Ausgabe 02 | 2014

Fokus "Höhere Berufsbildung"

Arbeitsmarkt

Hoher Lohn erfordert hohen Titel

Diplome und Titel der höheren Berufsbildung sind auf dem Schweizer Arbeitsmarkt anerkannt und gut etabliert. Dies zeigt die «Befragung höhere Berufsbildung» durch die Beratungs- und Forschungsunternehmung Ecoplan. Allerdings ist die gute Position durch die zunehmende Akademisierung gefährdet.

Von Philipp Walker und Thomas Bachmann. Sie sind wissenschaftliche Mitarbeiter von Ecoplan und Autoren der vorliegenden Studie.

Die höhere Berufsbildung (HBB) stellt einen wichtigen Pfeiler des dualen Bildungssystems der Schweiz dar. Mit rund 425 verschiedenen Berufsprüfungen und höheren Fachprüfungen sowie 52 verschiedenen Fachrichtungen an höheren Fachschulen umfasst sie den berufsbildenden Bereich der Tertiärstufe (Tertiär B). Mit der stärkeren Internationalisierung des Arbeitsmarktes und der zunehmenden Bedeutung der Fachhochschulen wird bei verantwortlichen Fachpersonen und in der Politik darüber diskutiert, wie die Positionierung, der Stellenwert und die Finanzierung der HBB ausgestaltet werden müssen, damit diese auch zukünftig für junge Arbeitskräfte attraktiv bleibt. Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) hat deshalb gemeinsam mit den Organisationen der Arbeitswelt und den Kantonen Anfang 2013 ein strategisches Projekt «Stärkung der Höheren Berufsbildung» initiiert. Im Rahmen der Arbeiten hat sich gezeigt, dass nur wenige Informationen darüber existieren, wie die Titel der HBB in der Praxis wahrgenommen und bewertet werden. Aus diesem Grund führte Ecoplan AG im Auftrag des SBFI eine Befragung bei für die Personalrekrutierung zuständigen Personen in Unternehmen mit Sitz in der Schweiz durch. Insgesamt wurden 5865 rekrutierungsverantwortliche Personen eingeladen, ihre Einschätzung u. a. bezüglich Sichtbarkeit, Wahrnehmung und Beurteilbarkeit der Titel der höheren Berufsbildung vorzunehmen. Insgesamt haben 868 Personen an der Online-Umfrage teilgenommen.

Höhere Berufsbildung ist gut verankert

Aus der Befragung geht hervor, dass die Titel der höheren Berufsbildung im schweizerischen Arbeitsmarkt einen hohen Stellenwert geniessen. In 93 Prozent der befragten Unternehmen ist mindestens eine Person mit einem eidgenössischen Diplom oder Fachausweis angestellt, in 75 Prozent sogar mehrere Personen. Insbesondere im Baugewerbe, in der verarbeiteten Industrie, im Handel, aber auch im Banken- und Versicherungswesen sind entsprechende Titel häufig vertreten. Absolventen von höheren Fachschulen sind ebenfalls in 90 Prozent der Unternehmen vorhanden, wobei diese Diplome vor allem im Gesundheits- und Sozialwesen sehr beliebt sind. Im Vergleich zu HBB-Abschlüssen sind Hochschulabschlüsse in allen Branchen weniger häufig vertreten. Starke Präferenzen für Hochschulabschlüsse haben vor allem die öffentliche Verwaltung und Unternehmen aus der wissenschaftlichen/technischen Dienstleistungsbranche. Die Verbreitung der HBB dürfte mit ein Grund dafür sein, dass sich die Rekrutierungsverantwortlichen selber einen hohen Kenntnisstand zur höheren Berufsbildung und zum schweizerischen Bildungssystem im Allgemeinen attestieren. Auch sind sie mehrheitlich der Ansicht, dass sie die ausbildungsspezifischen Kompetenzen und Eigenschaften der Diplome gut bis sehr gut beurteilen können. Zu den Kompetenzen von Personen mit einem HBB-Titel zählen die Befragten fachspezifisches Wissen, selbstständiges Arbeiten und Praxiswissen. Eher als Kompetenzen der Hochschulabgänger werden hingegen generalistisches und breites Wissen, methodisches und vernetztes Denken sowie wissenschaftliches Arbeiten, aber auch Führungsqualifikationen bezeichnet. Erwartungsgemäss können Personen ausbildungsspezifische Kompetenzen besser einschätzen und beurteilen, wenn sie selbst einen entsprechenden Bildungshintergrund haben oder in einer Branche tätig sind, in der die entsprechenden Titel stärker verbreitet sind. Generell lässt sich jedoch feststellen, dass die Rekrutierungsverantwortlichen die ausbildungsspezifischen Kompetenzen von Kandidierenden mit einem HBB-Titel gemäss der Selbsteinschätzung klar besser einschätzen können als die Kompetenzen der Hochschulabgängerinnen und -abgänger.

