Ausgabe 03 | 2019

ARBEITSMARKT

Zukunftsprognose

«Wir erleben eine ‹Tripadvisorisierung› der Arbeitswelt»

Dominique Turcq war Direktor für Strategie und Entwicklung bei Manpower und lehrt heute an der Hochschule Science Po in Paris. Im Interview mit PANORAMA spricht er über die Arbeitswelt von morgen, die er in seinem neuen Buch aus ökonomischer und soziologischer Sicht beleuchtet hat.

Interview: Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

Dr. Dominique Turcq promovierte in Sozialwissenschaften und Unternehmensführung. (Bild: Florence Ebers)

Dr. Dominique Turcq promovierte in Sozialwissenschaften und Unternehmensführung. (Bild: Florence Ebers)

PANORAMA: Ihr Buch beschäftigt sich mit der Arbeit im «postdigitalen Zeitalter». Was versteht man darunter? Dominique Turcq: Der Begriff etabliert sich gerade. Wenn ich vom postdigitalen Zeitalter spreche, dann meine ich damit, dass die digitalen Technologien weitgehend Teil unseres Alltags geworden sind, so wie die Elektrizität. Deshalb müssen wir die Digitalisierung nicht mehr thematisieren. Wir sollten uns vielmehr auf andere grosse Revolutionen vorbereiten. Ich sehe drei wichtige Technologien, welche die Arbeitswelt grundlegend verändern werden: die künstliche Intelligenz (KI), die Neurowissenschaften und die angewandten Biowissenschaften.

Welche Auswirkungen haben diese Technologien?
Die KI wird es unter anderem ermöglichen, Entscheidungen zu automatisieren und die menschliche Wahrnehmung zu verbessern. Wie Big Data stützt sich die KI auf digitale Technologien, ist aber weit mehr als das. Sie wird aufgrund von bestimmten Signalen Ereignisse vorhersagen und neuartige Dienstleistungen anbieten können; und ihre Analysen werden zu einer deutlichen Verbesserung der Expertenurteile beitragen. Die angewandten Kognitions- oder Neurowissenschaften werden die soziale Interaktion und die Kompetenzentwicklung beeinflussen und dadurch die Art der Entscheidungsfindung, der Leadership und der Unternehmensführung revolutionieren. Und die angewandten Biowissenschaften wie Biologie oder Genetik werden die Gesellschaft und damit auch die Arbeitswelt so tiefgreifend verändern, wie es Impfungen und Antibiotika im 20. Jahrhundert getan haben.

Wie wird sich dadurch die Definition von Arbeit verändern?
Es ist schwierig, noch von Arbeit oder von «Arbeitenden» zu sprechen. Ich spreche lieber von «Schaffenden», also von Menschen, die an der Schaffung eines Werks beteiligt sind. Denn jede Arbeit schafft etwas Neues, ermöglicht Kreativität und Entfaltung. Wer sich hingegen bei seiner Arbeit nicht entfalten kann, der schafft auch nichts. Arbeit hat nicht nur einen ökonomischen Wert, sie bietet auch eine gesellschaftliche und psychologische Daseinsberechtigung. Meine Definition von Arbeit als Werk ist aber eher philosophisch.

Sie schreiben, die KI werde die Kompetenztreppe verändern.
Tatsächlich haben wir es mit einer Kompetenz-Rolltreppe zu tun. Die KI erlaubt es den «Schaffenden», ihre Kompetenzen zu erweitern und damit mehr Dinge besser und schneller zu tun. Im Gegensatz zum Taxifahrer von gestern braucht der Uber-Fahrer nur noch einen Führerausweis. Dank der digitalen Tools, die ihm zur Verfügung stehen, muss er nicht mehr den ganzen Stadtplan im Kopf haben. Diese Entwicklung eröffnet gering qualifizierten Personen den Zugang zur ersten Stufe der Kompetenztreppe. Das Problem ist, wenn sich auf dieser Stufe bereits andere Personen befinden, wie im obigen Beispiel die Taxifahrer. Alle – die Gewerkschaften, Fachleute, Schulen und anderen Bildungsinstitutionen – müssen sich dieses Phänomens bewusst sein, damit jeder von Stufe zu Stufe weitergelangen kann.

Sie sprechen von einer «Tripadvisorisierung» der Arbeit und der Arbeitnehmer. Was meinen Sie damit?
Die «Tripadvisorisierung» äussert sich in der ständigen Bewertung von dem, was wir in unserem privaten oder beruflichen Leben sind und tun. So entsteht eine Gesellschaft, in der jeder jeden bewerten und zu allem sein Urteil abgeben kann. In der Arbeitswelt wird sich dies vielleicht am stärksten auswirken, denn hier kann eine bestimmte soziale Bewertung die Laufbahn erleichtern oder erschweren. Diese Entwicklung erfordert einen neuen Umgang mit der eigenen gesellschaftlichen und beruflichen Identität. Alle müssen darauf achten, was sie auf digitalen Plattformen schreiben und ob sie zu ihren Äusserungen stehen können. Die «Tripadvisorisierung» ist eine neue Form der sozialen Kontrolle, die uns vor ein Vertrauensproblem stellt und unsere Freiheit einschränkt.

