Ausgabe 01 | 2019

BERUFSBILDUNG

Neuerscheinung

Wider die Heiligsprechung der Schweizer Berufsbildung

Das Schweizer Berufsbildungssystem stösst auf so grosse Begeisterung wie noch nie. Seine offensichtliche Leistungsfähigkeit sollte jedoch nicht über die hohe Komplexität und die grossen Herausforderungen hinwegtäuschen, mit denen es zu kämpfen hat. Das Ende 2018 erschienene Buch «Enjeux de la formation professionnelle en Suisse» thematisiert diese Herausforderungen.

Von Lorenzo Bonoli, Senior Researcher, Jean-Louis Berger, Leiter Forschungsfeld, und Nadia Lamamra, Leiterin Forschungsfeld, EHB

(Bild: Seismo Verlag)

(Bild: Seismo Verlag)

In den letzten Jahren hat die Schweizer Berufsbildung so viel Zuspruch erhalten wie nie zuvor. In der Schweiz wird sie geschätzt, weil sie rund zwei Drittel der Jugendlichen in eine arbeitsmarktgerechte nachobligatorische Ausbildung einbindet, die ihnen gute Beschäftigungschancen und Weiterbildungsmöglichkeiten bis zur Tertiärstufe eröffnet. Auf internationaler Ebene stossen vor allem die Umsetzung in Form einer öffentlich-privaten Partnerschaft und die Ergebnisse bei der beruflichen Eingliederung von Jugendlichen auf Interesse. Diese positive Wahrnehmung ist schön, sie birgt aber auch die Gefahr, dass wir uns zu einer Idealisierung des Schweizer Systems hinreissen lassen. Diese Gefahr zeigt sich etwa darin, dass der Begriff «Schweizer Modell» immer undifferenzierter eingesetzt und von den Akteuren der Berufsbildung geradezu inflationär verwendet wird, um die Vorteile des Systems hervorzuheben. Sicher, eine gewisse Idealisierung ist unvermeidlich und kann je nach Kontext und Zielpublikum sogar angemessen sein. Sie kann aber unsere Fähigkeit zu einer kritischen Haltung, die uns nicht nur die Stärken, sondern auch die Schwächen des Systems erkennen lässt, erheblich beeinträchtigen. Der Sammelband «Enjeux de la formation professionnelle en Suisse» lädt mit Beiträgen von Experten und Expertinnen im Bereich der Schweizer Berufsbildung dazu ein, das Schweizer Modell unter die Lupe zu nehmen, und bietet ein Instrumentarium, um sowohl die Vorteile als auch die Nachteile des Modells auszumachen und so die Reflexion über die Herausforderungen anzuregen. Diese Herausforderungen können drei Themenschwerpunkten zugeordnet werden: der öffentlich-privaten Partnerschaft, den Zugangsmöglichkeiten zur Berufsbildung und der Bildungsqualität.

Die öffentlich-private Partnerschaft als wichtiges Merkmal

Dass die Berufsbildung in öffentlich-privater Zusammenarbeit bereitgestellt wird, ist sicher eines der wichtigsten Merkmale des Schweizer Systems. Diese Partnerschaft gewährleistet eine arbeitsmarktorientierte Ausbildung und verringert die Umsetzungskosten für die öffentliche Hand. Sie bringt jedoch auch hochkomplexe Entscheidungsprozesse und Spannungen zwischen den verschiedenen Akteuren mit sich. Diesbezüglich zeichnen die Beiträge des Buches ein Bild, das relativ weit entfernt ist von einem idealen Modell, in dem sich die Akteure immer einig und alle Aufgaben klar verteilt und akzeptiert sind. Sie beschreiben vielmehr ein System in einem labilen Gleichgewicht, ein System, das schrittweise und ohne einen rational entwickelten allgemeinen Plan gewachsen ist und im Zusammenspiel der verschiedenen Akteure Punkt für Punkt ausgehandelt wurde. Dieses Zusammenwirken im Rahmen einer Partnerschaft gilt heute als eine Art Zauberformel. Damit diese funktioniert, dürfen die Akteure aber nicht nur ihre eigenen Interessen vertreten, sie müssen auch bereit sein, Kompromisse einzugehen, etwa in Bezug auf die Rollen und Rechte der einzelnen Partner, die Entscheidungsprozesse, die Verteilung der Kosten oder die Bildungsformen und -inhalte. Zudem müssen die Akteure über ausreichend Autonomie verfügen, um auf die Anforderungen unterschiedlicher regionaler und wirtschaftlicher Umfelder reagieren zu können. In jüngster Zeit sind innerhalb der Partnerschaft Spannungen aufgetreten. Sie zeigen, wie labil das erreichte Gleichgewicht ist, und könnten künftig zu einer Neuaushandlung gewisser Kompromisse führen, die für das Funktionieren des Schweizer Berufsbildungssystems zentral sind.

