Ausgabe 03 | 2019

Fokus "Fachkräftemangel"

Stellen mit Aussicht

Die schweizerische Hotellerie lebt von Menschen: von ihren Gästen und von ihren Mitarbeitenden. Bei den Gästen hat sie Zulauf, doch bei den Fachkräften kämpft sie gegen den Mangel. Die Initiative «Future Hospitality!» will die Branche für alle attraktiv machen.

Von Miriam Shergold, Verantwortliche Bildungspolitik hotelleriesuisse

(Bild: Adrian Moser)

(Bild: Adrian Moser)

Es ist nicht lange her, da machte das japanische «Henn na Hotel» Schlagzeilen mit einer Massenentlassung: Die Hälfte der im Betrieb tätigen Roboter musste sich eine neue Herausforderung suchen. Eigentlich hätten die Roboter für «ultimative Effizienz» im Hotel sorgen sollen: tanzend in der Lobby, virtuos am Klavier, kräftig im Kofferschleppen, allwissend in der Auskunft. Doch dann holte sie die Gegenwart ein. Eine Gegenwart, in der Software veraltet und Bauteile ver-schleissen, das Kopieren eines Ausweises knifflig ist, schnarchende Gäste so klingen, als würden sie mitten in der Nacht eine Frage zum Wetter stellen. Eine Gegenwart, in der die Evolution der Technologie schnell, aber die des Menschen langsam ist. Auch Roboterenthusiasten/-innen sind (derzeit noch) Wesen aus Fleisch und Blut, die ihren Schlaf brauchen. Ausgeträumt ist also – vorerst – der Traum von einer eleganten technischen Lösung für den Fachkräftemangel in der Hotellerie, von diskreten Helfern mit Dauerdienstplan und Datenspeicher, von der ultimativen Effizienz. Es sind also weiterhin Menschen erforderlich, um die Gäste und die Einrichtung gekonnt zu umsorgen. Diese Menschen sind aber zunehmend schwer zu finden. Zwar üben Hotels eine starke Faszination aus: weltläufig und heimisch, öffentlich und intim, präzise organisiert und doch so bunt wie das Leben selbst. Zwar finden passionierte Gastgeber und Gastgeberinnen hier eine Berufung, die sie gegen keinen anderen Job eintauschen würden. Aber es sind zu wenige. Lehrstellen bleiben unbesetzt, und bewährte Mitarbeitende wandern in andere Branchen ab, wo sie als Dienstleistungsprofis bestens ankommen. Den betroffenen Hoteliers und Hotelieren nützt es nichts, wenn sie voreingenommene Berufsberatende, misstrauische Eltern oder einen Verfall menschlicher Treue für das Problem verantwortlich machen. Auch wenn es wirklich schmerzt, wenn Nachwuchstalente andere Richtungen einschlagen, obwohl sie hervorragend zur Branche gepasst hätten. Moderne Arbeitnehmende sind genauso wie Reisende in der Lage, «mit den Füssen abzustimmen» und dahin zu gehen, wo es am attraktivsten ist. Punkt.

