeuten, dass auch die Geschlechtsdifferenzen genetisch begründet sind, aber angesichts der geschilderten Befundlage wäre eine genetische Mitverursachung der Geschlechtsdifferenzen mehr als plausibel.

Vollständige Egalisierung fraglich

Zur Erklärung der berichteten Geschlechtsunterschiede können u. a. evolutionsbiologische Ansätze herangezogen werden. Speziell die sehr deutlichen Unterschiede im Interesse an sozialen Tätigkeiten – im Wesentlichen also das Interesse am Helfen, Unterstützen, Erziehen und Lehren – können anhand dieser Ansätze erklärt werden.

Die dargestellten Ergebnisse können wie folgt zusammengefasst werden: Erstens werden im Bereich der beruflichen Interessen regelmässig sehr grosse Mittelwertdifferenzen zwischen Frauen und Männern festgestellt. Sie gehören zu den am stärksten ausgeprägten Geschlechtsunterschieden überhaupt. Zweitens zeigen Ergebnisse aus unterschiedlichen Forschungsrichtungen, dass es sich dabei möglicherweise um biologisch geprägte und durch die Sozialisation verstärkte Geschlechtsdifferenzen handelt. Diese Befunde lassen es mehr als fraglich erscheinen, ob es sinnvoll ist, auf eine vollständige Egalisierung der Geschlechterverteilung in sozialen oder technischen Berufen hinzuarbeiten. Nichtsdestotrotz gilt es, insbesondere in Beratungssettings, die Rolle der gesellschaftlichen «Überformung » im Blick zu behalten und in Fällen, in denen dies angezeigt ist, die schädliche Wirkung stereotyper Vorstellungen zu durchbrechen.

Links und Literaturhinweise

Berenbaum, S. A. (1999): Effects of early androgens on sex-typed activities and interests in adolescents with congenital adrenal hyperplasia. In Hormones and Behavior (N°35, pp. 102–110).

Connellan, J., Baron-Cohen, S., Wheelwright, S., Batki, A., Ahluwalia, J. (2000): Sex differences in human neonatal social perception. In Infant Behavior and Development (N°23, pp. 113-118).

Hyde, J. S. (2005): The gender similarities hypothesis. In American Psychologist (N°60, pp. 581-592).

Lippa, R. A. (2010): Sex differences in personality traits and gender-related occupational preferences across 53 nations: Testing evolutionary and social-environmental theories. In Archives of Sexual Behavior (N°39, pp. 619-636).

Schermer, J., Vernon, P. A. (2008): A behavior genetic analysis of vocational interests using a modified version of the Jackson Vocational Interest Survey. In Personality and Individual Differences (N°45, pp. 103-109).

Su, R., Rounds, J., Armstrong, P. (2009): Men and things, women and people: A meta-analysis of sex differences in interests. In Psychological Bulletin (N°135(6), pp. 859-884).

Kasten

Frauenmangel in der Technik

Massnahmen gegen den Frauenmangel in technischen Berufen sollten schon in der Primarschule erfolgen. Denn meist entscheiden sich Mädchen bereits in der Schulzeit gegen die Ingenieurwissenschaften – und nicht erst unmittelbar vor Studienbeginn, wie eine vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderte Studie zeigt.

C. Bieri et al.: «Geschlechts(un)typische» Berufswahl. Zürich 2012. Mehr zum gleichen Thema auch unter www.nfp60.ch

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