Der Zugang zur Berufsbildung stellt grosse Herausforderungen

Ein anderes Problemfeld des Schweizer Modells ist dessen Leistungsfähigkeit bei der Eingliederung von Jugendlichen am Ende der obligatorischen Schulzeit. Im internationalen Vergleich ist das Schweizer System hier tatsächlich sehr effi- zient. Wir dürfen aber nicht vergessen, welch grosse Herausforderungen sich beim Zugang zur beruflichen Grundbildung stellen. So wirft zuallererst die Zusammensetzung der Lernendenpopulation, die zwei Drittel der Jugendlichen umfasst, Fragen auf. Studien zeigen, dass in der Gruppe der Jugendlichen, die sich für eine berufliche Grundbildung entscheiden, nicht alle sozialen Schichten gleich stark vertreten sind. Jugendliche aus höheren sozialen Schichten wählen häufiger den allgemeinbildenden Weg, der zur gymnasialen Maturität führt, als den Weg in die Berufsbildung. Auch wenn die Durchlässigkeit des Schweizer Systems zumindest theoretisch sozioprofessionelle Mobilität für alle gewährleistet, bleibt die Berufsbildung trotz der vom Gesetz explizit geforderten Chancengleichheit ein Reproduktionsort sozialer Ungleichheit. Noch augenfälliger ist diese Ungleichheit beim Zugang zur dualen beruflichen Grundbildung. Denn dieser führt über die Suche nach einer Lehrstelle in einem kompetitiven Markt. Die Selektion künftiger Lernender ist ein Spannungsfeld zwischen der Freiheit der Unternehmen, ihre Mitarbeitenden selbst auszusuchen, und der Gefahr von sozialer Diskriminierung, etwa wenn weibliche Jugendliche oder junge Menschen mit Migrationshintergrund schwerer eine Lehrstelle finden. Solche Hindernisse beim Zugang zur beruflichen Grundbildung erhöhen die Dauer und die Komplexität des Übergangs von Schule zu Beruf und bringen so ausgerechnet einen der grossen Vorteile des Schweizer Modells in Gefahr: die Möglichkeit eines sanften und schrittweisen Übergangs in die Arbeitswelt.

Was die Qualität der Berufsbildung steigert

Der Sammelband spricht auch einige Herausforderungen an, die in direktem Zusammenhang mit der Bildungsqualität stehen. Dazu gehören etwa eine bessere Koordination der Lernorte und eine bessere Ausbildung der Berufsbildungsverantwortlichen. Im Zentrum steht dabei der Wissenstransfer an den drei Lernorten. Eine der Herausforderungen ist, dass die verschiedenen Akteure sich teilweise von ihren spezifischen Vorstellungen lösen müssen, um zu einer gemeinsamen, auf die lernende Person ausgerichteten Vision zu finden. Eine weitere Fragestellung ist, ob der Einsatz von Technologien den Austausch der vermittelten Kenntnisse und Haltungen zwischen den Lernorten vereinfachen kann. Wie kann – im Zeitalter der Digitalisierung – das didaktische Potenzial digitaler Technologien genutzt werden, um die Kommunikation und den Wissensaustausch zwischen den Lernorten zugunsten der Lernenden zu verbessern? Eine weitere Herausforderung bringt die Professionalisierung der Berufsbildungsverantwortlichen mit sich. Wie kann sichergestellt werden, dass Berufsbildende im Betrieb und Lehrpersonen über die erforderlichen fachlichen und pädagogischen Kompetenzen verfügen? Eine mögliche Antwort auf diese Frage könnte eine längere und anspruchsvollere pädagogische Ausbildung sein. Diese Lösung birgt jedoch die Gefahr, dass sich die Berufsbildenden und Lehrpersonen zu weit von der Berufspraxis entfernen. Denn gerade die Doppelrolle als Berufs- und Lehrperson, die nicht nur die Berufsbildenden in den Betrieben, sondern auch viele Lehrpersonen an Berufsfachschulen innehaben, ist eine Besonderheit und eine Stärke des Schweizer Berufsbildungssystems.

Schlüsselrolle der Berufsbildungsforschung

Mit der Zusammenstellung dieser unterschiedlichen Problemfelder zeigt das Werk deutlich die Bedeutung der Berufsbildungsforschung auf. Präzise Informationen und eingehende Untersuchungen zu den verschiedenen Aspekten des Systems eröffnen die Einsichten, die es braucht, um Herausforderungen zu erkennen und mögliche Lösungen zu entwerfen. Die wissenschaftliche Forschung im Berufsbildungsbereich hat sich in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt. Nur wenn sie weiter in diese Richtung geht, kann sie ihren Fortbestand und ihre Autonomie sichern.

Links und Literaturhinweise

Bonoli, L., Berger, J.-L., Lamamra, N. (Hrsg., 2018): Enjeux de la formation professionnelle en Suisse. Le «modèle» suisse sous la loupe. Zürich/Genf, Seismo Verlag.

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