Ausgabe 01 | 2014

BERUFSBERATUNG

Forschung

Ein Vertrauensverhältnis verstärkt die Wirkung der Beratung

Studien zur Laufbahnberatung befassen sich vermehrt mit der Beziehung zwischen Beratungsperson und ratsuchender Person. Ein gutes Vertrauensverhältnis bringt bessere Resultate. So nimmt beispielsweise das Ausmass an Unentschlossenheit ab.

Von Sophie Perdrix, Berufs- und Laufbahnberaterin bei Tremplin-Jeunes in Genf

Der gelungene Transfer theoretischer Kenntnisse in die Praxis erhöht die Beratungsqualität. (Bild: Fotolia)

Der gelungene Transfer theoretischer Kenntnisse in die Praxis erhöht die Beratungsqualität. (Bild: Fotolia)

Am Institut für Psychologie der Universität Lausanne hat die Erforschung von Beziehungsaspekten in der Laufbahnberatung einen zentralen Stellenwert. Dies entspricht einem «psychologischen» Ansatz in der Laufbahnberatung (vgl. Kasten), der dem Aufbau einer Vertrauensbeziehung zwischen beratender und ratsuchender Person eine zentrale Rolle einräumt. In diesem Zusammenhang untersuchen die Forschenden, welche Umstände eine fruchtbare Allianz zwischen Berufsberater und Klient begünstigen.

Erfolgsfaktoren in Beratungen

Verschiedene Untersuchungen zur Wirkung der Laufbahnberatung gelangen zu folgendem Schluss: Der Wirkungsgrad ist alles andere als homogen und hängt von der Art der Intervention, von der Zielgruppe und von den eingesetzten Instrumenten und Methoden ab. Die Begleitprozesse und Probleme, die Laufbahnberater bei ihrer Arbeit antreffen, sind so vielfältig, dass nicht selten der Eindruck entsteht, sie würden mehrere, ganz unterschiedliche Berufe ausüben. Wünschenswert wäre selbstverständlich, dass die Laufbahnberatung für alle ratsuchenden Personen gleich effizient ist, für den jungen Lehrabbrecher ebenso wie für die junge Frau am Ende der obligatorischen Schulzeit, den hochqualifizierten Klienten, der sich neu orientieren will, und die Klientin kurz vor dem Ruhestand. Die Forschung steht also vor der heiklen Aufgabe, die Wirkung einer von grosser Heterogenität gekennzeichneten Beratungstätigkeit zu untersuchen. Eine optimale Wirkung wird dann erzielt, wenn die folgenden Voraussetzungen erfüllt sind: Eine Laufbahnberatung, ob individuell oder in der Gruppe durchgeführt, die auf einer guten Beziehung zwischen beratender und ratsuchender Person gründet, erzielt im Vergleich zu anderen Interventionen die beste Wirkung. So hat etwa eine computerbasierte Evaluation ohne Begleitung durch einen Laufbahnberater kaum Einfluss auf die weitere Entwicklung der Klienten. Auch die Beratungsstruktur scheint eine wichtige Rolle zu spielen. Eine Meta-Analyse hat gezeigt, dass nach vier bis fünf Beratungsgesprächen die besten Ergebnisse erzielt werden. Die Meta-Analyse hat überdies die fünf Schlüsselkomponenten für eine effiziente Laufbahnberatung identifiziert:
– Die Klienten werden zum schriftlichen Reflektieren angehalten.
– Die Klienten erhalten individuelle Feedbacks und Auswertungen.
– Die Berater bedienen ihre Klienten mit konkreten Informationen über die Arbeitswelt.
– Die Beraterinnen zeigen den Klienten «Erfolgsmodelle» auf.
– Die Beraterinnen berücksichtigen die Unterstützung, die ihre Klienten in ihrem Umfeld erhalten. Weiter geht aus Studien hervor, dass eine wirksame Laufbahnberatung sowohl «berufliche» Variablen (Berufsreife, Unentschlossenheit, die Fähigkeit, Informationen zu beschaffen) als auch «persönliche» Variablen (Angstgefühle oder Selbstwahrnehmung) zu beeinflussen vermag. All dies zeigt, wie wichtig es ist, die Wirksamkeit von Interventionen zu untersuchen und die Gründe für diese Wirksamkeit zu beleuchten. Die Untersuchung der Laufbahnberatungsprozesse kann also eine Vielzahl von Informationen liefern. Idealerweise sollten diese Erkenntnisse nicht nur von der Forschung genutzt werden, sondern auch in die Praxis einfliessen, beispielsweise indem man den Beziehungsmechanismen innerhalb der Laufbahnberatung die notwendige Aufmerksamkeit schenkt.

