Ausgabe 02 | 2014

BERUFSBERATUNG

Berufswahlentscheid von Frauen

Erfahrungen im Berufsfeld machen es aus!

Junge Frauen in der Ausbildung zu einem Männerberuf geben an, dass sie den Beruf deshalb gewählt haben, weil sie in ihrem Berufswahlprozess vielfältig unterstützt und bestärkt wurden.

Von Walter Herzog, Elena Makarova und Belinda Aeschlimann. Sie forschen an der Universität Bern, Institut für Erziehungswissenschaft, Abteilung Pädagogische Psychologie.

Die Tatsache, dass in der Schweiz typische Frauenberufe vorwiegend von Frauen und typische Männerberufe in erster Linie von Männern ausgeübt werden, führt nicht nur zu Engpässen bei der Rekrutierung von Arbeitskräften in naturwissenschaftlich-technischen Branchen, sondern auch zu ungleichen Berufs- und Lebenschancen von Frauen und Männern. Was für junge Frauen ausschlaggebend ist, einen Männerberuf zu wählen, zeigt die kürzlich abgeschlossene Nationalfondsstudie «Geschlechtsuntypische Berufs- und Studienwahlen junger Frauen», die im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 60 «Gleichstellung der Geschlechter» durchgeführt wurde. Für die Studie wurden 185 Berufsmaturitätsschülerinnen befragt, die sich in Ausbildung zu einem Männerberuf befinden (z. B. Informatikerin, Konstrukteurin). Ein Beruf wird dann als Männerberuf bezeichnet, wenn der Frauenanteil an den Beschäftigten im betreffenden Berufsfeld unter 30 Prozent liegt. Mit 71 Berufsmaturitätsschülerinnen führten die Forschenden persönliche Interviews. Die jungen Frauen wurden gefragt, was bei ihrer Berufswahl rückblickend den Ausschlag gegeben hat, einen von Frauen selten gewählten Beruf zu erwerben.

Ausweitung des Berufswahlspektrums

Die Unterstützung und Beratung durch Fachpersonen wie Berufsberatende eines BIZ war für eine Vielzahl der interviewten jungen Frauen rückblickend ausschlaggebend, um eine Berufslehre in einem männerdominierten Berufsfeld zu wählen. Der Einblick in ein durch die Beratung erweitertes Berufswahlspektrum erwies sich für die jungen Frauen als besonders wichtig, weil sie die vielfältigen Berufsmöglichkeiten im naturwissenschaftlich-technischen Bereich häufig nicht oder nur ungenügend kannten oder für sich selber nicht in Betracht gezogen hatten. So erzählte eine angehende Metallbaukonstrukteurin: «Ehrlich gesagt, habe ich gar nicht gewusst, dass es diesen Beruf überhaupt gibt. Erst durchs BIZ habe ich die verschiedenen Berufe kennengelernt.» Schnupperlehren werden von allen befragten Frauen als wichtiger Beitrag zu ihrer Berufsorientierung bezeichnet. Die Schnupperlehre hat ihnen viele positive Erfahrungen gebracht, die sie entscheidend bestärkt haben, einen männerdominierten Beruf zu wählen. Die Schilderungen zeigen aber auch, dass es die jungen Frauen anfänglich Überwindung kostete, in einem männerdominierten Berufsfeld schnuppern zu gehen. Eine Informatikerin blickt zurück: «Ich habe mich überwunden und bin dann mal schnuppern gegangen, und beim Schnuppern hat es mir einfach so gut gefallen, dass ich gefunden habe, dass will ich machen!» Andere Schülerinnen erzählen, dass sie nach dem Ausschlussprinzip vorgegangen seien und zuerst die Frauenberufe anschauten, bevor sie ihren Blick für weitere Berufsfelder geöffnet hätten.

Lehrpersonen und Eltern sind wichtig

Bei einigen der interviewten Frauen wurde das Interesse an einem frauenuntypischen Beruf durch Berufserfahrungen geweckt, von denen Lehrpersonen mathematisch-naturwissenschaftlicher Fächer im Unterricht auf der Sekundarstufe I berichteten. Ein Drittel der Schülerinnen mit geschlechtsuntypischer Berufswahl erinnerte sich, dass Lehrpersonen in ihrem Unterricht zudem auf konkrete berufliche Möglichkeiten und Perspektiven im Bereich von Mathematik und Naturwissenschaften hingewiesen hatten. Die Aussagen der Schülerinnen verdeutlichen, dass Informationen über Berufe und Unterstützung durch die Lehrpersonen beim Berufswahlprozess von grosser Bedeutung sind. Wichtige Stützen bei ihrer Berufsentscheidung waren nach Auskunft der jungen Frauen auch Personen im familiären Umfeld. Dabei erscheinen die Eltern an erster Stelle. Die Gründe, weshalb Vater oder Mutter für die jungen Frauen ausschlaggebend für ihre Berufswahl waren, sind vielfältig, lassen sich jedoch zusammenfassend auf drei Mechanismen zurückführen. Erstens auf das Interesse der Frauen an den Berufen der Eltern und die Möglichkeit, einen Einblick in deren Berufsfeld zu gewinnen, zweitens auf die Unterstützung durch die Eltern und drittens auf eine wahrgenommene charakterliche Ähnlichkeit mit den Eltern. Insgesamt zeigen die Ergebnisse der Studie, dass die Schule, die Eltern und die berufsberatenden Institutionen eine entscheidende Rolle im Prozess der beruflichen Orientierung der Jugendlichen spielen. Was ihre geschlechtsuntypische Berufswahl anbelangt, erweisen sich der Einblick in das Berufsfeld – durch direkte und indirekte Erfahrungen mit dem Beruf –, aber auch die Unterstützung und Bestärkung durch Personen des näheren sozialen Umfeldes als ausschlaggebend für die Wahl eines Männerberufes durch junge Frauen.

Links und Literaturhinweise

Projektseite «Geschlechtsuntypische Berufs- und Studienwahlen junger Frauen»: www.gbsf.unibe.ch
Nationales Forschungsprogramm 60 «Gleichstellung der Geschlechter»: www.nfp60.ch
Abteilung für die Gleichstellung von Frauen und Männern der Universität Bern (2013): Chancengleichheit. Aktionsplan Gleichstellung. Bern, Universität Bern.
Makarova, E., Herzog, W. (2014): Geschlechtsuntypische Berufswahlen bei jungen Frauen: Muss das Vorbild weiblich sein? In: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation (Nr. 1). Weinheim, Beltz Juventa.
Brüggemann, T., Rahn, S. (Hrsg., 2013): Berufsorientierung: Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Münster, Waxmann.

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