Ausgabe 04 | 2019

BERUFSBILDUNG

Interview mit Martina Hirayama, Staatssekretärin SBFI

«Wie die Polymere»

Seit einem halben Jahr hat die Berufsbildung mit Bundesrat Guy Parmelin und Martina Hirayama zwei neue Köpfe an der Spitze. Im Gespräch macht die Staatssekretärin des SBFI deutlich, wie wichtig ihr die Verbundpartnerschaft ist.

Interview: Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Martina Hirayama, Staatssekretärin des SBFI, im Gespräch mit PANORAMA: «Ich werde dieses Jahr alle Kantone besuchen.» (Bild: Adrian Moser)

Martina Hirayama, Staatssekretärin des SBFI, im Gespräch mit PANORAMA: «Ich werde dieses Jahr alle Kantone besuchen.» (Bild: Adrian Moser)

PANORAMA: Martina Hirayama, Sie sind seit einem halben Jahr Direktorin des SBFI. An der jüngsten Verbundpartnertagung erklärten Sie, dass Sie sich stärker in die Berufsbildung einbringen wollen. Spürt das Josef Widmer, der stellvertretende Direktor des SBFI? Martina Hirayama: Das spürt er ganz sicher, zumal er sich seinerseits öfter in den Bereich der Universitäten, der Forschung und der Innovation einbringt. Wir haben ein gutes gemeinsames Verständnis für unsere Zusammenarbeit; ich bin neugierig, lerne vieles kennen. Ich denke, das gilt auch für ihn.

Warum fordern Sie diesen Austausch?
Bildung, Forschung und Innovation bilden ein Gesamtsystem. Das zeigt sich etwa an der Berufsbildungsforschung selbst, die im akademischen Raum erfolgt, aber die Berufsbildung zum Gegenstand hat. Oder daran, dass das Bildungssystem durchlässig ist: So treten Lernende aus der Berufsbildung in Fachhochschulen ein. Letztlich ist das System nur so stark wie die einzelnen Elemente es sind.

Das klingt nach den Polymeren, mit denen Sie sich als Forscherin beschäftigt haben.
Man kann das tatsächlich so sehen. Polymere bestehen aus vielen Monomeren, die ihre interessanten Eigenschaften erst im Verbund entwickeln. Auch die Berufsbildung besteht aus vielen Komponenten, die nur gemeinsam den Erfolg des Systems ausmachen.

Mit Berufsbildung hatten Sie bis vor Ihrem Eintritt ins SBFI kaum zu tun. Empfinden Sie das als Nachteil?
Das ist nicht richtig. Die letzten acht Jahre war ich Direktorin der School of Engineering an der ZHAW. Hier verfügen 80 Prozent der Studierenden über eine berufliche Grundbildung und Berufsmaturität. Ich kenne die Berufe, die sie durchlaufen haben, und hatte mit vielen Lehrbetrieben und Berufsfachschulen Kontakt.

Der Bundesrat hat Sie unter anderem darum gewählt, weil Sie «Bund und Kantone noch näher zusammenführen» können, wie alt Bundesrat Johann Schneider-Ammann formulierte. Was heisst das für die Berufsbildung?
Die Verbundpartnerschaft ist der Schlüssel zum Erfolg der Berufsbildung. Wir müssen Sorge tragen dafür, dass sie weiterhin gut oder noch besser funktioniert. Die Zusammenarbeit von Bund und Kantonen ist auch für den Hochschulbereich von hoher Bedeutung, etwa in der Schweizerischen Hochschulkonferenz. Es ist wichtig, die Herausforderungen und Anliegen der Kantone und der Organisationen der Arbeitswelt (OdA) zu kennen.

Sprach Johann Schneider-Ammann nicht auch davon, dass gewisse Dinge künftig eher auf Ebene Bund reglementiert werden sollten? So entschied der Bundesrat, dass Personen über 40 in allen Kantonen Anspruch auf eine kostenlose Standortbestimmung erhalten sollen.
In der Formulierung sehe ich eher einen Aufruf zu einer noch intensiveren Zusammenarbeit. Ich werde darum dieses Jahr alle Kantone besuchen, mit dem Ziel, das System gemeinsam weiterzuentwickeln. Sicherlich gibt es dabei Dinge, die einen gemeinsamen Rahmen benötigen. Aber es kann nicht Aufgabe des Bundes sein, festzulegen, welches diese Dinge sind. Ihr Beispiel illustriert das. Dieser Entscheid ist das Ergebnis eines Prozesses innerhalb der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren und -direktorinnen, die die Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatung beauftragt hat, eine nationale Strategie für die Berufsberatung zu entwickeln.

Der Bund finanziert die Berufsbildung zu einem Viertel, nicht aber die Berufsberatung. Ist er bereit, ein harmonisiertes Leistungsangebot der Berufsberatungen mitzutragen?
Im Rahmen der Strategie, die ich gerade erwähnt habe, haben wir seitens Bund Mittel in der Höhe von 37 Millionen Franken gesprochen. Damit unterstützen wir die kostenlose Standortbestimmung, Potenzialanalyse und Laufbahnberatung für Arbeitnehmende über 40 Jahren. Dabei ist zu wissen: Für die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung sind gemäss geltendem Recht ausschliesslich die Kantone zuständig. Der Bund seinerseits kann Massnahmen in diesem Bereich über die Projektförderung unterstützen.

