Ausgabe 04 | 2019

Fokus "Interkulturalität"

Auslandschweizer im Schweizer Bildungssystem

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Einige Schweizerinnen und Schweizer, die im Ausland leben, haben einen engen Bezug zur Schweiz, andere kennen sie kaum. Egal, wie fremd oder vertraut ihnen ihr Heimatland ist: Wenn junge Auslandschweizerinnen und -schweizer für eine Ausbildung in die Schweiz kommen, machen sie verschiedenste interkulturelle Erfahrungen.

Von Alexander Wenzel, PANORAMA-Redaktor

Gemäss den 2018 erhobenen Daten des Bundesamtes für Statistik leben mehr als 760'000 Schweizer Bürgerinnen und Bürger im Ausland. Das sind über zehn Prozent der Personen mit Schweizer Pass. Würden sie zusammen einen Kanton bilden, wäre dies gemessen an der Einwohnerzahl der viertgrösste Kanton nach Zürich, Bern und der Waadt. Die Interessen dieser zahlenmässig wichtigen Bevölkerungsgruppe, auch die fünfte Schweiz genannt, werden hierzulande von der Auslandschweizer-Organisation vertreten. Viele junge Auslandschweizer kommen nach Abschluss der Schulzeit in die Schweiz, um eine Ausbildung zu absolvieren. Dieser Wechsel kann eine grosse Herausforderung sein, vor allem wenn die kulturellen Unterschiede zwischen dem Wohnland und der Schweiz gross sind. Zwar sind zwei Drittel der Auslandschweizer/innen in Europa wohnhaft, und fast die Hälfte lebt in einem Nachbarland der Schweiz, doch mehrere Hunderttausend Schweizer Bürger wohnen in weiter entfernten Ländern. Da zudem ein Fünftel von ihnen unter 18 Jahre alt ist, dürften regelmässig zahlreiche junge Auslandschweizer mit einer schwierigen Ausbildungssituation in der Schweiz konfrontiert sein. Die Schwierigkeiten können auf verschiedenen Ebenen auftreten. So können etwa die Unterschiede zwischen den Bildungssystemen Probleme verursachen, die sich auch auf die Berufs- und Studienwahl auswirken. Besonders wichtig sind hier Fragen rund um die Ausbildungszulassung und die Anerkennung von Schulabschlüssen. Hinzu kommt, dass die jungen Auslandschweizer/innen eine Landessprache beherrschen, die Finanzierung der Ausbildung sichern und administrative Hürden überwinden müssen. Auch kulturelle Unterschiede im weiteren Sinne können zu Problemen führen, etwa wenn der Alltag im Wohnland und in der Schweiz nach ganz anderen Regeln funktioniert. Es kommt natürlich darauf an, welchen Bezug die Jugendlichen über ihre Staatsangehörigkeit und Familiengeschichte hinaus zur Schweiz haben, doch die meisten erleben einen Kulturschock. So auch Jonathan Tadres, der in Ägypten aufgewachsen ist und für sein Studium nach Basel kam. «Ich spreche den Thurgauer Dialekt meiner Mutter», erzählt er. «Das gab mir am Anfang Halt, Sicherheit und ein Gefühl von Vertrautheit.» Doch das Gefühl erwies sich als trügerisch, zum Beispiel als sich der junge Mann an einen Bankangestellten wandte, weil er nicht wusste, wie man einen Bancomaten bedient. «Weil ich Schweizerdeutsch sprach, glaubte er mir das einfach nicht.»