Zeit zu handeln

Die Hotellerie ist also gezwungen, sich ernsthaft und selbstkritisch mit der Frage auseinanderzusetzen, auf welche Weise sie genügend geeignete Menschen gewinnen und halten kann. Damit sind in erster Linie gelernte Fachkräfte gemeint. Wer die offizielle Arbeitslosenstatistik studiert, findet zwar zahlreiche Personen, die offiziell zuletzt im Gastgewerbe tätig waren und nun auf Stellensuche sind. Hierzu gehören jedoch auch alle, die nur für kurze Zeit als ungelernte Aushilfe in unserer Branche gearbeitet haben. Das Fachkräfteproblem lässt sich also leider nicht einfach damit lösen, die Arbeitsuchenden auf die offenen Stellen für Spezialistinnen und Spezialisten zu verteilen. Die Lösung muss wesentlich umfassender und differenzierter sein. Vor anderthalb Jahren hat hotelleriesuisse daher die strategische Initiative «Future Hospitality! Attraktiv – Gemeinsam – Qualifiziert» lanciert. Wie im Namen angedeutet, spielt Bildung dabei eine Schlüsselrolle. Ziel ist es, die Arbeit der Hotellerie für Menschen mit ganz unterschiedlichem Rüstzeug möglich und erstrebenswert zu machen, und zwar nachhaltig. Schon jetzt gewinnen Hotels neue Fachkräfte nicht nur über klassische Kanäle wie Lehrstellen, sondern auch aus Potenzialgruppen wie Personen mit Familienpflichten, älteren Arbeitnehmenden, Personen mit Behinderungen, Flüchtlingen, Arbeitsuchenden sowie Ungelernten mit oder ohne Migrationshintergrund. Um erfolgreich Fuss zu fassen, brauchen diese Gruppen ansprechende und bedürfnisgerechte Aus- und Weiterbildung, Begleitung sowie gute Arbeitsbedingungen. Schon jetzt verfügt das Gastgewerbe über ein breites Bildungsportfolio, zum Beispiel RIESCO-Kurse für Flüchtlinge, Progresso-Kurse für ungelernte Angestellte oder Rezeptionskurse für Quereinsteigende. «Future Hospitality!» verfolgt das Ziel, die Nutzung dieser Bildungsangebote zu steigern und allfällige Lücken im Portfolio zu schliessen. Dass neue Angebote, die sowohl den Bedürfnissen der Zielgruppen als auch der Betriebe entsprechen, dem Branchennachwuchs ganz neuen Schwung geben können, beweist die neue Grundbildung zum/zur Hotel-Kommunikations-fachmann/-frau EFZ: Hier übersteigt die Nachfrage der Jugendlichen das Angebot an Lehrstellen bei Weitem. Schulabgängerinnen und -abgänger für die Branche zu begeistern, bleibt auch dann zentral wichtig, wenn viele Wege in die Branche führen. Innovative und sinnesnahe Begegnungen spielen hier eine Schlüsselrolle, gerade wenn sie Gleichaltrige, Eltern und Lehrpersonen miteinbeziehen. Erfolgreiche Beispiele sind der «Bildungsbus zum Anbeissen» für den Berufswahlunterricht von berufehotelgastro, «Please Disturb», der Tag der offenen Hoteltüren, sowie die Schnuppercamps von hotelleriesuisse. Wenn genügend junge Lernende ausgebildet werden können, ist die erste Hürde genommen. Aber damit der Branche dieses Humankapital erhalten bleibt, muss der gewählte Beruf auch auf der Langstrecke gefallen. Was dem entgegensteht, ist klar zu benennen und dann so gut wie möglich zu bekämpfen. «Future Hospitality!» widmet sich daher auch der Aufgabe, vorhandene und neue Daten so zu sammeln und auszuwerten, dass sich die Stimmung beim Personal und ein entsprechender Handlungsbedarf in der Branche laufend ermitteln lassen.

Bildung für alle

Die Arbeitgeber der Fachkräfte der Zukunft benötigen nicht nur eine grundsätzliche Offenheit, sondern auch zusätzliche Kompetenzen. Daher unterstützt «Future Hospitality!» Führungsverantwortliche darin, sich selbst und ihren Betrieb als Arbeitsplatz weiterzuentwickeln, sei es durch Weiterbildung oder durch Vernetzung. Wer zum Beispiel bereits Erfahrungen damit hat, Dienstpläne mit Rücksicht auf familiäre Bedürfnisse zu gestalten oder Ungelernte zum EFZ zu begleiten, ist Gold wert für jene, die ähnliche Schritte planen. Als Ergänzung zu den bewährten Erfahrungsgruppen sieht «Future Hospitality!» eine digitale Plattform vor, mithilfe derer Führungsverantwortliche Wissen teilen sowie geeignete Weiterbildungs- und Coachingangebote finden können. Mit Bildung gegen den Fachkräftemangel in der Hotellerie vorzugehen, bedeutet also ausdrücklich, dies auf allen hierarchischen Ebenen zu tun. Die Hotellerie wird auf absehbare Zeit hin nicht an die Spitze der Lohnpyramide vorrücken und sicher auch nicht allen Mitarbeitenden alle Wochenenden freihalten können. Trotzdem gibt es Häuser, die ihre Belegschaft für sich begeistern. Die richtigen Denkanstösse und Instrumente können alle Betriebe darin unterstützen, sich als Arbeitsumgebungen voll zu entfalten. Kluge Einsatzplanung, spannende Weiterbildungs- und Karrierechancen, wirkungsvolle Anerkennung oder hauseigene Angebote für die Mitarbeitenden: «Future Hospitality!» trägt zusammen und in die Branche hinaus, was Hotels als Orte von und für Menschen wirklich weiterbringt. Denn der echte Schlüssel zur «ultimativen Effizienz» im Hotel ist eine versierte und loyale Equipe. Was durchaus noch Platz für Roboter lässt. So manche Lobby ist nämlich eigentlich zu schön, um nicht darin zu tanzen.

Links und Literaturhinweise

www.hotelleriesuisse.ch

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