Geringe Bedeutung der Bildungs-titel im Rekrutierungsprozess

Für eine Standortbestimmung der höheren Berufsbildung ist von besonderem Interesse, welche Bedeutung den Bildungstiteln im Rekrutierungsprozess bzw. bei der Karriereentwicklung beigemessen wird und wie die HBB-Titel in Konkurrenz zu anderen Bildungstiteln stehen, speziell den Tertiärtiteln. Entgegen den Erwartungen beurteilen die Rekrutierungsverantwortlichen die Konkurrenz zwischen den Titeln im Rekrutierungsprozess als gering. Eine mögliche Erklärung ist, dass die Rekrutierungsverantwortlichen für spezifische Aufgaben häufig klare Präferenzen für eine Person mit Hochschulabschluss oder eine Person mit HBB-Abschluss haben. Welche Ausbildung bevorzugt wird, ist einerseits stark vom Anforderungsniveau der Stelle und von spezifischen Unternehmensmerkmalen (z. B. Branche) abhängig. Generell lässt sich festhalten, dass je höher das geforderte Qualifikationsniveau ist, desto häufiger werden Personen aus dem akademischen Umfeld bevorzugt. So favorisieren 48 Prozent der Unternehmen für Managementfunktionen und Führungsaufgaben tendenziell eine Person mit Hochschulabschluss, für die Verrichtung von selbstständiger und qualifizierter Arbeit bevorzugen hingegen 64 Prozent der Unternehmen eine Person mit HBB-Titel. Die Präferenzen für einen spezifischen Abschluss sind andererseits aber auch stark vom eigenen Bildungshintergrund der Rekrutierungsverantwortlichen geprägt, tendenziell mit einer Vorliebe für den eigenen Titel. Im Rekrutierungsprozess hat die Bedeutung der Titel der Kandidierenden in den letzten zwei Jahren eher zugenommen, und entsprechend dürfte auch die Konkurrenz zwischen den Titeln zukünftig steigen. Insgesamt messen die Rekrutierungsverantwortlichen den Titeln bei der ersten Auswahl von Kandidaten (auf Dossier-Ebene) nur eine mittlere Bedeutung zu. Eigenschaften wie Berufserfahrung und Teamfähigkeit/Sozialkompetenz haben stärkeres Gewicht. Einen deutlich stärkeren Einfluss haben die Titel jedoch auf den Lohn und die Karriere der Personen. In rund 72 Prozent der Unternehmen hat der Titel einen Einfluss auf die Lohnstufe. In einem Drittel der Unternehmen können gewisse Lohnstufen gar ausschliesslich mit akademischen Titeln (Universität oder Fachhochschule) erreicht werden. Analog zur Lohnstufe gibt es in 65 Prozent der befragten Unternehmen bestimmte Führungspositionen, welche nur mit einem Hochschulabschluss ausgeübt werden können, und in mehr als der Hälfte der Unternehmen kann ohne universitären Bildungsabschluss keine Geschäftsleitungsfunktion übernommen werden. Somit sind die Titel unabhängig von der Bedeutung im Rekrutierungsprozess für die persönliche Karriere- und Lohnentwicklung von grosser Wichtigkeit.