Eine gute Beziehung wirkt

Die Universität Lausanne hat eine breit angelegte Studie zu den unmittelbaren und längerfristigen Auswirkungen der Laufbahnberatung durchgeführt (vgl. PANORAMA 2/2010). Dabei wurde auch untersucht, wie Beziehungsaspekte die Wirksamkeit der Laufbahnberatung beeinflussen. Zu den wichtigsten Schlussfolgerungen der Studie gehört die Erkenntnis, dass die Laufbahnberatung als langfristiger Prozess verstanden werden muss, der neben der Beratungsphase auch die Verwirklichung der beruflichen Ziele umfasst. Über ein Jahr hinweg konnte im Rahmen der Studie beobachtet werden, wie die Unentschlossenheit bei den Klienten nachliess und die Laufbahnberatung insbesondere die Motivation steigerte. Die Ergebnisse legen nahe, dass man sich eingehender mit der Frage befassen sollte, wie sich die gemessene Wirkung über einen längeren Zeitraum entwickelt und was aus den in den Beratungsgesprächen erarbeiteten beruflichen Plänen wird. Gerade bei den schwächsten Klienten ist es wichtig, diese Integrationsphase in die Laufbahnberatung einzubeziehen. Und doch wird in der Praxis und in der Forschung gerade diese Phase oft vernachlässigt. Weiter zeigt die Studie, dass Untersuchungen der Laufbahnberatungsprozesse wichtig sind, insbesondere wenn sie Beziehungsaspekte näher beleuchten. Die Forscher konnten belegen, dass der Aufbau einer Vertrauensbeziehung die Wirkung der Laufbahnberatung verstärkt: Je positiver die ratsuchende und die beratende Person ihre Beziehung beurteilen, desto stärker nahm die Unentschlossenheit der Klienten im Laufe der Berufsberatung ab. Schliesslich konnte die Studie nachweisen, dass das «diagnostische» Modell, das den Ursachen für die Unentschlossenheit (wie etwa einem unzureichenden Selbstbild, mangelnden Berufsinformationen oder mangelhaften Kenntnissen des Berufswahlprozesses) nachgeht, in der Laufbahnberatung durchaus Sinn macht.

Ansätze für eine wirkungsvollere Laufbahnberatung

Die Modellierung der Problematik im Zusammenhang mit der Unentschlossenheit bei der Berufswahl ist komplex. Dafür können mit einer solchen Vorgehensweise emotionale Ursachen der Unentschlossenheit wie Angst oder Pessimismus, aber auch tiefer liegende Probleme identifiziert werden, die ihre Wurzeln in der Persönlichkeit der Betroffenen haben. Die Universität Lausanne arbeitet zurzeit an der Validierung eines französischen Fragebogens, der der «chronischen Unentschlossenheit» auf den Grund zu gehen versucht. Aus klinischer Sicht können solche Hilfsmittel zu einer rascheren Erfassung von Problemen beitragen. Sie liefern der Forschung aber auch wertvolle Hinweise darauf, warum jemand eine Berufsberatung aufsucht. Anhand des medizinischen Modells lässt sich feststellen, was unter welchen Bedingungen für wen funktioniert. So gelangt man letztlich zu einer «schlüsselfertigen» Intervention für jeden Einzelfall. Stellen wir uns beispielsweise eine Querschnittuntersuchung verschiedener psychologischer Interventionsarten vor, etwa eine qualitative Untersuchung von Beratungsgesprächen durch Codierung von Beziehungsgesten. Eine solche Untersuchung könnte aufzeigen, ob bestimmte Arbeitsweisen wie aktives Zuhören oder der Einsatz «therapeutischer» Hilfsmittel die Wirksamkeit der Beratung erhöhen. Therapeutische Hilfsmittel, die der Motivationssteigerung dienen, müssten natürlich in erster Linie auf die Bedürfnisse der schwächsten Klienten zugeschnitten werden. Um die Motivation näher zu beleuchten, ist an der Universität Lausanne eine Dissertation in Vorbereitung, die sich mit motivationsfördernden Beratungsgesprächen befasst.