Sie kündigen auch eine Gesellschaft der neuen Nähe an. Was heisst das konkret?
Wir erleben gerade die Entstehung eines neuen Gesellschaftssystems, in dem das Gemeinschaftliche stärker gewichtet und das Konzept der menschlichen Nähe neu definiert wird. So zeigt sich zum Beispiel, dass viele Menschen genug haben von Chatbots und anderen Callcenter-Robotern. Sie wollen mit einem realen Gegenüber interagieren. Wenn ich in Frankreich bei der SNCF anrufe, muss ich mit einem Roboter sprechen, der meine Frage nicht versteht, und das, obwohl ich für diese Dienstleistung bezahle. Ich bin überzeugt, dass viele Leute bereit wären, etwas mehr zu zahlen, um direkt mit einer kompetenten Person sprechen zu können. Erstaunlicherweise setzen vor allem traditionelle Unternehmen auf Chatbots. Bei Amazon oder Apple ist es viel einfacher, einen echten Menschen ans Telefon zu bekommen. Die Nachfrage nach dieser neuen Nähe entwickelt sich zwar eher langsam, sie kann aber eine Chance für die Umschulung und die Wiedereingliederung von gering qualifizierten Personen sein. Tätigkeiten mit direktem Kundenkontakt sind häufig schlecht bezahlt. Die Vergütung von Nähe wird ihren Preis haben, den alle Beteiligten zu zahlen bereit sein müssen.

Wie kann man kundennahe Tätigkeiten aufwerten und besser entlöhnen?
Diese Frage wird meiner Meinung nach eine der wichtigsten gesellschaftlichen Herausforderungen der nächsten Jahre sein. Die Gesellschaft braucht diese grundlegenden Kompetenzen. Um solchen Leistungen einen gesellschaftlichen Wert zu geben und angemessene Löhne zu gewährleisten, müssen sie entweder besser bezahlt oder über ein Kompensationssystem vergütet werden. Wir haben das passende Vergütungssystem noch nicht gefunden. Sind wir bereit, für eine gesellschaftliche Beziehung zu bezahlen? Dass es heute zum Beispiel keine Tankwarte mehr gibt, ist nicht etwa die Folge von neuen Technologien, sondern von unserem Bestreben, beim Tanken ein paar Cents zu sparen. Ich denke, es sollte möglich sein, neue Dienstleistungen bereitzustellen, die Kunden gegen einen Aufpreis in Anspruch nehmen können.

Wie werden sich die Berufe entwickeln?
Die Liste der heute bekannten Berufe, deren Aufgaben und deren gesellschaftliche Stellung werden sich verändern. Gewisse Tätigkeiten werden automatisiert, andere werden vielfältiger. Im Pflegebereich werden die Arbeitnehmenden künftig durch Technologien unterstützt, die ihnen zahlreiche Informationen zu den betreuten Personen vermitteln und ihnen damit die Grundlagen für ihr weiteres Handeln und ihre Entscheidungen liefern. Dadurch wird die Beziehung zu den betreuten Personen enger, und der Beruf wird bereichert. Ein anderes Beispiel sind die Radiologen und Radiologinnen. Sie werden nicht verschwinden, sie werden im Gegenteil künftig mehr Röntgenbilder machen und mithilfe von Maschinen präzisere Diagnosen stellen.

Sie sind optimistisch, aber vielen Menschen macht diese Entwicklung Angst.
Ich sehe dieser Entwicklung tatsächlich eher optimistisch entgegen. Ich interessiere mich für die Veränderungen, die sie mit sich bringt. Diese kommen einer Revolution gleich, die viele positive Aspekte wie gesellschaftliche und medizinische Fortschritte hat, der wir aber auch wachsam begegnen müssen. Jeder muss selbst wissen, wie er dazu steht. Die negative Sichtweise beruht auf der Vorstellung, dass diese Veränderungen die Zahl der Arbeitsplätze reduzieren werden. Ich denke hingegen, dass sie die Arbeit aufwerten, die beruflichen Tätigkeiten bereichern und die Nachfrage nach neuen Angeboten anregen werden.

Und was ist mit dem sozialen Sicherungssystem?
Das ist eine komplexe Frage. Alle Menschen haben das Recht auf Schutz vor den Risiken, die mit Krankheit, Arbeitslosigkeit oder dem Alter verbunden sind. Unser Versicherungssystem schliesst aber nur jene ein, die Risiken eingehen. In Frankreich etwa kommen Beamte in den Genuss einer Beschäftigungsgarantie und sind kaum an der solidarischen Deckung von Arbeitslosigkeit beteiligt. Die Altersrente ist eine weitere Herausforderung. Galt sie einst als eine der besten Erfindungen des 20. Jahrhunderts, stellt sie heute aufgrund der unterschiedlichen Rentenmodelle und -alter ein echtes Problem für die soziale Gerechtigkeit dar. Wir müssen nicht nur den Versicherungen eine neue Gestalt geben, sondern auch der Solidarität und der Gerechtigkeit. Das ganze Ökosystem der Arbeit muss erneuert werden, von der Ausbildung bis zum Ruhestand.

Wie soll dieses Ökosystem der Arbeit erneuert werden?
Die undurchlässigen Phasen «Ausbildung», «Arbeit» und «Ruhestand» sind angesichts der heutigen Situation zu einer Karikatur geworden, denn heute sind lebenslanges Lernen, inhomogene Laufbahnen und Arbeit über das Rentenalter hinaus Teil der Realität. Das ist kein ökonomisches, sondern ein kulturelles Problem. Schon 45-jährige Bewerber gelten bei Unternehmen als zu alt. Dabei ist die Anstellung und Schulung von über 50-Jährigen eine ausgezeichnete Investition, denn anders als jüngere Angestellte bleiben sie dem Unternehmen treu. Wir müssen ein neues Ökosystem erfinden, das die Eingliederung aller ermöglicht und auch andere Formen von Arbeit wie Freiwilligen- oder Vereinsarbeit anerkennt. Auch solche Tätigkeiten sollten Anrecht auf eine Altersrente geben. Damit diese Neugestaltung möglich ist, müssen wir uns von den heutigen Standardüberlegungen lösen.

Links und Literaturhinweise

Turcq, D. (2019): Travailler à l’ère post-digitale – Quel travail pour 2030? Paris, Dunod.

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