Fazit zur Positionierung und Standortbestimmung

Aufgrund dieser Rückmeldungen können der Bekanntheitsgrad, die Sichtbarkeit, die Wahrnehmung und die Beurteilung der höheren Berufsbildung grundsätzlich als positiv beurteilt werden. Die Ergebnisse der Befragung weisen aber auch auf diverse Herausforderungen hin:
- Die Beurteilung und Wahrnehmung variiert stark nach Tätigkeitsfeld, Grösse der Unternehmung und Bildungshintergrund der befragten Person. Hauptsächlich bei Rekrutierungsverantwortlichen mit Hochschulabschluss und ausländischem Bildungshintergrund besteht Steigerungspotenzial bezüglich Beurteilung und Wahrnehmung der HBB-Titel.
- HBB-Titel werden nur bedingt mit Führungskompetenzen in Verbindung gebracht. Demnach existiert eine klare Diskrepanz zwischen Wahrnehmung auf dem Arbeitsmarkt und Zielen der höheren Berufsbildung.
- Die Bedeutung der Titel im Rekrutierungsprozess hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Daher wird die richtige Positionierung und Beurteilung der Kompetenzen der HBB-Titel in Zukunft an Bedeutung gewinnen.
- In mehreren Unternehmen sind einzelne Kaderstufen nur mit einem akademischen Titel zugänglich. Da rekrutierungsverantwortliche Personen in der Tendenz Personen mit demselben Bildungshintergrund bevorzugen, besteht die Gefahr, dass sich künftig die bereits bestehende Präferenz für Hochschulabsolvierende bei der Rekrutierung von Führungs- und Managementpersonal weiter verstärkt.
Diese Punkte zeigen, dass trotz der guten Ausgangslage die Positionierung der HBB weiter zu verbessern ist. Dabei ist insbesondere von Interesse, dass die Kompetenzen der HBB-Titel vermehrt auch von Personen ohne entsprechende eigene Bildungserfahrung in der Berufsbildungslandschaft richtig wahrgenommen werden. Ansonsten besteht die Gefahr, dass bei einer Akademisierung der Führungsebenen die höhere Berufsbildung für junge Arbeitskräfte aufgrund fehlender Aufstiegsmöglichkeiten an Attraktivität verliert.

Links und Literaturhinweise

Ecoplan (2013): Befragung Höhere Berufsbildung. Wahrnehmung und Beurteilung der höheren Berufsbildung auf dem Arbeitsmarkt. Bern, SBFI.

Kasten

«NDS HF plus»: Via höhere Berufsbildung an eine Hochschule

Die «Zulassungspraxis zur akademischen Weiterbildung» ist für Absolventen der höheren Berufsbildung (HBB) sehr heterogen. Dies zeigte vor zwei Jahren eine gleichnamige Studie. In einigen CAS/MAS würden zum Teil Absolvierende der HBB aufgenommen, die nicht mithalten können; in anderen werden sie als «Füllmasse» für die Kurse verwendet. Der bildungssystematisch unbefriedigende Übergang ist einer der Hintergründe für ein Konzept von KV Zürich Business School mit dem Titel «NDS HF plus». Es soll Absolvierenden der HBB erlauben, mit adäquatem Aufwand einen verlässlichen Zugang zur akademischen Bildungswelt zu erhalten – jenseits von «Sur-Dossier»-Zufälligkeiten. Im internationalen Geschäftsumfeld sei ein akademischer Abschluss immer entscheidender, vor allem im Bereich Wirtschaft, wird argumentiert. Gleichzeitig stärke das Modell die höhere Berufsbildung: Es erleichtert den Zugang zur höheren Fachprüfung (HFP), indem Module an die Vorbereitungskurse oder die Prüfung selber angerechnet werden. Als Umsetzungsbeispiel wird ein NDS HF General Management mit verschiedenen Vertiefungsrichtungen genannt. Die Vertiefungsrichtung HR-Management etwa wird an die HFP Leiterin/Leiter Human Resources sowie als CAS am ZHAW-Zentrum für Human Capital Management angerechnet. Kooperationspartner der Business School auf Stufe Fachhochschule sind die ZHAW und die HWZ, weitere Partner sind die Controller-Akademie und HRSE. Die Bildungsgänge der höheren Berufsbildung sind akkreditierungspflichtig, während die Anrechnung durch die Fachhochschulen in deren Kompetenz liegt. Die NDS starten im Oktober 2014 mit mutmasslich 40 Absolvierenden. dfl

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Nr. 4 | 2016
Bürokratie

Nichts ist einfacher, als sich über die «Bürokratie» aufzuregen. Aber wo gibt es sie in der Berufsbildung, Berufsberatung und Arbeitsvermittlung wirklich? Wie hat sie sich entwickelt und wie könnte ihre Zukunft aussehen? Und: Wer arbeitet eigentlich mit welcher Motivation in der «Bürokratie»? Antworten dazu finden Sie im nächsten Heft.