Konfliktbeladener Austausch zwischen Theorie und Praxis

Schliesslich darf man nicht vergessen, dass die Wirkungsoptimierung an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis liegt. Historisch betrachtet liegen Theorie und Praxis miteinander im Konflikt. Einerseits neigt man dazu, theoretische Kenntnisse als schwer auf die Praxis übertragbar abzutun. Dagegen kann man allerdings einwenden, dass die Forschung sich der wahren Probleme, die in der Praxis auftauchen, annehmen muss. Letztlich sind es Weiterbildungen und all die Instrumente, die den Austausch zwischen Theorie und Praxis begünstigen, mit denen sich die Beratungsqualität verbessern lässt.

Links und Literaturhinweise

Perdrix, S. (2013): Efficacité du counseling d’orientation: impacts de l’alliance de travail et du contexte psychosocial. Dissertation. Lausanne, Universität Lausanne.
Brown, S. D., Rector, C. C. (2008): Conceptualizing and diagnosing problems in vocational decision making. In: Brown, S. D. & Lent, R. W. (Hrsg.), Handbook of Counseling Psychology (S. 392-407). New York, Wiley.
Masdonati, J., Perdrix, S., Massoudi, K., Rossier, J. (2013): Working alliance as a moderator and a mediator of career counseling effectiveness. In: Journal of Career Assessment. Londres, Sage.
Perdrix, S., Stauffer, S., Masdonati, J., Massoudi, K., Rossier, J. (2012): Effectiveness of career counseling: a one-year follow-up. In: Journal of Vocational Behavior (Nr. 2 [80], S. 565-578). Elsevier.
Saka, N., Gati, I. (2007): Emotional and personality-related aspects of persistent career decision-making difficulties. In: Journal of Vocational Behavior (Nr. 3 [71], S. 340-358). Elsevier.

Kasten

Eine zeitgemässe Definition der Laufbahnberatung

Die Laufbahnberatung lässt sich anhand von fünf Kriterien definieren:
– Evaluieren: Qualitative und quantitative Evaluationsinstrumente werden in der Laufbahnberatung seit jeher eingesetzt, um die Situation der ratsuchenden Personen zu erfassen. Die zahlreichen Tests und Fragebögen, die der Ermittlung von Interessen, Persönlichkeitsmerkmalen, Werten und Fähigkeiten dienen, sind für Berufsberatende unerlässliche Hilfsmittel. Diese Definition greift allerdings zu kurz; sie muss um weitere Aspekte erweitert werden.
– Entwickeln: Die Laufbahnberatung ist als fortlaufender Prozess zu betrachten, in dessen Verlauf der Klient sich selbst kennenlernt und seine berufliche Laufbahn ständig weiterentwickelt.
– Beziehung schaffen: Der Beizug klinischer Literatur, vor allem aus dem Bereich der Laufbahnberatung, ist wichtig, denn sie positioniert die Laufbahnberatung als psychologische Intervention.
– Kontext einbeziehen: Dank der Vertrauensbeziehung kann die Laufbahnberatung Klienten zu einem selbständigen Umgang mit Problemen führen, vor allem mit kontextbedingten Problemen wie Arbeitslosigkeit und Diskriminierung.
– Ganzheitlich handeln: Die Laufbahnberatung greift bevorzugt auf beruflicher Ebene (Berufsberatung, Ausbildung, Eingliederung) ein, ohne dabei die anderen Lebensbereiche und ihr Zusammenspiel zu vernachlässigen.

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