Ausgabe 02 | 2015

Fokus "Migration und Integration"

Hochqualifizierte Stellensuchende

Wenn ein Uni-Abschluss nichts mehr wert ist

Die berufliche Integration von gut ausgebildeten Personen mit Migrationshintergrund verläuft häufig harzig. In Zürich stellen daher Mentorinnen und Mentoren ihr Netzwerk zur Verfügung.

Von Thomas Kenner, Journalist

Nune Arakelyan, Ökonomin, arbeitet heute als Securities Specialist bei einer Schweizer Bank. (Bild: zvg)

Nune Arakelyan, Ökonomin, arbeitet heute als Securities Specialist bei einer Schweizer Bank. (Bild: zvg)

Sie sind bestens ausgebildet und haben trotzdem Mühe, eine geeignete Stelle zu finden: Zugewanderte Arbeitssuchende mit tertiärem Bildungsabschluss, aber auch Auslandschweizer/innen, die in ihre Heimat zurückkehren. Eine Studie des soziologischen Institutes der Universität Basel zeigt, dass ausländische Akademiker/innen im Schnitt zwei- bis dreimal so stark von Arbeitslosigkeit betroffen sind wie Schweizer/innen. Besonders betroffen sind Angehörige von Drittstaaten (Staaten aus-serhalb EU/EFTA). Die Zürcher Organisation «Platform Networking for Jobs» kennt die paradoxe Situation von qualifizierten Stellensuchenden – gut ausgebildet und doch arbeitslos – und unterstützt sie seit zehn Jahren bei ihren Bemühungen. Die Gründe für die schwierige Stellensuche von gut ausgebildeten Zugewanderten sind neben der Nichtanerkennung von Bildungsabschlüssen und der oftmals ungenügenden Kenntnisse des Schweizer Arbeitsmarkts vor allem das Fehlen beruflicher Netzwerke. Personalfachleute sprechen davon, dass 70 bis 80 Prozent aller «Job Opportunities» über persönliche und lokale Netzwerke entstehen. Über 70 Prozent der Schweizer Unternehmen verwenden das Beziehungsnetz ihrer Mitarbeitenden für die Personalrekrutierung. Zu diesem Netz haben Zugewanderte aber meist keinen Zugang.

Fehlendes Netzwerk kompensieren

Um die Chancen von zugewanderten Akademikern auf dem Schweizer Arbeitsmarkt zu erhöhen, setzt «Platform Networking for Jobs» voll und ganz auf das Vernetzen der Stellensuchenden. Rund 200 Mentorinnen und Mentoren aus den verschiedensten Branchen stellen den Zugewanderten ihre Erfahrung und ihr Netzwerk zur Verfügung. Mit Erfolg: Rund 65 Prozent der Programmteilnehmenden finden eine Arbeit oder ein Praktikum. Das Angebot umfasst persönliche Beratung, Coaching, Mentoring, Assessments, Sprachkurse und Weiterbildungen. Zusätzlich zu den Mentorinnen und Mentoren verfügt «Platform Networking for Jobs» über einen Pool von Unternehmen, die Stellen, Praktikumsstellen und Integrationsprogramme anbieten. Zudem sind die Programmverantwortlichen in Kontakt mit der Stadt und dem Kanton Zürich. So werden bestehende Angebote genutzt und die Dienstleistungen der verschiedenen Organisationen koordiniert. Auch die Mentoren ziehen einen Gewinn aus ihrem Engagement: Im Gegenzug für ihre Freiwilligenarbeit bilden sie sich im Bereich Coaching und interkulturelle Kommunikation weiter.

Links und Literaturhinweise

www.networking-for-jobs.ch

Kasten

Zum Beispiel Nune Arakelyan

Nune Arakelyan, 27 Jahre alt, aus Armenien, ist im September 2011 der Liebe wegen in die Schweiz gekommen. Nach ihrer Heirat mit einem Schweizer lernte sie intensiv Deutsch. Schon bald hat sie sich in der Schweiz gut integriert gefühlt. In Armenien hatte sie Ökonomie mit Schwerpunkt Management studiert und bei der Bank HSBC gearbeitet. Als sie im Oktober 2012 bei «Platform Networking for Jobs» einstieg, hatte sie in der Schweiz bereits seit einem halben Jahr eine Stelle gesucht – ohne Erfolg. Bei «Platform Networking for Jobs» nahm sie an diversen Workshops teil und ergänzte ihre Bewerbungsunterlagen. Seit Dezember 2012 arbeitet Nune Arakelyan mit einer Mentorin zusammen. Bereits Mitte Januar 2013 konnte sie eine Stelle bei einer führenden Schweizer Bank als Securities Specialist antreten. Ihre Mentorin hatte ihr die wichtige Information zur vakanten Stelle vermittelt und mit ihr das Interview vorbereitet. Die Stelle war zwar befristet, bot aber eine ausgezeichnete Möglichkeit, Arbeitserfahrung zu sammeln und das Netzwerk zu erweitern. Und siehe da: Die befristete Anstellung von Nune Arakelyan wurde in eine Festanstellung umgewandelt.

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