Ausgabe 03 | 2019

BERUFSBILDUNG

Förderung von Grundkompetenzen

«Bei den Betroffenen tabuisiert»

Das Weiterbildungsgesetz von 2014 verlangt, dass Bund und Kantone sich dafür einsetzen, Erwachsenen den Erwerb und den Erhalt von Grundkompetenzen zu ermöglichen. Ein Bericht zeigt, dass das Anliegen in den Behörden angekommen ist – aber nicht bei den Betroffenen selbst.

Interview: Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Christoph Reichenau ist Präsident des Verbands der schweizerischen Volkshochschulen. (Bild: Daniel Fleischmann)

Christoph Reichenau ist Präsident des Verbands der schweizerischen Volkshochschulen. (Bild: Daniel Fleischmann)

PANORAMA: Sie haben im Auftrag des SBFI einen Bericht über den Stand der Förderung von Grundkompetenzen Erwachsener verfasst. Welches sind die positiven Befunde? Christoph Reichenau: Die Förderung der Grundkompetenzen wird in den Kantonen als Aufgabe ernst genommen. Es ist für die Behörden kein Tabu mehr, dass es Menschen gibt, die ungenügend gut lesen, schreiben oder rechnen können und die ungenügend mit IKT (Informations- und Kommunikationstechnik) umgehen können. Nun entwickeln die Kantone Modelle und Verfahren, wie man diese Menschen erreichen und unterstützen kann. Bisher waren nur einzelne Kantone in diesem Bereich aktiv.

Dann sprechen die Behörden ihre Klientinnen auch häufiger auf das Thema an?
Ich glaube ja. Wichtig wäre, dass man dabei nachhaltige und bedarfsgerechte Angebote macht. So sollten Stellensuchende angefangene Kurse abschliessen können, auch wenn sie wieder Arbeit gefunden haben. Wir empfehlen zudem, mit den Betroffenen gut abzuklären, welche Bedürfnisse und Ziele sie haben, sie nach Bedarf zu begleiten und den Lernerfolg zu kontrollieren.

Gibt es mehr Angebote als früher?
In jenen Kantonen, die in diesem Bereich bisher nicht aktiv waren, sind neue Angebote entstanden, ja. Festzustellen ist zudem eine Ausdifferenzierung der Kurse. Die Nachfrage ist hingegen kaum gewachsen. Derzeit lernen jährlich rund 8000 Personen im Erwachsenenalter lesen und schreiben, das sind kaum mehr als vor dem Weiterbildungsgesetz. Bei den Betroffenen ist das Thema weiterhin tabuisiert.

Sie erwähnen im Bericht die Kantone Bern und Genf positiv. Nehmen wir Genf: Was hat der Kanton richtig gemacht?
Der Kanton Genf bemüht sich seit 25 Jahren, die soziale Integration der Menschen über Bildungsmassnahmen zu fördern, zusammen mit vielen untereinander kooperierenden Organisationen. Der Kanton hat Strukturen eingerichtet und Methoden und Manuale für den Unterricht entwickelt. Dazu gehören Bildungsgutscheine, mit denen lernwillige Personen ihre Weiterbildung finanzieren können – vorausgesetzt, sie haben sich im Rahmen einer Bildungsberatung auf ein überprüfbares Lernziel festgelegt. Dessen Erreichen wird auf Wunsch mit einem kantonal anerkannten Diplom bestätigt.

Ihr Bericht kommt auch zu kritischen Einschätzungen. Sie haben die Hauptschwierigkeit schon angesprochen: Fast alle Kantone haben Mühe, bestehende Angebote zu füllen.
2006 wurde ermittelt, dass rund 800'000 Personen im Erwerbsalter nicht genügend lesen und schreiben können. Von diesen Personen erreichen wir nur ein Prozent – obwohl jährlich weitere 20'000 zu dieser Gruppe stossen. Das ist ein Misserfolg. Um diese Quote zu verbessern, braucht es die gezielte Ansprache der Betroffenen durch die Behörden. Wenn kein solcher Kontakt besteht, müssen wir die Menschen mit guten Kampagnen und über ihr familiäres Umfeld ansprechen.

800?000 Personen in der Schweiz können nicht lesen und schreiben?
Es geht nicht darum, überhaupt lesen oder schreiben zu können, sondern darum, einen einfachen Text zu verstehen oder zu verfassen. Wir sprechen von funktionalem Analphabetismus oder Illettrismus, wobei es zur Erhebung dieser Schwäche entscheidend ist, was für bestimmte Personen ein «einfacher» Text ist. Wie hoch die Zahl auch ist: Wir können die Augen nicht davor verschliessen, dass heute auch einfache Stellenprofile voraussetzen, dass man lesen und schreiben und mit IKT umgehen kann. Auch wer Pellets ausliefert oder Gebäude reinigt, muss Anweisungen lesen, Mischverhältnisse berechnen und Rapporte schreiben. Zudem sind Grundkompetenzen auch für die Bewältigung des Alltags erforderlich – auch wenn bei der Förderung leider nicht die Teilhabe an der Gesellschaft, sondern die Employability klar im Vordergrund steht.

Was sind gute Kampagnen?
Gute Kampagnen rütteln auf und wirken nachhaltig, wie die grossen Kampagnen zum Thema Rauchen oder Aids. Dafür braucht man Mittel, die bisher nicht zur Verfügung standen. Der Verband der Schweizerischen Volkshochschulen hat zusammen mit dem Dachverband Lesen und Schreiben das Projekt «Bildungsbotschafter» lanciert. Dort spielen Menschen, die spät lesen und schreiben gelernt haben, die Hauptrolle. Sie legen in den Medien und an Veranstaltungen etwa von Arbeitgeberorganisationen Zeugnis von ihrem Weg ab. Dieses Angebot stösst gerade bei Menschen in der gleichen Lage auf eine sehr gute Resonanz.

