Ausgabe 06 | 2012

BERUFSBILDUNG

Kompetenzentwicklung

Eine Betriebslehre macht tüchtig

Eine Ausbildung im Betrieb spornt Lernende dazu an, sich anzustrengen. Mittelschulen dagegen scheinen Motivation und Durchhaltevermögen eher zu hemmen. Das zeigen die Resultate des Kinder- und Jugendsurvey Cocon.

Von Sybille Bayard und Monika Staffelbach. Die beiden Soziologinnen arbeiten am Jacobs Center for Productive Youth Development der Uni Zürich.

Der Weg, den Jugendliche nach der obligatorischen Schulzeit einschlagen, prägt die Entwicklung ihrer produktiven Kompetenzen. Das zeigen Ergebnisse des Schweizerischen Kinder- und Jugendsurvey Cocon. Unter produktiven Kompetenzen werden Ressourcen verstanden, die eine effi ziente und effektive Handlungsausführung ermög lichen. Dazu gehören die Anstrengungsbereitschaft und das handlungsorientierte Ressourcenmanagement, welches das Anpacken und Erfüllen von Aufgaben beinhaltet. Die Jugendlichen mussten sich zum Beispiel zu Aussagen äussern wie: «Auch bei einer mühsamen Arbeit gebe ich nicht auf, bis ich ganz fertig bin.» Obwohl diese Selbsteinschätzungen aufgrund subjektiver Wahrnehmungen nicht unbedingt mit den «effektiven » Kompetenzen übereinstimmen, bestimmen sie das Handeln der Jugendlichen.

Jugendliche, die mit einer Berufslehre beginnen, zeigen eine markante Steigerung der Anstrengungsbereitschaft zwischen dem 15. und 18. Lebensjahr. Bei Jugendlichen, die im schulischen Kontext (Gymnasium, Fachmittelschule, schulische Berufsausbildung) verbleiben, stagniert diese hingegen (siehe Abb.). Lernende im Betrieb verbessern ebenfalls ihr Ressourcenmanagement, während bei Jugendlichen im schulischen Kontext sogar ein Rückgang zu verzeichnen ist. Dass Lernende im Betrieb ihre produktiven Kompetenzen höher einschätzen, führen wir darauf zurück, dass sie in ein Team eingebunden sind, klar defi nierte Aufgaben haben und Verantwortung für ihr Tun tragen. Das unmittelbare Feedback auf ihre Leistung motiviert und spornt an. Bei Jugendlichen in schulischen Ausbildungen wird hingegen Anstrengung und Aufgabenerfüllung im Peers-Kontext eher mit Strebertum in Verbindung gebracht, was zu stagnierenden bis sinkenden Einschätzungen beitragen könnte.

Misserfolg als Ansporn?

Auch Jugendliche, die den Übertritt in eine zertifi zierende Ausbildung der Sekundarstufe II erst nach einer oder mehreren Zwischenlösungen schaffen, schätzen sich höher ein. Da die Berufslehre die häufi gste Anschlusslösung nach einer Zwischenlösung ist, dürften die gleichen kontextbezogenen Argumente zutreffen, wie sie bereits weiter oben dargestellt worden sind. Beim Ressourcenmanagement haben diese Jugendlichen den niedrigsten Ausgangswert mit der stärksten Steigung. Der verspätete Übertritt nach gewissen Misserfolgen wirkt sich demnach besonders motivierend aus.

Auf den ersten Blick erstaunlich: Auch Jugendliche, die den Übergang in eine zertifi zierende Ausbildung bis zum 18. Lebensjahr nicht geschafft haben, schätzen ihre produktiven Kompetenzen zum zweiten Messzeitpunkt höher ein. Sie führen möglicherweise ihren fehlenden Ausbildungsplatz auf ihre persönlichen Defi zite zurück. Sie setzen nun einen stärkeren Fokus auf Anstrengung und Aufgabenerfüllung, da sie vermutlich merken, dass ein Einstieg in eine zertifi zierende Ausbildung nur noch mit einem hohen Einsatz gelingen kann.

Links und Literaturhinweise

www.cocon.uzh.ch

Kasten

Cocon

ist eine repräsentative Längsschnittstudie des Jacobs Center for Productive Youth Development der Universität Zürich. Sie wird durch den Schweizerischen Nationalfonds unterstützt und untersucht seit 2006 die Lebensverhältnisse und die psychosoziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in der Deutsch- und Westschweiz aus einer Lebensverlaufsperspektive. Die hier präsentierten Ergebnisse basieren auf Selbsteinschätzungen der ersten (2006, 15-jährig) und der dritten Befragungswelle (2009, 18-jährig).

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