Ausgabe 03 | 2019

Fokus "Fachkräftemangel"

Erwerbsbeteiligung der Frauen

Teilzeitarbeit allein reicht nicht

Die Aktivierung der weiblichen Arbeitskräfte birgt grosses Potenzial zur Behebung des Fachkräftemangels. Was wird unternommen, um die Teilnahme von Frauen am Arbeitsmarkt zu erhöhen? Und welche Hürden gilt es dabei zu überwinden?

Von Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

In der Schweiz sind 80 Prozent der Frauen erwerbstätig oder stellensuchend. Doch dieser sehr hohe Anteil täuscht, denn 59 Prozent der weiblichen Erwerbstätigen arbeiten Teilzeit, und so landet die Schweiz gemessen am Arbeitsvolumen auf dem zweitletzten Platz in der OECD. Laut einer OECD-Studie zur Schweizer Wirtschaft sind es zwei Faktoren, welche die weibliche Erwerbstätigkeit hemmen: das mangelnde Angebot an erschwinglicher Kinderbetreuung und die massive Besteuerung von Zweitverdiensten. Dabei liesse sich durch eine stärkere Erwerbsbeteiligung der Frauen die seit einigen Jahren schwächelnde Arbeitsproduktivität in der Schweiz wieder steigern. Um dies zu erreichen, muss die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert und der berufliche Wiedereinstieg von Frauen nach dem Mutterschaftsurlaub erleichtert werden. Diese zwei Ziele hat sich denn auch die Fachkräfteinitiative (FKI) auf die Fahne geschrieben.

Neue Prioritätensetzung

Im Zusammenhang mit der FKI hat das Eidgenössische Departement des Innern eine Prioritätenordnung für die Vergabe von Finanzhilfen nach Artikel 14 des Gleichstellungsgesetzes erlassen. In den Jahren 2017 bis 2020 werden vorrangig Programme mit den zwei folgenden Förderschwerpunkten unterstützt: erstens die Entwicklung und der Einsatz von Dienstleistungen für Unternehmen, die zur Verwirklichung der Lohngleichheit von Frau und Mann sowie zur Förderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie beitragen, und zweitens die gleichwertige Teilhabe von Frauen und Männern in Berufen und Branchen mit Fachkräftemangel. Für die Vergabe der Finanzhilfen ist das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) zuständig. «Dank der FKI hat eine lange bekannte Problematik wieder mehr Aufmerksamkeit erhalten, und das Phänomen wird aus einer neuen Perspektive beleuchtet», sagt die Direktorin des EBG, Sylvie Durrer. Im Rahmen der FKI unterstütze das EBG beispielsweise Projekte, die den beruflichen Wiedereinstieg von qualifizierten Frauen oder Frauen in MINT-Berufen förderten, erläutert sie. Drei Viertel der rund vier Millionen Franken, die das EBG 2018 vergeben hat, flossen in Projekte, die im Zusammenhang mit der FKI stehen.