Ihr Bericht stellt fest, dass die Zusammenarbeit zwischen der Spezialgesetzgebung und dem Weiterbildungsgesetz nicht funktioniere. Warum?
Die Förderung der Grundkompetenzen ist gemäss Weiterbildungsgesetz primär Aufgabe der Spezialgesetzgebung, zum Beispiel des Arbeitslosenversicherungsgesetzes, des Berufsbildungsgesetzes, des Ausländergesetzes, des Invalidenversicherungsgesetzes und der Sozialhilfegesetzgebung. Es gilt festzustellen, über welche Fördermassnahmen diese Gesetze verfügen. Das Weiterbildungsgesetz kommt zum Zug, wenn Lücken zu schliessen sind. Dies setzt eine enge, ständige Kooperation der Verantwortlichen in der Interinstitutionellen Zusammenarbeit (IIZ) voraus. Aber das funktioniert nicht, das System läuft im Wesentlichen leer – wenn nicht die Kantone von sich aus in die Lücke springen. Es wäre wichtig, dass die Kantone eigene Einführungsgesetze zum Weiterbildungsgesetz formulieren und darin zum Beispiel die IIZ regeln. Die Kantone, die in diesem Bereich wirklich aktiv sind, unterstützen diese Forderung. Die Behörden brauchen eine politische Legitimation, um aktiv zu werden.

Ihr Papier und eine Kantonsumfrage des SBFI bilden eine Grundlage, eine Strategie für die BFI-Periode 2021–2024 zu erstellen. Welche Erwartungen haben Sie?
Dieses zweite Grundsatzpapier legt Ziele und Mittel zu diesem Förderbereich fest. In welchem finanziellen Rahmen sich das dann in der BFI-Botschaft niederschlagen wird, ist offen. Aus meiner Sicht sind drei Elemente wichtig. Erstens sollte man vom Prinzip «Top-down» zum Prinzip «Buttom-up» wechseln. Das Weiterbildungsgesetz delegiert den Vollzug in die Kantone, die bestimmen müssen, wo sie das Thema in der Verwaltung ansiedeln, welche Ressourcen sie dafür bereitstellen und welche Aufgaben sie wie erfüllen. Ich war bisher kein Bildungsföderalist: Aber mich fasziniert, zu sehen, wie engagiert die Kantone insgesamt an diese Arbeit herangehen. Zweitens sollte man vom Finanzierungsschlüssel, wonach für jeden Bundesfranken ein Kantonsfranken zur Verfügung stehen muss, abrücken. Das Modell mag für etablierte Strukturen gut sein, aber nicht für einen neuen Förderbereich. Denn es fällt den Kantonen schwer, eine zusätzliche Finanzierung zu beschliessen, wenn der Nachfragedruck fehlt. Schliesslich sollte man auch die Vorschrift ändern, dass zwei Drittel der Bundesgelder den Teilnehmenden zugutekommen soll. Auch dafür ist es zu früh.

Ein Parlamentarier will das Budget von 15 auf 40 Millionen Franken erhöhen.
Eine Erhöhung der Mittel ist notwendig, aber bei ihrer Bemessung sind die von mir erwähnten Bedingungen des Mitteleinsatzes zu berücksichtigen. Es darf nicht sein, dass Bundesgelder liegen bleiben, weil die Kantone sie nicht anfordern können. Und ebenso wichtig ist eine gute Kooperation zwischen Bund und Kantonen: Die Kantone brauchen mehr Spielräume für regional stimmige Angebotsstrukturen, aber sie benötigen auch Begleitung und Beratung. Da sehe ich im SBFI noch viel Potenzial: Das Thema Weiterbildung ist in diesem Bundesamt bis jetzt hierarchisch zu wenig gut repräsentiert.

Welche Aktivitäten erwarten Sie vom Bund?
Der Bund soll gute Kampagnen finanzieren, die auf nationaler Ebene sensibilisieren und – mit Beizug der Kantone – auf regionaler Ebene für Nähe und Betroffenheit sorgen. Innerhalb von vier Jahren sollten zwei solche Kampagnen stattfinden. Wichtig wäre es zudem, dass der Bund die Erprobung neuer Modelle mitfinanzieren und evaluieren könnte. Das Weiterbildungsgesetz schliesst solche Aktivitäten zwar aus, aber ich würde das grosszügig betrachten. Eine Finanzierung wäre auch über das Berufsbildungsgesetz (Artikel 54 und 55) denkbar, wenn die Anforderung an den Bezug zur Berufsbildung nicht übertrieben wird.

Links und Literaturhinweise

www.up-vhs.ch

Kasten

Auch schlechte Texte können Probleme bereiten

Es gibt viele Menschen, die nicht gut lesen können. Aber manchmal liegt es nicht an ihnen, sondern an den schlecht geschriebenen Texten. Christoph Reichenau: «Kaum jemand fragt, ob die Verfasser von Behördentexten, die uns alle angehen, gut schreiben können – nicht syntaktisch, nicht orthografisch, sondern im Sinne des Bestrebens, sich verständlich zu machen, Kompliziertes so einfach wie möglich auszudrücken. Wo bleibt die Grundkompetenz Schreib- und Kommunikationsfähigkeit vieler Angestellter im öffentlichen Dienst?»

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 5 | 2019 mit dem Fokus Gleichberechtigung erscheint am 25. Oktober.