Individuelle Beratung

Junge Auslandschweizer/innen, die hierzulande eine Ausbildung absolvieren wollen, können die Unterstützung des Vereins educationsuisse in Anspruch nehmen. Der Dachverband der 18 anerkannten Schweizerschulen im Ausland informiert, berät und unterstützt junge Auslandschweizer/innen sowie die Schüler/innen der Schweizerschulen bei einer Ausbildung in der Schweiz. «2017 haben wir 860 und 2018 rund 1000 Anfragen erhalten. Die Hälfte davon kam aus Europa, etwa 200 aus Lateinamerika», sagt Ruth von Gunten, die bei educationsuisse solche Anfragen betreut. Der Verband will der erste Ansprechpartner für diese Zielgruppe sein. Per E-Mail, Telefon oder im persönlichen Gespräch informieren Ruth von Gunten und ihre Kolleginnen die betreffenden Personen über das Schweizer Bildungssystem und die finanziellen Unterstützungsangebote. «Die meisten unserer Leistungen sind kostenlos», präzisiert von Gunten. «Wir geben auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch, aber auch auf Spanisch Auskunft.» «Wir bei educationsuisse machen eine erste Triage», erklärt Ruth von Gunten. «Personen, die eine individuelle und eingehende Beratung wünschen, verweisen wir an die Berufsberatungszentren des Kantons Bern.» Seit 2016 arbeitet educationsuisse bei der Studien- und Berufsberatung mit dem regionalen Berufsberatungs- und Informationszentrum (BIZ) Bern-Mittelland zusammen. Rund 20 Jugendliche haben sich bisher am BIZ Bern beraten lassen. Rachel Chervaz ist eine der Spezialistinnen, die sich um diese Klienten kümmern: Sie berät französischsprachige Ratsuchende am BIZ Biel. Chervaz geht mit Ruth von Gunten einig, dass man nicht nur die Schweizer Bildungslandschaft, sondern auch das schweizerische Umfeld im Allgemeinen erklären muss, damit sich die Auslandschweizer/innen schneller hier einleben. «Oft fühlen sich die jungen Menschen hier ziemlich fremd», stellt die Beraterin fest. Man müsse auch abklären, ob in der Schweiz wohnhafte Angehörige, etwa ein Elternteil, Geschwister oder auch entferntere Verwandte, Unterstützung bieten könnten. Die meisten Klienten kommen persönlich zu ein oder zwei Gesprächen nach Biel, meist während der Ferien. «Natürlich wären für eine kontinuierliche Betreuung mehr Treffen wünschenswert», betont Rachel Chervaz. Junge Auslandschweizer/innen ziehen in der Regel ein Hochschulstudium einer Berufslehre vor. Dabei entscheiden sie sich mehrheitlich für ein Universitäts- oder ETH-Studium. Die Fachhochschulen und die Berufsbildung seien weniger bekannt, sagt Ruth von Gunten. Viele gingen davon aus, dass ein Hochschulstudium in jedem Fall besser sei. Ruth von Gunten erklärt ihnen dann die Vorteile des dualen Berufsbildungssystems, vor allem dessen Durchlässigkeit und die Zugangsmöglichkeiten zur Tertiärbildung. Gerade wenn es Probleme mit der Hochschulzulassung oder dem Sprachniveau gebe, könne der Weg über eine Berufslehre sinnvoll sein. Von den vier Auslandschweizern, die Rachel Chervaz in den letzten zwei Jahren beraten hat, wollten zwei ein Hochschulstudium (an ETH, Universität oder FH) aufnehmen, zwei wollten eine Berufslehre beginnen. Einer davon, ein in Spanien aufgewachsener Schweizer, wählte den Weg über eine berufliche Grundbildung an die FH, weil sein Schulabschluss nicht alle Fächer umfasste, die für einen direkten Hochschulzugang erforderlich sind. Während der Hochschulzugang mit einem deutschen Abitur, einem französischen Baccalauréat oder einem International Baccalaureate relativ unkompliziert ist, gelten für andere ausländische Mittelschulabschlüsse eine ganze Reihe von Auflagen (siehe www.swissuniversities.ch). Fernando Mora Balzaretti beispielsweise absolvierte seine Schulzeit in Mexiko und schloss die gymnasiale Mittelschule mit dem Bachillerato ab. Da dieses nicht zur Schweizer Matura äquivalent ist, musste er die Ergänzungsprüfung der schweizerischen Hochschulen (ECUS) ablegen, bevor er sich an der Universität St. Gallen einschreiben konnte.

