Ausgabe 04 | 2013

BERUFSBILDUNG

Lehrabbruch

Risiken erkennen und Hilfe anbieten

Das europäische Projekt PraeLAB will Lehrabbrüche verhindern. Zentrales Element ist ein Diagnosetool mit Schulung, um das Risiko einer Lehrvertragsauflösung früh zu erkennen.

Von Lars Balzer, Leiter Fachstelle Evaluation des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung (EHB), und Andreas Grassi, mandatierter Projektverantwortlicher am EHB.

Mit smK72+ das Risiko einer vorzeitigen Lehrvertragsauflösung abschätzen: Unter «akut» erscheinen Lernende, die über einen Ausbildungsabbruch nachdenken. (Quelle: kompetenzscreening.ch)

Mit smK72+ das Risiko einer vorzeitigen Lehrvertragsauflösung abschätzen: Unter «akut» erscheinen Lernende, die über einen Ausbildungsabbruch nachdenken. (Quelle: kompetenzscreening.ch)

Rund 20% der Lehrverhältnisse werden vorzeitig aufgelöst. Zwar sind Lehrvertragsauflösungen nicht grundsätzlich negativ, der Wiedereinstieg ist aber für betroffene Jugendliche in keinem Fall leicht. Eine Lehrvertragsauflösung stellt das grösste Risiko dar, ohne Ausbildungsabschluss zu bleiben. Das europäische Projekt PraeLAB will die Prävention von Ausbildungsabbrüchen verbessern. Das EHB hat im Rahmen dieses Projekts ein Verfahren entwickelt, das sich an Berufsbildnerinnen und Berufsberater richtet. Sie werden in einer dreitägigen Schulung befähigt, Lernende mit hohem Abbruchrisiko zu identifizieren, zu beraten und ihnen Hilfestellungen anzubieten. Am ersten Kurstag geht es um die Früh-erfassung. Während der dreimonatigen Probezeit der beruflichen Grundbildung gilt es, möglichst schnell und zuverlässig herauszufinden, ob die Lernenden den Anforderungen des Lehrberufs gewachsen sind. Ein wesentliches Hilfsmittel ist dabei ein Online-Diagnosetool. Mit einem Set von Fragen ermöglicht es die Selbst- und Fremdeinschätzung der überfachlichen Kompetenzen der Lernenden, die für das Scheitern oft entscheidend sind. Darüber hinaus lässt sich das akute oder latente Lehrabbruchrisiko aufzeigen. Das Diagnosetool trägt den klingenden Namen smK72+. Das «s» für soziale, das «m» für methodische und das «K» für Kompetenzen. Die Zahl 72 gibt an, dass die Sozial- und Methodenkompetenzen mit 72 zu bewertenden Aussagen gemessen werden. Das «+» steht für die Ergänzung um weitere Inhalte, insbesondere personale Kompetenzen und die Diagnose des Abbruchrisikos. Mit einer grafischen Rückmeldung für die Lernenden zeigt smK72+, wie ihre Selbsteinschätzung im Vergleich zu anderen Lernenden ausfällt. Die für die Früherfassung verantwortliche Person erhält weitere Informationen zur Gruppe sowie über ein akut oder latent vorhandenes Abbruchrisiko (vgl. Grafik). Die Kursteilnehmenden lernen am ersten Tag das Diagnoseinstrument kennen, bedienen und die Resultate nach verschiedenen Gesichtspunkten zu interpretieren. Nach dem ersten Kurstag führen sie mit einer Gruppe Lernender eine Diagnose durch. Im Zentrum des zweiten Kurstages geht es um die Analyse und Interpretation dieser Daten. Einen hohen Stellenwert hat auch die Vorbereitung der Rückmeldungen sowie der kurzen Erstgespräche mit gefährdet scheinenden Lernenden. Diese Gespräche finden nach dem zweiten Kurstag statt und werden zu Beginn des dritten Kurstages reflektiert. Anschliessend werden die smK72+-Daten vertieft analysiert, die Möglichkeit weiterer Fremdeinschätzungen geprüft und der Übergang von der Diagnose zur Förderung geklärt. Im Anschluss an den dritten Kurstag werden in einem vertieften Gespräch mit den gefährdeten Lernenden die Diagnoseergebnisse und Fördermassnahmen besprochen. Erfahrungen aus der Schweiz und Erkenntnisse aus den Erprobungsphasen in den Ländern des EU-Projektes zeigen, dass das Verfahren in der Berufswahl, Berufsentwicklung und Frühförderung eine wichtige Rolle spielen kann. Zudem kann es Hilfsmittel sein, Abbruchtendenzen frühzeitig zu erkennen, zu thematisieren und mit geeigneten Massnahmen zu vermindern. Nun besteht Bedarf nach Begleitforschung, die die Möglichkeiten und Grenzen des Ansatzes zeigt und Ergebnisse dokumentiert.

Links und Literaturhinweise

www.praelab-hdba.eu/home/
 
Balzer, L., Grassi, A. (2013): Prävention von Lehrabbrüchen - das Projekt PraeLab. In: Neuenschwander, M.P. (Hrsg.): Selektion in Schule und Arbeitsmarkt. Zürich, Rüegger Verlag.

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