MINT-Berufe

Eines der vom EBG unterstützten Projekte ist der «Coding Club des filles». Dieses Programm richtet sich an 11- bis 15-jährige Mädchen und beinhaltet Programmier-Workshops, Coachings durch Studentinnen, Begegnungen mit weiblichen Rollenvorbildern und den Austausch von Informationen und Tipps über ein Online-Netzwerk. Der Club wurde 2018 von der ETH Lausanne (EPFL) lanciert und wird in den Kantonen Waadt, Wallis und Jura sowie im französischen Teil des Kantons Bern angeboten. «Unser Ziel ist, IKT-interessierte Mädchen zusammenzubringen und langfristige Kontakte zwischen ihnen zu fördern», erklärt Farnaz Moser, Leiterin des Dienstes für Wissenschaftsförderung (SPS) der EPFL. Es sei entscheidend, spezifische Workshops für ein weibliches Zielpublikum anzubieten: «Eine Umfrage bei den Teilnehmerinnen hat ergeben, dass 87 Prozent von ihnen es schätzen, dass diese MINT-Angebote ausschliesslich für Mädchen zugänglich sind. In gemischten Gruppen nehmen weniger Mädchen teil. Dort übernehmen zudem häufig die Knaben die Führung, und die Mädchen assistieren nur noch.» Die erste Sensibilisierungsmassnahme hatte die EPFL bereits 2003 mit dem Workshop «Internet pour les filles» ergriffen. Seither scheint das Bewusstsein gestiegen zu sein, wie Farnaz Moser bestätigt. Von den 12?400 Jugendlichen, die 2018 an den schulischen und aus-serschulischen Angeboten der EPFL teilnahmen, waren 55 Prozent Mädchen. «Doch bis zu einer wirklichen Gleichstellung in den MINT-Berufen ist es noch ein weiter Weg. Deshalb müssen wir unsere Arbeit unbedingt weiterführen», so Moser. «Man spricht oft von der gläsernen Decke, aber es gibt auch gläserne Wände», sagt Angela Fleury, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung des Kantons Jura, wo der «Coding Club» letztes Jahr eingeführt wurde. Sie hält die Berufswahl von Mädchen für ein wichtiges Werkzeug, um die unsichtbaren Wände niederzureissen, die Frauen von strategischen Bereichen fernhalten. Seit 2008 führt die jurassische Fachstelle für Gleichstellung zusammen mit der technischen Abteilung des kantonalen Zentrums für Aus- und Weiterbildung (CEJEF) jährliche Treffen und Besuchstage für Mädchen im achten und neunten Schuljahr durch. Diese Zusammenarbeit mündete 2012 im Programm «Les métiers techniques au féminin», das Mädchen für technische Berufe und Bildungswege sensibilisieren will und ihnen Schnupperpraktika in Schulen oder Unternehmen ermöglicht. «Die Sensibilisierung für die Technik muss sehr früh beginnen», betont Angela Fleury. «In Zusammenarbeit mit dem Programm ‹#bepog› werben wir auch für die Grundbildung in MINT-Berufen und sensibilisieren die Unternehmen dafür, weibliche Lernende zu rekrutieren.»

Ungleichbehandlung

Unabhängig davon, ob Frauen in MINT-Berufen oder in anderen Bereichen arbeiten, stellt sich aber die Frage, wie sich ihre Laufbahn entwickelt, wenn sie Kinder bekommen. «Kündigt ein Mann an, dass er bald Vater wird, holt man im Betrieb den Champagner hervor. Kündigt eine Frau an, dass sie Mutter wird, fragt sich der Arbeitgeber zuerst einmal, wie er das organisieren soll», sagt Sylvie Durrer vom EBG. Sie empfiehlt den Vorgesetzten, zuerst zu gratulieren und dann im Gespräch mit der werdenden Mutter nach einer organisatorischen Lösung zu suchen, die für beide Parteien stimmt. Für diesen Prozess gibt die Plattform www.mamagenda.ch, die vom EBG mitfinanziert wurde, zahlreiche Tipps für werdende Mütter und deren Arbeitgeber. In Sachen Teilzeitarbeit erkennt Sylvie Durrer auch einen Unterschied zwischen frauen- und männerdominierten Berufen: «Frauendominierte Branchen haben das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelöst, indem sie Teilzeitstellen anbieten. Männerdominierte Branchen müssen ihre Praxis erst noch anpassen.» So unterstützt das EBG zum Beispiel Projekte, die Teilzeitarbeit im Bauwesen, insbesondere im Maler- und Gipsergewerbe, fördern. Frauen wie Männer müssten die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit haben, sagt Sylvie Durrer, aber es dürfe auch nicht die falsche Vorstellung entstehen, dass nur eine gute Mutter oder ein guter Vater sei, wer Teilzeit arbeite. «Teilzeit ist keine Patentlösung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf», hält sie fest. «Sie hat zahlreiche kurz-, mittel- und langfristige Folgen, etwa für die berufliche Vorsorge. Wir müssen über weitere Lösungen wie ein garantiert ausreichendes, qualitativ hochstehendes und erschwingliches Kinderbetreuungsangebot nachdenken. Viele Familien können sich eine externe Kinderbetreuung nicht leisten. Die Schweiz gehört zu den Ländern, die den Familien die schwerste Last aufbürden.»

Links und Literaturhinweise

OCDE (2017): Études économiques de l’OCDE: Suisse – Synthèse. Paris, Publications de l’OCDE.
EGA (2017): Métiers techniques au féminin – Élargir ses horizons. In: d’égal à égalE! (N° 17).
www.ebg.admin.ch
www.epfl.ch
www.jura.ch

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