Erstaunliche Bildungswege

Die Berufs- und Studienwahl ist für junge Auslandschweizer manchmal auch deshalb komplizierter, weil sie zwischen zwei Ländern und Kulturen stehen. Viele von ihnen probieren zuerst einmal verschiedene Dinge aus, bevor sie ihren Weg finden. «Schon als ich sieben war, wollte ich später einmal einen Beruf, der mit Wein zu tun hat», erzählt beispielsweise Nathalie Joho aus Mexiko. Mit ihrem Bachillerato erhielt sie zwar eine Zulassung zum Önologiestudium an der Fachhochschule Changins, wegen mangelnder Sprachkenntnisse musste sie dieses aber abbrechen. Sie versuchte es mit Lebensmittelwissenschaften und Wirtschaft und entschied sich schliesslich für ein Physiotherapiestudium. Während ihre Zulassung geprüft wurde, absolvierte sie ein Praktikum bei der Spitex in Schönbühl (BE). Als der Zulassungsentscheid negativ ausfiel, ergriff sie die Gelegenheit und begann die Grundbildung zur Fachfrau Gesundheit EFZ (FaGe) bei der Spitex, wo es ihr gut gefiel. Ab 2020 möchte sie sich zur Pflegefachfrau FH oder zur Biomedizinischen Analytikerin HF weiterbilden. Dank dem EFZ, das sie seit Juni 2019 in der Tasche hat, dürfte die Zulassung diesmal leichter sein. «Als FaGe bin ich zwar weit von einem Wein-Beruf entfernt», sagt die junge Frau, «aber die Arbeit im Labor würde meinem Interesse für Chemie entgegenkommen, das auch bei der Önologie eine Rolle spielt. Ich denke jedenfalls, dass man im Leben immer noch Zeit hat, um andere Dinge zu machen.» Educationsuisse hat der jungen Frau bei der Einreichung von Stipendiengesuchen geholfen. Wenn ihre Eltern nicht in der Lage sind, die Ausbildung zu finanzieren, können Auslandschweizer/innen in der Regel ein Stipendium bei ihrem Heimatkanton beantragen. Doch Nathalie Joho erfüllte die Voraussetzungen für Ausbildungsbeiträge ihres Kantons nicht. «Die Unterschiede zwischen den Kantonen sind gross. Für Auslandschweizer ist es oft schwierig, diese Eigenheit des Föderalismus zu verstehen», erläutert Ruth von Gunten, die für Nathalie Joho ein Stipendium bei einer Stiftung gefunden hat. Paulo Wirz, der in Brasilien aufgewachsen ist, hat auf der Suche nach seinem Berufsziel einen erstaunlichen Weg zurückgelegt. Nachdem er allmählich seine Liebe zur Fotografie entdeckt hatte, kam er von seinem Plan ab, in Basel Biologie zu studieren; dafür hätte er auch die Ergänzungsprüfung ECUS vorbereiten müssen. Zunächst hielt er sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs über Wasser, arbeitete in einer Bar, einer Senffabrik, einer Spenglerei, bei der Post und beim Formel-1-Rennstall McLaren. Schliesslich begann er Fotografie an der Kunsthochschule Lausanne (ECAL) zu studieren und beendete seinen Bachelor in Zürich, und zwar in Kunst und Medien. Nach der Beratung durch Ruth von Gunten entschied er sich anschliessend für ein Masterstudium an der Hochschule für Kunst und Design (HEAD) in Genf, das er im Juni 2019 abgeschlossen hat. Auch die Wechselfälle der Geschichte können den Bildungsweg beeinflussen. Jonathan Tadres wollte eigentlich ein naturwissenschaftliches Fach studieren und mit einem Lehrdiplom abschliessen. Als er im Januar 2011 an der Deutschen Schule in Kairo die Abiturprüfungen beginnen wollte, kam der Arabische Frühling dazwischen, und Jonathan Tadres wurde von den Schweizer Behörden evakuiert. Im März konnte er nur kurz nach Ägypten zurückkehren, um das Abitur abzulegen. «Die Revolution war friedlich», erinnert er sich, «bis die Plünderer kamen. Wir packten unsere Fotoalben ein in der Angst, nicht mehr wiederzukommen. Am nächsten Tag kauften wir in Winterthur Kleider nach. Diese schizophrene Erfahrung hat mich geprägt.» Durch das Erlebnis, einander nicht zu verstehen und nicht dazuzugehören, begann er sich dafür zu interessieren, wie Sprache und Literatur Erfahrungen des «Andersseins» vermitteln. Er studierte Germanistik und Anglistik in Basel und absolvierte nach dem Bachelorabschluss ein Masterstudium in deutscher und vergleichender Literaturwissenschaft in Bonn und St Andrews (Schottland). Zurzeit knüpft er wieder an sein ursprüngliches Berufsziel an und bildet sich an der PH Nordwestschweiz zur Lehrperson für Deutsch und Englisch auf der Sekundarstufe II weiter.

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