Ausgabe 03 | 2019

BERUFSBERATUNG

Pensionierung

Hoffnung öffnet Perspektiven

Ältere Personen erleben den Übergang in die Pensionierung sehr unterschiedlich. Dieser Beitrag zeigt auf, was diese Personengruppe stärkt und welche Gestaltungsformen möglich sind.

Von Pasqualina Perrig-Chiello, emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie

(Illustration: Andrea Lüthi)

(Illustration: Andrea Lüthi)

Die späteren Erwerbsjahre sind für viele Arbeitnehmende eine Herausforderung. Im öffentlichen Diskurs wird zwar die Wichtigkeit der Erwerbsbeteiligung sowohl älterer Männer als auch älterer Frauen hervorgehoben – zur Minderung des Fachkräftemangels und zur Finanzierung der Sozialwerke. Dem steht gegenüber, dass viele ältere Arbeitnehmende mit negativen Vorurteilen konfrontiert sind und Mühe haben, sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten. Zur Verbesserung dieser Situation werden sowohl betriebliche Massnahmen (wie das Prinzip der Bogenkarriere, also die allmähliche Reduktion von Arbeit und Lohn vor der Pensionierung) als auch politische Mittel (wie die Flexibilisierung des Rentenalters) diskutiert. Allerdings sind diese Massnahmen umstritten, sodass es lange dauern kann, bis sie eingeführt werden.

Individualisierung der Lebensläufe

Fakt ist, dass die längere Lebenserwartung bei guter Gesundheit sowie der gesellschaftliche Wandel das herkömmliche Verständnis des Lebenslaufs als eine Abfolge von Ausbildung, Beruf und Ruhestand relativieren. Nach dem Motto «Alles ist jederzeit möglich» werden heute biografische Übergänge häufiger als früher individuell gestaltet. Dies zeigt sich insbesondere bei den Frauen und Männern der Babyboom-Generation (Jahrgänge 1946–1964), die zur grössten Erwerbsgruppe der Schweiz gehören oder bereits im Rentenalter sind. Gemeinsam ist ihnen, dass sie bezüglich Bildung und Gesundheit bedeutend besser dastehen und dass sie sich weniger an lineare Lebens- und Berufsverlaufsvorstellungen sowie starre sozialpolitische Regelungen halten als die Personen früherer Generationen. Entsprechend vielfältig sind ihre Gestaltungsmuster des Übergangs in die Pensionierung. So ging ein gutes Fünftel der 64–74-Jährigen in der Schweiz 2016 einer Erwerbstätigkeit nach. Es sind dies zum einen selbstständig Erwerbstätige und/oder Leute mit einer höheren Bildung. Zum anderen sind es Männer und insbesondere Frauen, die sich in einer prekären finanziellen Lage befinden. Eine weitere Gestaltungsform ist das nachberufliche Engagement in Form von Freiwilligenarbeit. So stellen die 65–75-Jährigen gemäss Freiwilligen-Monitor Schweiz 2016 die grösste Gruppe der Freiwilligen ausserhalb von Vereinen und Organisationen dar. Eine andere mögliche Gestaltungsform ist das Nachholen. Hier handelt es sich um Pensionierte, die aufgrund ihres beruflichen Engagements vieles zurückstellen mussten, was sie nun nachholen wollen. Letztlich gibt es noch diejenigen, die die Pensionierung als Befreiung sehen und in ihrem Alltag auf Selbstrealisierung und Selbstgestaltung setzen. Fest steht, dass Gestaltungsmöglichkeiten und Lebenszufriedenheit sowohl von persönlichen Ressourcen (Gesundheit, Charaktereigenschaften, Familie) abhängig sind als auch von gesellschaftlichen, betrieblichen und sozialen Faktoren. Fest steht auch, dass ein sinnerfülltes Pensionsalter sich bereits in den späteren Erwerbsjahren anbahnt.

Gelingensfaktoren

Auch wenn die gesellschaftlichen und betrieblichen Bedingungen einen Rahmen setzen, der für den Einzelnen schwer zu ändern ist, sind letztlich die persönliche Einstellung und Bewältigungsstrategien entscheidend für einen guten Übergang. So zeichnen sich Menschen mit einer hohen Bewältigungskompetenz durch eine ausgeprägte Handlungsorientierung aus. Im Gegensatz zu lageorientierten Menschen, die stark auf den Istzustand fixiert sind und sich als Opfer der Umstände sehen, sind handlungsorientierte Menschen eigenverantwortlich und zukunftsbezogen. Sie haben ihr Ziel vor Augen und versuchen, es unbeirrt von misslichen Umständen zu erreichen. Hierbei spielt insbesondere eine Charakterstärke eine wichtige Rolle: die Hoffnung. Mit Hoffnung ist nicht passives, schicksalhaftes Abwarten gemeint. Vielmehr wird damit in der Positiven Psychologie ein positiver emotionaler Status bezeichnet, der aus zwei Elementen besteht: Das eine Element umfasst die Fähigkeit, bewusst Lebensziele zu setzen und Wege der Realisierung zu finden. Das andere Element fokussiert den Willen, diese Lebensziele zu verfolgen, und die Überzeugung, sie auch zu erreichen. Empirische Befunde zeigen in allen Altersgruppen eindrücklich die positive Wirkung von Hoffnung auf das psychische Wohlbefinden. Dabei ist nicht primär das Wissen über mögliche Wege zur Erreichung der Lebensziele entscheidend, sondern der Wille und der Glaube, gute Lösungen zur Überwindung von Hindernissen und Unsicherheiten zu finden. Und die besonders gute Botschaft zuletzt: Mit dem Alter und zunehmender Lebenserfahrung nehmen beide Hoffnungselemente zu. Wenn das nicht zur Hoffnung Anlass gibt!

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