Für Stellensuchende oder Sozialhilfeempfänger werden immer öfter Qualifizierungsmassnahmen gefordert, mit denen eine nachhaltige Arbeitsmarktintegration gesichert werden soll. Kann die Berufsbildung diese Aufgabe mittragen?
Seit 2014 treibt das SBFI zusammen mit den Verbundpartnern den Schwerpunkt Berufsabschluss für Erwachsene voran. Wir versuchen, die Rahmenbedingungen so zu verbessern, dass mehr erwachsene Personen einen Berufsabschluss nachholen. Swissmem hat dazu ein interessantes Modell entwickelt, das nun erprobt wird. Dazu gehören auch die Stärkung des Systems der Anrechnung von Aus- und Weiterbildungen und eine Kommunikationsoffensive. Das SBFI setzt sich zudem für die Förderung der Grundkompetenzen ein. Sie ist etwa dann wichtig, wenn in Unternehmen digitale Technologien in der Produktion Einzug halten, mit denen Mitarbeitende mit geringen Kompetenzen vertraut gemacht werden müssen. Die Finanzierung von Programmen für stellensuchende oder ausgesteuerte Personen muss dagegen Aufgabe der bisherigen Träger bleiben. Unsere Rolle ist es, dafür zu sorgen, dass das lebenslange Lernen unterstützt wird.

Die Berufsbildung ringt seit vielen Jahren mit den Gymnasien um gute Lernende. Glauben Sie, dass sich diese Entwicklung akzentuieren wird?
Heute gehen rund 70 Prozent der jungen Leute nach der obligatorischen Schule in eine Berufslehre, knapp 30 Prozent an eine Mittelschule. Diese Quoten sind relativ stabil, das ist erfreulich. Aber wir müssen dafür sorgen, dass das so bleibt. Wir tun das zum Beispiel im Rahmen der Initiative Berufsbildung 2030, mit der wir etwa fragen, welche Kompetenzen der Arbeitsmarkt braucht und wie die Berufsbildung darauf reagieren kann. Die Durchlässigkeit des Systems sorgt dafür, dass viele Karrieren möglich sind. Wenn wir einen Blick auf die Laufbahnen von Absolventinnen und Absolventen der Berufsbildung richten, sehen wir, wie konkurrenzfähig dieses System ist.

Sie glauben nicht, dass die Wirtschaft immer mehr akademisch ausgebildete Personen benötigt?
Nein, das sehe ich nicht. Aber wenn sich das verändern sollte, dann verfügen wir mit der dualen Berufsbildung und der ihr zugrunde liegenden Verbundpartnerschaft über ein System, das rasch Anpassungen diskutieren und umsetzen kann. Viele Unternehmen melden offene Lehrstellen. Zudem versorgt die höhere Berufsbildung die Wirtschaft mit hoch qualifizierten Fachkräften, gleichwertig zur akademischen Bildung. Im Jahr 2000 erhielten rund 9000 Personen einen eidgenössischen Fachausweis, 3000 schlossen eine Höhere Fachschule ab. Diese Zahlen liegen heute bei 14'000 beziehungsweise 9000.

Aber seit einigen Jahren stagnieren sie. Laut Bildungsbericht 2018 profitiert die höhere Berufsbildung nicht vom Trend zur Tertiarisierung.
Das ist richtig. Aber das Thema ist erkannt. Seit 2018 können wir Personen, die sich auf eine Prüfung im Rahmen der höheren Berufsbildung vorbereiten, finanziell unterstützen. Noch ist offen, welche Wirkung das zeitigt. Ebenso haben wir Titel eingeführt, die auch im Ausland verstanden werden. Wir sprechen nun vom «Federal Diploma of Higher Education» im Falle des Fachausweises und vom «Advanced Federal Diploma of Higher Education» beim Diplom.

Eine Studie der KOF zur Steuerung der Berufsbildung kommt zu vielen positiven Schlüssen. Kritisch aber kommentiert sie die Beziehung zwischen dem Bund und den OdA, die reflektiert werden solle. Teilen Sie diese Wahrnehmung?
Auch diese Beziehung ist ein Thema von Berufsbildung 2030. Wir müssen uns immer wieder fragen, ob die verbundpartnerschaftlichen Gremien richtig zusammengesetzt sind und die richtigen Aufgaben haben. Eine Studie der Universität St. Gallen enthält eine Auslegeordnung zu diesen Fragen, die wir zusammen mit den Erkenntnissen der KOF auswerten. Ein Vorschlag zur Frage der Governance soll bis Ende Jahr vorliegen.

Aber die Klagen gewisser OdA, namentlich des Gewerbeverbands, über das SBFI sind zuweilen heftig.
Ich sehe das. Aber es gibt eine Vielzahl von OdAs, und sie haben durchaus unterschiedliche Auffassungen. Unsere Aufgabe ist, sie alle anzusprechen. Letztlich aber ist klar: Es ist nur gemeinsam möglich, die Berufsbildung voranzubringen. Nur als Verbundpartner sind wir stark. Wie die Polymere.

Kasten

Zur Person

Martina Hirayama trat ihr Amt als Direktorin des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) am 1. Januar 2019 an. Sie folgte auf Mauro Dell’Ambrogio, der Ende November 2018 das ordentliche Pensionsalter erreichte. Martina Hirayama verfügt über einen breiten Erfahrungsschatz in Forschung, Innovation, Lehre, Unternehmertum, Management und Verwaltung. Sie hat an der ETH Zürich, an der Uni Fribourg und am Imperial College London studiert. Von 2011 bis 2018 war sie Vizepräsidentin des Innosuisse-Verwaltungsrats, zudem präsidierte sie den Institutsrat des Eidgenössischen Instituts für Metrologie. Vor dem Eintritt ins SBFI war die promovierte Chemikerin in Winterthur Direktorin der School of Engineering der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Das SBFI hat 280 Mitarbeitende und verwaltet ein Budget von 4,5 Milliarden Franken.

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